Diekmann als Zauberlehrling im Spiegel

Ganze sechs Seiten widmet der aktuelle Spiegel einer Reportage über den Chefredakteur der größten Tageszeitung Europas, die so ganz anderen Werten verpflichtet ist als der Spiegel. "Der Lehrling" ist das Stück in der heute erscheinenden Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins überschrieben. Trotz einiger Spitzen kommt Bild-Chef Kai Diekmann darin überaus positiv rüber - als ein Zauberlehrling auf der Suche nach der Zukunft seiner Branche.

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Ganze sechs Seiten widmet der aktuelle Spiegel einer Reportage über den Chefredakteur der größten Tageszeitung Europas, die so ganz anderen Werten verpflichtet ist als der Spiegel. "Der Lehrling" ist das Stück in der heute erscheinenden Ausgabe des Hamburger Nachrichtenmagazins überschrieben. Trotz einiger Spitzen kommt Bild-Chef Kai Diekmann darin überaus positiv rüber – als ein Zauberlehrling auf der Suche nach der Zukunft seiner Branche.

Schon die Hausmitteilung will klare Verhältnisse, damit auch nicht ein Leser des Hamburger Nachrichtenmagazins bei dieser Reportage etwas missversteht: "Spätestens seit sich der Spiegel vor zwei Jahren in einer Titelgeschichte („Die Brandstifter“) mit den zweifelhaften Methoden der „Bild“-Zeitung beschäftigte, darf das Verhältnis zu deren Chefredakteur Kai Diekmann als belastet beizeichnet werden." Spätestens.

Trotzdem haben die Hamburger Meister des investigativen Journalismus ein halbes Jahr nach ihrer Anfrage von Diekmann die Zusage zu einer Reportage bekommen. Herausgekommen ist ein ebenso lesenswertes wie positiv anmutendes Stück über einen Berliner Bildungsreisenden durch das kalifornische Tech-Mekka zwischen dem Erbe von Steve Jobs und zukunftsträchtigen Investments der Venture Capital-Szene.

"Papierkönige sind gefährdete Könige"

Zur Verblüffung der Medienlandschaft war Diekmann, der Herr der über 12 Millionen Leser (Reichweite), im vergangenen Sommer in die coole, neue Welt des Silicon Valley aufgebrochen.

Natürlich kann sich der Spiegel da kleine Gemeinheiten nicht verkneifen: Zum "Lehrling" degradieren die Hamburger den Bild-Chefredakteur im Titel. "Diekmann war ein Papierkönig. Papierkönige sind gefährdete Könige, sie werden bedroht von Leuten, die von unten kommen, nicht von oben", lautet ein Kernsatz der Spiegel-Reportage.  "Ihre Gegner leben im Silicon Valley und erdachten von da aus die Welt neu. Sie dachten in kleinen digitalen Einheiten, ihre Erfindungen machten die Welt gleichzeitiger, cooler, billiger."

Kai Diekmann, "ein Viner der ersten Stunde"

Es ist die Abenteuerreise eines Journalisten, der in seiner ersten Karriere bereits alles erreicht hat. Was jetzt kommt, ist der zweite Teil – die Erkundung des digitalen Zeitalters. Wir lernen etwa: Diekmann ist "ein Viner der ersten Stunde" – er versendet also sechssekündige Videoaufnahmen via Twitter.

Man kann sich des Endrucks nicht erwehren, dass Diekmann an diesem gewollten Rollenwechsel samt Kapuzenpulli und Sneakers seinen diebischen Spaß hat. "Im Tal der Erfinder wurde aus einem geölten Journalisten ein bärtiger Nerd", beschreibt der Spiegel die Metamorphose. Diekmann entdeckte Twitter, versendet binnen eines halben Jahres 1.700 Tweets und erreicht inzwischen über 7.000 Follower.  

Doch das ist nur die Kür. Am Ende seiner einjährigen Erkundungsreise zählen weder die Tweets noch die Facebook-Posts, sondern das, was die Entourage um Diekmann, Würtenberger und Sinner mit ins Axel Springer-Haus nach Berlin bringt und dort umsetzt. Journalistische Wertschöpfungen werden es nicht sein – eher Ausflüge in die digitale Ökonomie. Als Ideen schwirren dem Trio etwa „Lebenshilfekurse, ein Rabattwegweiser, eine Immobilienplattform“ durch den Kopf, heißt es im Spiegel.   

Zurechtstutzung auf Wicht-Niveau

Hier muss der Print-Journalist nun nach den Gesetzen des Silicon Valleys denken, die niemand schneller erkennt als die Golden Boys von San Francisco – die Wagnisfinanzierer:  "Aus Sicht der Heuschrecke hat gerade ein Wicht das Haus verlassen", kann sich der Spiegel bei Beschreibung der Kräfteverhältnisse zwischen Print-Mann Diekmann und dem Risikokapitalgeber eine weitere kleine Gehässigkeit nicht verkneifen.

Am Ende aber sitzen die Hamburger und Berliner im selben Boot, das sie auf Kurs bringen müssen, ehe der Medienwandel das gedruckte Wort aufrisst wie die Heuschrecke die Ernte.

Irgendwo zwischen den Zeilen kann man sich am Ende des Eindrucks nicht erwehren, dass auch in der Hafencity ein Stück weit Respekt für die Expedition des 48-jährigen Bild-Chefs mitschwingt. Der einjährige Aufbruch ins Silicon Valley ist gleichzeitig das bislang  größte öffentliche Experiment, sich dem Paradigmenwechsel der Branche zu stellen – ein Schritt, um den Diekmann an der Ericusspitze vermutlich von einigen beneidet wird.

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