Neue Rolle: Twitter ist erwachsen geworden

Twitter ist endgültig in der Nachrichtenwelt angekommen. Dieser Satz fällt in regelmäßigen Abständen, aber nie war er so treffend wie aktuell. Der Dienst ist für Behörden, Politiker und Medien unverzichtbar geworden. Mitteilungen hier können Kursschwankungen an der Börse verursachen. Und auch sich selbst nimmt das US-Unternehmen mittlerweile so wichtig, dass es Accounts besser gegen Hacker-Attacken absichern will und in Personal für eigenen Journalismus investiert.

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Schon seit Jahren gibt es im Geschäft der Breaking News sogenannte "Twitter Momente": unerwartete Ereignisse wie die Notlandung einer Passagiermaschine im Hudson River oder die Tsunami- und Erdbeben-Katastrophe in Japan, aber auch "Terminjournalismus" wie bei der US-Präsidentenwahl oder dem Super Bowl. Im Unterschied zu früher sind die Nutzerzahlen enorm gestiegen und es wird nicht mehr als Besonderheit wahrgenommen. Twitter wird in den meisten Medien nicht einmal mehr erklärt, sondern selbstverständlich als Quelle genutzt und angegeben.
Das mag im ersten Moment widersprüchlich erscheinen, wenn man bedenkt, dass Twitter (wie auch Facebook) laut Zitate-Ranking von Media Tenor im ersten Quartal 2013 seltener zitiert wurde als im Vorjahreszeitraum. Doch ein Blick auf die jüngsten Ereignisse aus Bosten zeigt, woran das liegen könnte. Twitter ist nämlich nicht mehr nur ein Lieferant für unbestätigte Gerüchte oder kalkulierbarer Stimmgeber für Empörung, sondern auch Kanal für offizielle Verlautbarungen. Im Falle des Bomben-Anschlags auf den Bosten-Marathon nutzte vor allem die Polizei Twitter, um über die aktuellen Geschehnisse zu informieren: die Verhaftung des Verdächtigen, das Dementi einer weiteren Bombe, die Suche nach Verdächtigen.
Viele Medien zitierten daher nicht den Kanal Twitter, sondern den Übermittler, die Bostoner Polizei. Die Selbstverständlichkeit, mit der Informationen der Accounts von offiziellen Stellen verwendet werden, birgt jedoch auch Gefahren. Denn anders als der Zugang zu einer Nachrichtenseite oder den E-Mail-Konten von Behörden oder Nachrichtenseiten, sind deren Twitter-Konten nicht besser geschützt, als die von Privatpersonen. Im Gegenteil: Da meist mehrere Geräte und Personen auf ein Twitter-Konto zugreifen, ist das Sicherheitsrisiko ungleich höher. 
Was passieren kann, wenn sich Unbefugte Zugang zu einem Twitter-Account verschaffen, zeigte jüngst der Hack des AP-Kontos. Über dieses wurde verkündet, es habe Explosionen im Weißen Haus gegeben und der US-Präsident sei verletzt. Sofort rutschten die Börsenkurse in den Staaten ab. Der wachsenden Bedeutung ist sich Twitter offenbar bewusst. Daher wollen die US-Amerikaner künftig mehr Sicherheit bieten und planen ein zweistufiges Passwort-System.
Auch Peer Steinbrück konnte sich im Wahlkampf Twitter nicht verschließen – und das obwohl er zuvor angekündigt hatte, dass er nicht twittern würde. Ein wichtiges Unternehmen oder eine wichtige Person ohne Twitter-Account? Das ist 2013 kaum mehr denkbar. So ist nun auch Bill Clinton offiziell Twitter beigetreten. Weniger offiziell, weil nicht von Twitter verifiziert und bislang auch kaum aktiv, ist seit kurzem Thomas Rabe, der CEO von Bertelsmann, an Bord.
Die wachsende Bedeutung von Twitter (und anderen sozialen Netzwerken) zwingt Online-Medien zum Umdenken. Durch viral verbreitete Links kommt ein zunehmender Teil der Leser nicht mehr über die Startseite auf die Nachrichtenangebote, sondern direkt auf Beiträge. Das bringt neue Herausforderungen für CvDs mit sich. Sie müssen nicht nur beachten, wie gut Texte laufen und wie sie nach Relevanz zu bewerten sind, wenn es darum geht, zu bestimmen welcher Beitrag an welcher Position auf der Homepage zu sehen ist. Stattdessen müssen sie auch beachten und bewerten, woher der Traffic kommt: Läuft ein Beitrag viral gut, muss er eventuell nicht auf der Homepage zu finden sein – oder eben gerade deshalb? Die passenden Antworten werden in den Redaktionen noch gesucht. 
Auch was die Gestaltung der Website angeht, wird dem Rechnung getragen. Anzeigen-Plätze müssen zunehmend auf Beitragsseiten wandern, weg von den großen Webeflächen auf Startseite oder Ressortseiten, die oft noch sehr nah am Print-Denken sind. Zeitgleich soll der Leser, der quasi durch die Hintertür zum Nachrichtenangebot gestoßen ist, eingeladen werden, auf der Seite zu verweilen. Die Relaunchs einiger großer Nachrichtenseiten gehen dahin, dass jede Artikelseite zu einer kleinen Startseite wird.
Twitter beeinflusst also nicht nur, was geschrieben wird und woher die Informationen genommen werden, sondern zunehmend auch, wie sie aufbereitet werden. Und Twitter will künftig verstärkt auch selbst Nachrichten erstellen. Jüngst verpflichtete der Dienst daher einen der bekanntesten Datenjournalisten, Simon Rogers. Der gründete 2009 beim Guardian das Datablog und machte beim britischen Blatt den Datenjournalismus weltweit populär. Er wechselt von einem traditionellen Medium zum Social Media-Dienst und soll er dort als erster Datenreporter dazu beitragen, die Informationsfülle bei Twitter journalistisch auszuwerten.
"Twitter ist so ein bedeutendes Element in der Arbeit von uns Journalisten geworden, dass es unmöglich ist, es zu ignorieren. Es rückt zunehmend in den Mittelpunkt jeder großen Veranstaltung, von Politik, über Sport, bis hin zur Unterhaltung. Als Daten-Reporter werde ich helfen zu erklären, wie dieses Phänomen funktioniert“, beschrieb Rogers seine Aufgaben und die Bedeutung von Twitter.
In Rogers Worten wird klar: Twitter im Jahr 2013 ist endgültig erwachsen geworden. In seiner Kindheit war Twitter Promi-Tratsch und "Ich trinke einen Kafffe"-Tweets, in seiner Jugend journalistisch relevant, wenn Außergewöhnliches passierte. Das erwachsene Twitter ist rund um die Uhr relevant. Für Witze zu einer ganzen Reihe verschiedener Themen ist der Dienst aber auch als "Erwachsener" immer noch zu haben…

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