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Der Wind of Change am Baumwall

Beim Hamburger Verlagshaus  Gruner + Jahr stehen die Zeichen auf Veränderung radikaler Natur. Die bisher nur als Deutschland-Chefin im Vorstand agierende Julia Jäkel hat in den Augen von Hauptgesellschafter Bertelsmann ihre Bewährungsprobe offenbar bestanden und rückt zur CEO auf. Außerdem zieht sie Group Management Committee von Bertelsmann ein. Die beiden G+J-Vorstände Achim Twardy und Torsten-Jörn Klein müssen gehen. Jäkels Vertraute rücken nach. Mit den Personalien dürfte eine Phase des Umbaus eingeläutet werden.

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Der Einzug Jäkels ins Group Management Committe Bertelsmanns ist ein Zeichen der Wertschätzung der neuen G+J-Frontfrau von den Bertelsmännern. In dem Gremium sitzen u.a. auch Random-House-Chef Markus Dohle und RTL-Chefin Anke Schäferkordt. Mittlerweile wurde die manager-magazin Meldung zum Umbau des G+J-Vorstandes auch offiziell vom Verlag bestätigt. Dei neue Vorstandsorganisation stehe für Produktorientierung, Teamgeist und Agilität, heißt es da. 

Aber wofür stand eigentlich der alte Vorstand und warum müssen Twardy und Klein eigentlich weg? So ein richtiger Grund mag einem gar nicht einfallen. Beide Medien-Manager haben in der Vergangenheit erfolgreich und gut für G+J gearbeitet. Boldt mutmaßt, dass Kleins Demission damit zusammenhängen könnte, dass G+J künftig seine internationalen Aktivitäten herunterfährt. Gut möglich: Spanien ist ein Trauerspiel, Asien ist mit Indien und China potenziell wachstumsstark aber extrem schwierig (Indien notorisch chaotisch, China gnadenlos staatszentralistisch) und das Geschäft in Frankreich war auch schon mal fröhlicher.

Aber warum hat man Finanz-Mann Achim Twardy gleich mit fortschickt? Man kann da nur spekulieren. Vielleicht wollten Bertelsmann und die Jahr-Familie als Gesellschafter ein deutliches Signal für den Neuanfang setzen. Vielleicht. Julia Jäkel hat ihre Vorstands-Feuerprobe als Deutschland-Chefin in den Augen von Bertelsmann-Chef Thomas Rabe jedenfalls bestanden – sonst würde sie nun nicht zur CEO aufsteigen. Und mit Stephan Schäfer nimmt sie ihren bewährten Vertrauten im Gruner-Reich gleich mit ins oberste Leitungs-Gremium.

Schäfer hat eine raketenhafte Karriere bei G+J hingelegt: zuerst Chefredakteur bei Schöner Wohnen, dann kam Essen & Trinken dazu, dann Häuser, dann die Neuentwicklung Couch. Schließlich übernahm Tausendsassa Schäfer auch noch die Redaktion der Brigitte und wurde Verlagsgeschäftsführer der ganzen Life Gruppe bei G+J. Die Chefredaktionen von Essen & Trinken, Häuser und Couch gab er mit diesem Karriere-Schritt allerdings ab. Die Redaktionsjobs dürfte er nun – zumindest offiziell – komplett niederlegen.

Und nun also die Berufung zum Vorstand “Produkte”, wie das manager magazin schreibt. Eine gespreizt-technische, man möchte fast sagen: bertelsmännische Vorstandsbezeichnung für einen Verlag, der sich als führendes Haus für journalistische Qualität-Inhalte positionieren will. Aber so hat man es sich in Gütersloh und Hamburg nun einmal ausgedacht.

Oliver Radtke dürften dagegen die wenigsten als neuen Gruner-Vorstand auf dem Zettel gehabt haben. Der ehemalige CIO hat in Dresden für G+J die Geschäfte bei der DDVG (Sächsische Zeitung, Dresdner Morgenpost) gemanagt. Davor war er Geschäftsführer G+J Operations und “Change Manager”. Sie lieben halt diese englischen Buzzwords … Als COO werden ihm Teile von Achim Twardys bisherigen Zuständigkeiten zugeschlagen. Man darf vermuten, dass er bei der Digitalisierung des Hauses G+J auch ein Auge auf die nicht ganz unwichtige technische Seite haben wird.

