Focus Onlines „klickgeile“ Facebook-Strategie

Viel hilft viel: Das ist offenbar die Social Media-Strategie von Focus Online. So eifrig wie kein anderes großes redaktionelles News-Angebot überfluten die Münchner ihre immerhin fast 70.000 Facebook-Fans stündlich mit reißerischen Häppchen-Links zu hanebüchenen, schlüpfigen Stories. Die Artikel sind zum Teil um Wochen veraltet und werden trotzdem immer wieder angerissen – Focus Onlines Facebook Präsenz ist zur reinen Linkschleuder verkommen. Das Echo ist extrem negativ: die Fans laufen regelrecht Sturm.

Anzeige

Vielleicht hätte das Focus-Online-Firmen-Video eine Warnung sein müssen: "Der Traffic steigt und steigt und steigt", bejubelten sich die Münchner darin selbst. Denn: "Wir haben die geilsten Zeilen." Das eine ist so fragwürdig wie das andere. Focus Online ist im IVW-Ranking längst um Lichtjahre vom Spitzenduo Bild.de und Spiegel Online entfernt und musste inzwischen selbst Special.Interest-Angebote wie Chip Online passieren lassen.

Focus.de-Facebook-Fanpage: die "geilsten Zeilen" im Stundenrhythmus

Entsprechend versuchen die Münchner alles, Nutzer buchstäblich auf ihre Seite zu ziehen – auch und gerade auf Facebook, wohin Focus Online seine Leser bis vor Wochen mit einer regelrechten Fanpage-Schranke zu locken versuchte. Einmal dort angekommen, werden die 69.000 Fans im weltgrößten Social Network inzwischen stündlich mit den "geilsten Zeilen" zum Besuch von Focus.de animitiert. Die lesen sich so:

Dieses Spielzeug für Cybersex erstrahlt im Apple-Look

Erotik-Stars ohne Make-up: Die ungeschminkte Wahrheit über die Porno-Industrie

Hacker enthüllen: Emma Watson lässt sich für „Shades of Grey“-Verfilmung auspeitschen

Video-Hit: "Ich habe große Brüste und mag Politik". Eine Tschechin erntet Spott und Häme im Netz

Sturz aus dem ersten Stock: Kölner fällt beim Pinkeln aus dem Fenster

Steht George Clooney auf Männer?

Hoeneß brutal: Rundumschlag gegen Sammer, Schweinsteiger und Löw

So könnt ihr mit YouTube reich werden

"Schlampe" Sarah lästert: "DSDS ist der größte Puff im Deutschen Fernsehen"
 
Peinliche Facebook-Posts von längst überholten Artikeln

Das Prinzip der "geilsten Zeilen" ist schnell erklärt: So reißerisch und so schlüpfrig wie möglich – am besten in einer schnellen, geilen Zeile. Doch nicht nur die offenkundige Klickgeilheit ist ärgerlich – auch die Aktualität gerät zur völligen Nebensache.

Die vermeintliche Hacker-Enthüllung über Emma Watson, die sich angeblich „für die "Shades of Grey“-Verfilmung auspeitschen lässt", wurde etwa gestern gepostet, verweist aber auf einen 11 (!) Tage alten Artikel, der nachrichtlich längst überholt ist. Watson dementierte vor acht Tagen via Twitter ihr Interesse an der Rolle, wie auch den Münchner Medienprofis nicht entgangen sein dürfte.

Doch der Reiz, sich Sonntagnacht um 1:17 Uhr mit der nach Sadomaso-Sex dampfenden, geilen Zeile von der ausgepeitschten Ex-Harry-Potter Darstellerin ein paar schnelle, geile Klicks abzuholen, ist wohl schlicht zu groß. Nicht anders lassen sich auch die längst veralteten Posts der singenden Tschechin ("Ich habe große Brüste und mag Politik" – Artikel vom 18.3. ), vom brutalen Bayern-Präsidenten (ebenfalls Artikel vom 18.3.) und vom vermeintlichen YouTube-Reichtum (11.3.!) erklären.

Besonders penetrant ist die Wiederholung der Posts, die alle paar Tage offenbar per automatischer Post-Rotation noch und nöcher veröffentlicht werden. Focus Onlines Fanpage ist zur reinen Linkschleuder verkommen. 

Shitstorm schwillt an: "Oh Mann, Niveau, FOCUS!!"
 

Dass dieses Prinzip auch die Fans inzwischen durchschaut haben, zeigt der mittlerweile fast durchweg negative Tenor der Nutzerkommentare, die kaum mehr den eigentlichen Eintrag kommentieren, sondern in einem veritablen Shitstorm gegen die durchsichtige Social Media-Strategie wettern:

"Sorry Fokus, aber so langsam habt ihr hier BILD-Niveau, andauernder SPAM gleicher Artikel und dann auch noch Trash-Inhalte. Ich muss mal disliken", kommentiert ein Nutzer den wiederholten Pinkelsturz-Post.

"Nächste Eilmeldung: Mann fällt beim Sche*ßen von der Schüssel. – oh Mann, Niveau, FOCUS!!", reagiert ein User entgeistert.

"Focus MUSS gehackt sein! Das wird langsam vollkommen absurd ….", reagiert ein Nutzer kopfschüttelnd auf den längst widerlegten Watson-Post.

"Die Inhalte sind es ja nicht mal – aber Ihr habt ja mehr Wiederholungen als die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Leidet Ihr an Alzheimer???", zieht ein anderer User vom Leder.

"Zur Zeit sind die einzigen "Nicht-Wiederholungen" bei Focus Online nur die Kommentare!", höhnt ein anderer Fan – und holt sich dafür 10 Likes ab.

"Okay, andere Frage: Wann kommen denn mal wieder die "Erotik-Stars ohne Make-up: Die ungeschminkte Wahrheit über die Porno-Industrie?" hält wieder ein anderer Nutzer den Münchnern den Spiegel vor.

„Journalismus made by Praktikanten mit maximaler Profitorientierung!“, lautet ein anderes vernichtendes Urteil auf Facebook.

"So, nun reichts. Seit Wochen gibts nur noch ‚Rotz‘ von Euch auf meiner Startseite. Ciao FOCUS", zieht einFan dann auch Konsequenzen und kassiert dafür 20 Likes.

Nach dem Gaga-Firmen-Video, der Facebook-Fanschranke undd em Spiegel-Abschreibe-Eklat um Ikea haben die Münchner das nächste negative Ausrufereichen gesetzt: Focus Online ist zum Musterbeispiel dafür geworden, wie Social Media nicht funktioniert. Schlimmer aber noch: Mit den auf Facebook gewählten Inhalten hat Focus Online alles andere als Werbung in eigener Sache gemacht.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige