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“Kein Journalismus, sondern Demagogie!”

Der Streit zwischen dem Hessischen Rundfunk und der Anwaltskanzlei Höcker wegen der Amazon-Doku der ARD geht weiter. Die Kanzlei Höcker vertritt das Leipziger Job-Touristikunternehmen CoCo, das sich gegen Vorwürfe aus der Amazon-Doku “Ausgeliefert” wehrt. Höcker hat auf einem Nebenschauplatz eine einstweilige Verfügung gegen den Film erwirkt. Nun geht es darum, ob der HR eine Zeugen-Aussage manipuliert hat. Ralf Höcker: “Das ist kein Journalismus, das ist Demagogie!”

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Konkret geht es um eine E-Mail, die in der ARD-Doku “Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon”, gezeigt wurde. In der Mail beklagte eine angebliche polnische Leiharbeiterin namens Agnieszka Lewandowska, Amazon Mitarbeiter seien "… im Keller des Restaurants abgefüttert (worden) wie die Schweine". Das für die Unterbringung der Leiharbeiter zuständige Unternehmen CoCo erklärte bereits kurz nach Ausstrahlung des Film, dass es in dem betreffenden Hotel gar keinen Keller gebe.

Zudem stellte sich heraus, dass es auch keine Leiharbeiterin mit Namen Agnieszka Lewandowska gibt. Die Aussagen (“…abgefüttert wie die Schweine…”) stammten in Wahrheit von einem anderen Informanten. Das HR-Team habe den Namen Agnieszka Lewandowska aus Gründen des Informantenschutzes als “Legende” gewählt, heißt es in einer Stellungnahme des HR. Der tatsächliche Absender der E-Mail habe angekündigt, seine Eigenschaft als Verfasser an Eides statt zu versichern, so der HR. Wegen der Formulierung in der gezeigten Mail setzte Höcker eine einstweilige Verfügung gegen die Doku wegen einer unzulässigen Schmähkritik durch.

Nun hat diese Verfügung wegen “Schmähkritik” im Kern nichts mit den Vorwürfen gegen Amazon aus dem Film zu tun und bedeutet auch nicht, dass die im Film gezeigten Missstände nicht existieren würden. Dass ein erfahrenes Reporterteam aber schlicht vergisst, darauf hinzuweisen, dass ein Name aus Gründen des Informantenschutzes geändert wurde, wie es der HR nun darstellt, ist durchaus bemerkenswert.

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Anwalt Ralf Höcker lässt die Sache nicht ruhen und legt mit scharfer Kritik am HR nach. Gegenüber MEEDIA erklärte Höcker: "Der HR hat eben nicht nur einen bloßen Namen erfunden, sondern gleich eine komplette leidende polnische Leiharbeiterin, die sich vermeintlich hilfesuchend an den HR gewandt haben soll. Diese Arbeiterin hat es nie gegeben! Die neue Quelle, die der HR nun nachschiebt, um die Arbeits- und Wohnbedingungen der Arbeiter zu beschreiben, nämlich einen Busfahrer, der selbst überhaupt nicht bei Amazon gearbeitet hat, war den Journalisten aber wohl zu unspektakulär und zu unauthentisch. Deshalb haben sie dramatisiert und aus dem langweiligen Busfahrer den Hilfeschrei einer vermeintlich geknechteten polnischen Arbeiterin gemacht. Das ist kein Journalismus, das ist Demagogie!"
HR-Sprecher Tobias Häuser schießt zurück: "Diese Kritik entlarvt sich von selbst als das, was sie ist: Polemik und der durchsichtige Versuch, die gut recherchierte Dokumentation durch Haarspalterei zu diskreditieren. Die Vorwürfe sind widerlegt und ändern im Übrigen nicht das Geringste an der Glaubwürdigkeit und dem eigentlichen Thema dieser wichtigen Reportage.

Der HR hatte bereits angekündigt, gegen die einstweilige Verfügung Widerspruch einzulegen. Weitere juristische Schritte wolle man prüfen, weil die Kanzlei Höcker zuvor ein Statement der HR-Rechtsabteilung verbreitet hatte, bei der der Hinweis, dass es sich bei dem Namen “Agnieszka Lewandowska” um eine Legende aus Informantenschutzgründen handle, weggelassen wurde. Die Stellungnahme sei “verkürzt und damit verfälscht” wiedergegeben worden, so der HR.

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