Die re:publica als Filter-Bubble

Gerade begann in Berlin die Bloggerkonferenz re:publica. Das diesjährige Motto "Inside out" verdeutlicht treffend das Problem, das die Netz-Szene hierzulande hat: Seit Jahren sind es die gleichen Köpfe, die aus einem inneren Zirkel Sachen nach außen tragen. Ein besseres Motto angesichts der Sinnkrise ob der verlorenen Kämpfe in Sachen Leistungsschutzrecht, Netzneutralität und Anti-Terrordatei wäre daher "Outside in" - der Versuch, neue Leute einzubeziehen. Doch das ist nicht im Interesse aller.

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Die re:publica ist die größte deutsche Konferenz für alle, die mit dem Internet zu tun haben. Entstanden aus einem Bloggertreffen ist sie längst zu einer festen Größe im deutschsprachigen Web geworden. Aber sie ist mittlerweile auch eine "Filter-Bubble". Der Kreis derer, die die re:publica veranstalten, bestimmt maßgeblich die Netz-Agenda für die kommenden 12 Monate. 
Zwar gibt es alljährlich einen "Call of Papers", neben direkt von den Organisatoren gehaltenen Vorträgen und geladenen Speakern sind aber auch die Vorträge aus diesen Einreichungen handverlesen. Transparenz ist bei den sonst so häufig Transparenz fordernden Ausrichtern in dieser Hinsicht nicht gewünscht. Die immer wieder aufkommende Forderung, das Programm oder Teile davon zuvor zur Abstimmung zu stellen, wird abgelehnt.
Auch in anderen Punkten manifestiert sich die re:publica als Filter Bubble. Tickets werden nicht wie bei anderen Konferenzen für diejenigen ermäßigt, die ein geringeres Einkommen haben, wie zum Beispiel Schüler und Studenten, sondern für diejenigen, die als erste buchen. Das gelingt nur denen, die rechtzeitig vom Vorverkaufsstart erfahren, meist weil sie den Blogs und Twitter-Accounts der Veranstalter folgen. Hinzu kommt: Obwohl längst etabliert findet die Konferenz jedes Jahr in Berlin statt, anstatt sich anderen Städten zu öffnen und so Teilnehmern von weiter weg den Druck der Anreise und Unterkunft zu nehmen.
Sascha Lobo als Sinnbild
Dies alles sorgt für eine starke Vorselektion der Themen und Teilnehmer. Dabei wäre ein großes Aufbrechen der bisherigen Grenzen im Web das wohl Wichtigste, das zu diskutieren wäre. Im Nachgang an die Entscheidung zum Leistungsschutzrecht veröffentlichte Sascha Lobo (der seit Jahren als einer der Großen auch ohne vorab ein Thema nennen zu müssen den Hauptvortrag der re:publica halten darf, quasi als eine Art "Regierungserklärung") einen Blogpost, in dem er beklagte, dass die Netzgemeinde zu schlecht vernetzt sei. Zu schlecht untereinander, zu schlecht in die Politik und zu schlecht zu anderen Netz-Nutzern, wie den Usern auf YouTube.
Sascha Lobo ist das wohl bekannteste Phänomen der Filter Bubble rund um das deutschsprachige Internet. Auf seiner Seite finden sich prominent die Referenzen des Netz-Stars. Demnach hat er unter andrem Vorträge für das Bundesarbeitsministerium, mehrere Verlage (die das Leistungsschutzrecht unterstützen) und die Telekom (die gerade die Netzneutralität in Frage stellt) gehalten.
Andere langjährige Sprecher der deutschen Netz-Szene sind die Initiatoren und Organisatoren der re:publica selbst. Die Köpfe hinter dem Blog netzpolitik.org rund um Markus Beckedahl etwa. Das Blog mag rechtlich und organisatorisch von der Lobby-Organisation "Digitale Gesellschaft" getrennt sein, für Außenstehende ist die Trennlinie aber schwer wahrzunehmen. Müßig zu erwähnen, dass die "Digitale Gesellschaft" 2011 prominent auf der re:publica vorgestellt wurde.
Netz-Szene als Hauptmann zu Köpenick
In dieser Netz-Szene schaffen es nur wenige, bekannt zu werden. Diejenigen, die es schaffen, sind gefragte Interviewpartner, Gastredner und Berater. Als solche kommt es ihnen gelegen, wenn die Netz-Agenda von ihren Themen bestimmt ist. Dabei muss man nicht einmal den Vorwurf erheben, dass sie ihren Status Quo aktiv verteidigen. Die Faktoren, die zu diesem Effekt führen, haben sich über Jahre eingefahren.
Gleichsam muss man auch schlichtweg anerkennen: Sonst macht es ja keiner. Die re:publica-Gründer hatten die Idee und den Mut zu einer solchen Konferenz und bringen jährlich die Mühe auf, das Event auszurichten. Dafür ernten sie und die Menschen um sie herum auch die Früchte. 
Trotzdem: Es ist ein wenig wie beim Hauptmann zu Köpenick: Will man zu den Großen im deutschen Web gehören, muss man von den Großen beachtet werden. Um von den Großen beachtet zu werden, muss man jedoch zu ihren Kreis gehören. Nur wenige schafften es durch innovative Ideen, Glück oder Engagement in den vergangenen Jahren in die "erste Reihe" aufzusteigen, die auch von klassischen Medien und Unternehmen beachtet wird: Richard Gutjahr zum Beispiel oder die Initiatorinnen des #aufschrei. 
Vegane Ernährung statt Leistungsschutzrecht
Gerade der #aufschrei macht noch etwas deutlich: Es gibt keine Netzgemeinde. In Wahrheit gibt es viele einzelne Netzgemeinden. Heutzutage wird im Netz nicht mehr nur über Netzpolitik geschrieben, es gibt die Netzgemeinden der Lokalblogger, der Autoblogs, der Vegan-Szene, der Hobby-Bastler und viele weitere. Statt die Themen einer dieser Netzgemeinden zu erheben, sollte es darum gehen, eine "Netzunion" zu gründen, die alle Gemeinden verbindet, so unterschiedlich ihre Präferenzen auch sein mögen.
Das bedeutet aber auch, Anderen Einfluss und Präsenz zu überlassen. Und so hart es den Internet-Pionieren auch fallen mag, es bedeutet womöglich auch, dass die Mehrheit dieser Netzunion zunächst für veganes Essen an Schulen und gegen Sexismus kämpft, statt gegen ein Leistungsschutzrecht. Das Vegan-Blog zum Beispiel erzeugt laut den Deutschen Blogcharts einen höheren Buzz als Netzpolitik.org. Doch wer will, dass andere für ihn kämpfen, sollte auch die Kämpfe anderer ernst nehmen. 
Die Konferenz-Filterbubble sollte gesprengt werden. Statt "Inside out", ist es Zeit für "Outside in". Die re:publica wäre dadurch sicher eine andere. Doch auch die Nutzerschaft des Web ist eine andere, als sie es vor sechs Jahren war, als die erste re:publica stattfand.

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