Schäfer dagegen dürfte so etwas sein wie der oberste Journalist und Markenführer des Hauses. Nominell unterstehen ihm nun auch solche “Produkte” wie der frisch aufgehübschte stern oder das Corporate Publishing Portfolio. Man darf annehmen, dass er als Manager auch mit dem einen oder anderen Ressentiment in der einen oder anderen Redaktion umgehen wird müssen.
Unterhalb des Vorstands wird ein so genanntes Executive Committee eingezogen, das die unternehmerischen Aktivitäten und die Transformation steuern soll. Das Committee besteht aus den drei Managern: Stan Sugarman (CHief Digital und Chief Sales Officer), er ist verantwortlich für die Digital-Strategie. Rolf Heinz, bisher Geschäftsführer Prisma Media Frankreich, er übernimmt zusätzlich die Leitung von G+J International Europe und damit neben Frankreich auch die Länderverantwortung für Adria, Holland, Italien, Österreich, Polen und Spanien. Sowie Udo Stalleicken, bisher Leiter Finanzen. Er wird Chief Financial Officer und übernimmt die Gesamtverantwortung Finanzen und Controlling. Er berichtet an Oliver Radtke. Die bisherigen Aufgaben von Twardy und Klein werden also zwischen dem neuen Vorstand und dem Executive Committee verteilt.
Die Hauptlast liegt aber auf den Schultern von Julia Jäkel. Sie ist nun ohne Wenn und Aber die Chefin am Baumwall. Das bedeutet volle Kontrolle aber auch volle Verantwortung. Der neue Vorstand ist erkennbar auf sie zugeschnitten. Die Chemie zwischen ihr und Bertelsmann-Boss Rabe scheint zu stimmen, das Vertrauen der Jahr-Familie hat sie sowieso. Gütersloh-Kenner Boldt meint zwar im manager magazin, dass die Bertelsmänner G+J nun wie einen “Filialbetrieb” führen würden – das muss aber noch nicht einmal das Schlechteste sein. Es wäre immerhin eine ziemliche große, immer noch ziemlich eigenständige Filiale. Wenn Rabe Julia Jäkel und G+J Steine in den Weg legt, wäre das letztlich auch für Bertelsmann kontraproduktiv.

Beim Spiegel suchen sie gerade einen neuen Chefredakteur. Bei Gruner haben sie einen neuen Vorstand gefunden. All dies ist wohl nur das Vorspiel für den auffrischenden Wind of Change in der Branche. Das wird ganz sicher noch ein verdammt spannendes, vielleicht auch ein verdammt raues Medienjahr.
Update: Folgendes Statement von Julia Jäkel hat Gruner +Jahr zu dem Vorstandsumbau verbreitet:
Julia Jäkel: "Der Aufsichtsrat hat eine weitreichende Entscheidung getroffen und gemeinsam mit meinen neuen Vorstandskollegen stelle ich mich dieser Aufgabe und bedanke mich für das Vertrauen. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass der Weg der Transformation eine große Chance für uns ist. Wir gehen diesen Weg mit dem Rückhalt des Aufsichtsrates und unserer beiden Gesellschafter und deren Bereitschaft zu notwendigen Investitionen. Mein persönlicher Dank, auch im Namen aller Kolleginnen und Kollegen von Gruner + Jahr,  gilt meinen beiden Vorstandskollegen Torsten-Jörn Klein und Achim Twardy. Ich habe mit beiden hervorragend, partnerschaftlich und professionell zugleich, zusammengearbeitet und  von ihrer Erfahrung als Vorstand profitiert. Nun richte ich meinen Blick nach vorne. Mein Ziel habe ich klar formuliert: Wir wollen das führende Haus der Inhalte sein, das in der digitalen Welt erfolgreich ist. Dazu wollen wir besser, schneller, effizienter und digitaler werden. Besser und schneller mit Blick auf unsere Hefte, digitale Produkte, aber auch auf unsere Entscheidungswege. Effizienter mit Blick auf unsere Organisation. Und digitaler mit Blick auf die Ausrichtung des gesamten Hauses und die Transformation in eine digitale Welt. Wir, der neu zusammengesetzte Vorstand, das Executive Committee und die Führung des Hauses wollen das Unternehmen sichtbar reformieren. Wir  wollen als Team zukünftig in einer bewusst agilen und offenen Vorstandsorganisation arbeiten, Bereichsdenken werden wir hintenanstellen. Wir wollen für Produktorientierung, Teamgeist, Kreativität, Klarheit, aber auch für ein neues Miteinander stehen – und daran werden wir uns messen lassen. Ich freue mich auf die intensive Zusammenarbeit mit Oliver Radtke, Stephan Schäfer, dem Executive Committee und allen Kolleginnen und Kollegen bei Gruner + Jahr im In- und Ausland."

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