Talk im Ersten: Beckmann hört freiwillig auf

Reinhold Beckmann gibt seine ARD-Talkshow freiwillig auf. Seine Entscheidung machte er am Sonntag in der FAS publik. Ende nächsten Jahres sei Schluss. Grund: Das anhaltende "Gerangel um zu viel Talk im Ersten". "Vielleicht beendet ja mein Entschluss die ständige Auseinandersetzung zwischen den Sendern über zu viel Gerede", sagte Beckmann. Derweil berichtet der Spiegel, schon am morgigen Montag hätten die ARD-Intendanten vielleicht ohnehin das Aus für "Beckmann" nach 14 Jahren beschlossen.

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Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagte Beckmann, er sei "der Debatten über Sinn und Unsinn der politischen Talkshows in der ARD einfach müde". Er habe dem NDR-Intendanten Lutz Marmor seine Entscheidung mitgeteilt: Ende 2014 soll Schluss sein mit "Beckmann". Er selber wolle damit "ein ARD-internes Gerangel um zu viel Talk im Ersten" lösen. Er werde weiter Sendungen für NDR und ARD moderieren, produzieren und entwickeln.

ARD-Programmdirektor Volker Herres ließ in einer Pressemitteilung verlauten, die ARD habe die Entscheidung Beckmanns zu akzeptieren, er persönlich bedauere dies aber sehr. Beckmann sei ein "ebenso kompetenter wie leidenschaftlicher und mutiger Fernsehschaffende". 

Aus Sicht der Programmplanung ist es nur konsequent, die Talksendungen im Ersten wieder zurückzufahren. Höchstens vier Formate soll es am späten Abend noch geben, vielleicht auch nur noch drei. Die Offensive "Talk im Ersten" startete im Herbst 2011. Die Talk-Inflation wurde in erster Linie durch die Anwerbung von Günther Jauch entfacht. Denn der bekam als glänzendster Star der Moderatoren-Riege den besten Sendeplatz am Sonntagabend nach dem "Tatort". Der Talk mit Anne Will rutschte auf den Mittwoch. "Hart aber fair" mit Frank Plasberg bekam den Montag, "Menschen bei Maischberger" etablierte sich am Dienstag. Und Reinhold Beckmann blieb der eher undankbare Donnerstagabend, an dem auch das ZDF mit Maybrit Illner ein Talk-Format sendet. Dass von fünf Sendungen mindestens eine zu viel war, wussten bereits vor zwei Jahren alle Beteiligten – doch die hatten vor allem ihre eigenen Interessen im Sinn.
Nun ist es halbwegs müßig, über die Qualitäten der unterschiedlichen Moderatoren zu räsonieren. Dies kann man tun, muss es aber nicht. Kein Talker fällt signifikant gegenüber seinen Kollegen ab, was die Gesprächsführung angeht. Und keiner ragt wirklich heraus. Und so hat die Mehrheit der ARD-Intendanten offenbar das einzige Kriterium herangezogen, das in so einem Fall herhalten muss – die Quote. Denn auch aufgrund seines vergleichsweise schlechten Sendeplatzes liegt Beckmann im Quoten-Ranking hinten.
Laut Spiegel treffen sich die Intendanten der ARD am Montag in Berlin zu einer Sondersitzung. Weil die Rundfunkräte des WDR und des Bayerischen Rundfunks einen Abbau der Talk-Formate fordern, waren die Senderchefs unter Zugzwang geraten. Zwar wird intern seit knapp zwei Jahren über die Talk-Strategie beratschlagt, aber ARD-üblich ist bisher rein gar nichts geschehen. Auch aus Furcht, inkonsequent zu wirken oder einen der Moderatoren zu beschädigen. Mit seinem freiwilligen Rückzug hat Beckmann seinen Chefs nun eine unangenehme Entscheidung abgenommen. Gleichzeitig macht er deutlich, dass er kein Bauernopfer im Spiel der Intendanten sein will.
Das Talk-Überangebot führte dazu, dass die einzelnen Redaktionen mithilfe einer Datenbank ihre Gästeauswahl abstimmen sollten. Es führte auch dazu, dass in einer Woche, in der ein Thema die Massenmedien dominierte, sich gleich mehrere Talks dieses Themas annahmen. Zuletzt war das bei der Steueraffäre um Uli Hoeneß so. Dies ist aus Sicht der Redaktionen verständlich, denn ein populäres Thema verspricht gute Quoten. Und genau die sind ja nun auch der Maßstab, nach dem über die Absetzung eines Formats entschieden wird. Hätte sich eine der Talk-Sendungen völlig konträr zum internen Wettbewerb aufgestellt, überraschende oder gar unbequeme Themen gewählt, die nicht nach dem Quotendenken ausbaldowert worden wären – sie stünde vermutlich heute ganz oben auf der Streichliste. 
Zuschreiben müssen sich die Intendanten die Misere selber. Die ARD-Entscheidung für fünf Talk-Sendungen hat zu mehr Gleichförmigkeit geführt. Statt vor zwei Jahren gemeinsam konsequent drei Formate zu entwickeln, die sich nicht nur in der Person des Moderators unterscheiden, hat das System ARD fünf Formate zugelassen, die alle Beteiligten unausweichlich in die Zwickmühle brachten. 

Der Spiegel-Bericht hat insofern einen kleinen Schönheitsfehler, als dass Beckmann laut FAS bereits vor drei Wochen seinen Ausstieg angekündigt hat, davon aber in dem Artikel gar nicht die Rede ist. Es bliebe den Intendanten am Montag natürlich die Möglichkeit, den Talker schon vor Ende 2014 abzusetzen. Diese Option scheint nach Beckmanns Interview aber eher unwahrscheinlich zu sein.

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