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„Zeit, selbst eine Lawine loszutreten“

Die Gewinner des MEEDIA-Essaywettbewerbes stehen fest. Beziehungsweise: die Gewinnerinnen. Für ihren Text "Schnee im Newsroom" hat die Jury Spiegel Online-Redakteurin Verena Töpper den ersten Platz zugesprochen. Den zweiten und dritten Platz belegen Ulrike Schuster und Verena Hölzl. Die Gewinnerinnen nehmen auf Einladung der Hamburg Media School an dem Seminar "Audience Understanding" in Chicago und St. Petersburg/Florida teil. MEEDIA veröffentlicht die besten Essays zur Frage: Können wir noch von den USA lernen?

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Die Aufgabenstellung an die MEEDIA-Leser lautete konkret: Können deutsche Journalisten bei der digitalen Transformation ihrer Medien von ihren US-Kollegen lernen? Wenn ja, was? Wenn nein, warum nicht? Verena Töpper, seit Herbst 2011 Redakteurin bei Spiegel Online, nahm die eindrucksvoll in Szene gesetzte Lawinenstory "Snow Fall", die auf der Website der New York Times zu erleben ist, zum Anlass, sich mit neuen Erzählformaten im Netz auseinanderzusetzen. Der deutsche Onlinejournalismus brauche einen Ruck, glaubt Töpper. Und mehr als "News-Häppchen". Hier ihr kompletter Essay: 

Schnee im Newsroom

Ein amerikanischer Zeitungsartikel hat mich um den Schlaf gebracht. Seine Überschrift besteht nur aus zwei Wörtern, und die klingen langweilig: "Snow Fall". Als Onlinejournalistin kommt man an diesem Artikel nicht vorbei. Er setze Maßstäbe, heißt es. Das Layout sei großartig, die Videos spektakulär, der Text sowieso. Also lese ich. Und lese. Und scrolle. Und als ich wieder auf die Uhr gucke, ist es drei Uhr nachts.
Das ist die Zukunft des Journalismus, sagt der eine. Das ist was völlig Neues, sagt der andere. Das kann nur die New York Times, sagen beide. Ich sage: Quatsch. "Snow Fall" ist so spannend wie ein Kinofilm und so bewegend wie ein Roman. Aber "Snow Fall" ist auch einfach nur Text und Film und Foto – geschickt verkauft. Schwarze Schrift auf weißem Grund, ohne Wallpaper, Google-Ads und Links. Das macht die Faszination aus. Also los, räumen wir unsere eigene Internetseite auf.

Nein, warte, rufen die anderen. Diese Fallhöhe! Diese Rechercheleistung! Das haben wir nicht. Quatsch, sage ich. Was haben die Journalisten der New York Times denn gemacht? Sie haben mit Menschen geredet. Mit vielen Menschen. Sie haben sie fotografiert und gefilmt. Sie haben sich vom Schweizer Schnee- und Lawineninstitut eine Simulation erstellen und von einem Meteorologen das Wetter erklären lassen. Sie haben eine spannende Geschichte aufgeschrieben. Das kann ich auch. Es traut mir nur keiner zu. Zumindest nicht in dieser Form.

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Als ich meine ersten Artikel fürs Internet geschrieben habe, sollten Texte maximal 7.000 Zeichen haben. Später waren es 5.000 Zeichen. Jetzt sind es 4.500. "Snow Fall" hat 94.747 Zeichen. Solche Längen sind in Deutschland anderen vorbehalten. Doch wer von den üblichen Nannen-Preis-Verdächtigen würde nicht das Gesicht verziehen, wenn er hören müsste, er solle "nur für Online" schreiben? Lange Geschichten gehören gedruckt, auf Papier, damit die Leser es am Frühstückstisch rascheln hören. Und Onlinejournalismus muss schnell sein, kurz, prägnant. Schwafeln verboten. Also füttern wir die Leser mit unseren News-Häppchen und dem, was aus Zeitungen und Magazinen abfällt. Und manchmal basteln wir aus einem Artikel fürs ipad eine Art Videospiel. Da kann man durch Räume gehen und Menschen anklicken. Aber wollen die Leser das? Oder wollen sie lieber Kinderbilder von wildfremden Amerikanern ansehen?

Das ist meiner Meinung nach das wahre Erfolgsrezept von "Snow Fall": Die Protagonisten werden personalisiert wie in einem Hollywoodfilm: Chris Rudolph hatte als Fünfjähriger eine blaue Mütze und Skier der Marke Atomic. Jim Jack fuhr mit seinem Vater Schlitten, Dan Abrams wurde im Schwimmbad huckepack getragen. Von jedem der 16 Protagonisten werden Kinderbilder gezeigt. Das hat nichts mit der Geschichte zu tun. Gar nichts. Trotzdem macht das Ansehen der Bilder Spaß. Es ist, als ob man in fremden Fotoalben stöbert und sich selbst entdeckt. Die Atomic-Ski hatte ich als Kind auch. An meinem Kühlschrank klebt ein ähnlicher Zettel. Mein Vater hatte auch diese schreckliche Brille. Identifikation mit dem Protagonisten, das hat sich schon in der Antike bewährt. Bitten wir in Zukunft nun alle Gesprächspartner um Kinderbilder? Warum nicht? Lasst uns doch drüber reden! Aber meine Gegenspieler sind schon weg, zurück im Alltagstrott des deutschen Onlinejournalismus. Was wir von den Amerikanern lernen können? Dass es Zeit ist, selbst eine Lawine loszutreten.

Verena Töpper, geboren 1982 in Mainz, ist Absolventin der Axel Springer Akademie und arbeitete als Redakteurin beim Hamburger Abendblatt. Seit Oktober 2011 ist sie Redakteurin im Ressort Karriere von Spiegel Online. Sie wird auf Einladung der Hamburg Media School an der USA-Studienreise "Audience Understanding" teilnehmen, die die HMS in Kooperation mit der Medill School of Journalism und dem Poynter Institute im April anbietet. Zwei weitere Essays der Journalistinnen Ulrike Schuster und Verena Hölzl veröffentlicht MEEDIA in den kommenden Tagen.

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