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Das Phänomen „Tatort“: der 25-Jahres-Check

Er ist ein Wunder des deutschen Fernsehens. Während fast sämtliche langlebigen TV-Formate Jahr für Jahr Zuschauer verlieren, legt der "Tatort" seit seinem Tiefpunkt Ende der 1990er-Jahre immer mehr zu, erreicht derzeit die besten Zahlen seit 20 Jahren. Und das nicht nur wegen Quoten-Giganten wie Münster und Hamburg. Wie konnte es dazu kommen? Wie machte die ARD aus einer schwächelnden Reihe den Leuchtturm des deutschen Fernsehens? MEEDIA begibt sich auf Spurensuche.

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Es stand nicht immer so gut um den "Tatort" wie im Jahr 2013. Til Schweiger holte sich vor 14 Tagen mit 12,74 Mio. Zuschauern die beste "Tatort"-Zahl seit 1993, Axel Prahl und Jan Josef Liefers verbesserten diesen 20-Jahres-Rekord am Sonntag sogar noch auf 12,81 Mio. Zahlen von 10 Mio. kommen immer öfter vor, weniger als 8 Mio. Zuschauer erreichen nur noch wenige der ARD-Krimis. Der bisherige Durchschnitt der 2013er-"Tatorte" liegt bei fabelhaften 9,69 Mio. Zuschauern und damit auch insgesamt auf 20-Jahres-Rekordkurs.

Das Spannende an dieser Entwicklung: Kein anderes so langlebiges Format hat im deutschen Fernsehen jemals einen solchen Höhenflug in hohem Alter hinbekommen – immerhin lief der erste "Tatort" schon im Jahr 1970. Während überall ehemalige Serien- oder Show-Hits wegen Abnutzungserscheinungen Zuschauer einbüßen, gelang und gelingt es der ARD durch einen ständigen Erneuerungsprozess, den "Tatort" jung zu halten.

Blicken wir zurück: 1986 erreichten einzelne "Tatorte" mit Schimanski, Stoever & Co. noch mehr als 20 Mio. Zuschauer. Und auch in den Folgejahren gab es noch Traumquoten: Der legendäre Schimanski-"Tatort" "Zahn um Zahn" erreichte kurz nach Weihnachten 1987 noch 19,17 Mio. Krimifans, Lena Odenthals Debüt kam im Oktober 1989 auf 17,70 Mio. Zuschauer und der Fall "Um Haus und Hof" der legendären Hamburger Ermittler Stoever und Brockmöller erreichte im September 1993 als bisher letzter "Tatort" mit 13,26 Mio. mehr als 13 Mio. Zuschauer.

Doch die aufkommende und immer stärker werdende private TV-Konkurrenz hinterließ auch beim "Tatort" ihre Spuren. So fiel der Jahres-Durchschnitt des "Tatorts" von 15,75 Mio. im Jahr 1987 Jahr für Jahr ein bisschen nach unten: auf 14,30 Mio. 1988, 11,70 Mio. 1991 und mit 8,45 Mio. im Jahr 1994 sogar zum ersten Mal unter die 10-Mio.-Marke. Den bis heute gültigen Alltime-Minusrekord gab es im Jahr 1998 mit nur noch 6,99 Mio. Zuschauern.

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Diverse legendäre Ermittler waren inzwischen in Rente oder wie Stoever/Brockmöller kurz davor, Klassiker der heutigen Zeit wie Ballauf und Schenk hatten gerade erst angefangen, Ermittler wie Max Palu oder Bruno Ehrlicher befruchteten die Reihe auch nicht wirklich. Hinzu kamen gigantische Flops wie die in Billig-Optik gedrehten Berliner "Tatorte" mit Winfried Glatzeder als Ernst Roiter, die der Reihe Zahlen bescherte, die kaum jemand für möglich gehalten hatte: Nur 4,45 Mio. sahen im August 1997 zu, der drittletzte Fall der Berliner wurde im Juli 1998 sogar nach 23 Uhr weg gesendet.

Doch in den folgenden Jahren passierte Erstaunliches: Anstatt weiter nach unten zu driften, berappelte sich die "Tatort"-Quotenkurve wieder: 1999 sahen wieder 7,46 Mio. zu, 2005 im Durchschnitt erstmals wieder mehr als 8 Mio., 2012 schon 8,93 Mio. und 2013 läuft bisher alles auf einen Durchschnitt von mehr als 9 Mio. hinaus. Gelungen ist das durch eine schrittweise Erneuerung, ohne aber die Tradition über Bord zu werfen. Am Grund-Konzept der vielen regional geprägten Krimis wurde fest gehalten, die Ermittler bekamen eine große Bandbreite: von der seriösen Ermittlerin Charlotte Lindholm über die Münsteraner Spaßvögel, die jeweils 2002 ihr Debüt feierten, vom irren Felix Murot aus Wiesbaden bis hin zu Actionhelden wie Til Schweiger.

Nicht zuletzt die Tatsache, dass einige der erfolgreichsten Schauspieler des Landes – Ulrich Tukur, Til Schweiger, Devid Striesow, etc. – in jüngster Zeit zum "Tatort"-Kommissar wurden, zeigt, welchen Status die Krimireihe inzwischen hat. Gleichzeitig machen die bekannten Schauspieler die Reihe noch erfolgreicher. Interessant ist dabei auch, dass die immer größere Zahl von Krimis – 1987 wurden noch 12 neue "Tatorte" gezeigt, 2012 schon 35 – und die größere Zahl von Ermittlern – der Quote offenbar überhaupt nicht schaden. Die Vielfalt der Figuren, auf die es sich an jedem Sonntag einzustellen gilt, gefällt dem Publikum.

In den vier Monaten vom 25. November bis 24. März gab es sechs "Tatorte" mit mehr als 10 Mio. Zuschauern. Abgesehen von Fußball-Länderspielen und Klitschko-Boxkämpfen ist der "Tatort" längst das populärste Programm des deutschen Fernsehens geworden. Es scheint, als hätte die ARD am Sonntagabend seit Ende der 1990er Jahre alles richtig gemacht.

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