TV-Talker Domian wirft Facebook Zensur vor

Wenn aus sozial asozial wird: Jürgen Domian staunte nicht schlecht, als am Montag ein vielfach diskutierter Beitrag auf seiner Pinnwand verschwunden war. Der TV-Talker hatte darin die Wahl von Jorge Bergoglio zum Papst kommentiert. Obwohl Franziskus die Homo-Ehe ablehnt, zeigte sich der Moderator versöhnlich: “Manche Menschen wachsen mit ihrem Amt.” Diese Einstellung schien einigen Nutzern nicht zu gefallen. So verschwand der Beitrag, Domian spricht von Zensur. Das Problem liegt in der Unternehmensstruktur von Facebook.

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Tatsächlich bekam Domian am Montag eine Facebook-Nachricht, in der es hieß, dass sein Beitrag nicht den Richtlinien entsprochen hätte. In einem neuen Beitrag zeigt sich der Moderator schockiert ob der Zensur durch das Social Network: “Das ist ungeheuerlich. Mit Meinungsfreiheit hat das nun rein gar nichts mehr zu tun. Die Texte hätten als Kommentar in jeder öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalt über den Sender gehen können, hätten in jeder Zeitung stehen können. Alle Grundbedingungen waren erfüllt.”  
Domian vermutet hinter der Löschaktion “fanatische Kirchengänger”. Denn zusätzlich seien auch noch frühere Einträge zur Homoehe gelöscht worden. Sein Posting zum neuen Papst endete mit den Sätzen: "Manche Menschen wachsen mit und in ihrem Amt. Und so werden wir uns vielleicht noch über Franziskus wundern. Hoffen wir es! Geben wir ihm eine Chance! In einem halben, spätestens einem Jahr wissen wir mehr."
Für den Late-Night-Talker ist die Löschung verständlicherweise ein Unding: “Mir wird angst und bange bei der Vorstellung, in unserem Land würden politische Kräfte erstarken, die die Demokratie bedrohen”, schreibt er weiter. “Eine vermeintlich demokratische Plattform wie Facebook würde wohl sofort des neuen Herrn Diener sein.” Doch genau hier liegt der Denkfehler.
Es ist bei weitem nicht der erste Fall in Deutschland, wonach Einträge von Medien oder Personen gelöscht werden. Dabei handelt das Social Network nicht eigenmächtig. Bei der Masse an Facebook-Seiten und rund einer Milliarde Nutzerprofilen wäre das auch unmöglich durchzusetzen. Allerdings steht es jedem User frei, verdächtige oder unpassende Beiträge nach eigenem Ermessen zu melden. Ist das der Fall, beauftragt das Unternehmen Teams mit der Prüfung von Inhalten. Diese gehen dabei nach einem klaren Regelwerk vor. Ein Katalog, den viele Nutzer zurecht als prüde bezeichnen würden.
Starres Regelwerk und Partnerunternehmen im Ausland
Anfang 2012 veröffentlichte Gawker den ausführlichen Leitfaden, nach dem Drittunternehmen im Auftrag von Facebook als unangebracht gemeldete Inhalte löschen. Neben heraushängenden Eingeweiden und Fetischbildern verbietet das Social Network etwa das Abbilden der weiblichen Brust, egal ob beim Stillen oder aus erotischer Sicht. Bilder vom “Vorspiel” sind erlaubt, solange die Beteiligten angezogen bleiben. Ebenfalls erlaubt ist das Abbilden von Körperflüssigkeiten, Sperma ausgenommen, sowie photogeshoppte Bilder, solange die Person nicht negativ dargestellt wird.
Interessant: Facebook verbietet außerdem eine direkte Gegenüberstellung zweier Personen, bei der User beurteilen sollen, wer ihnen besser gefällt. Facebook war ursprünglich als FaceMash gestartet, wobei es eben um genau diese Art der Bewertung von meist weiblichen Usern ging.
In den Richtlinien verbietet Facebook außerdem die Bedrohung von Personen des öffentlichen Rechts. Trifft das auf die Aussagen von Domian zu? Wohl kaum. Sie fallen eindeutig unter die freie Meinungsäußerung. Allerdings handelt es sich bei Facebook auch nicht um eine “demokratische Plattform”, wie der Moderator es formuliert. Das Social Network ist ein Multimilliarden-Unternehmen mit wirschaftlichen Interessen. Die oberste Devise dabei lautet seit Gründung von Facebook: “Positive user experience.” Anders formuliert: Keep your customers happy! Wenn also eine kritische Masse an Nutzern einen Eintrag als anstößig oder unangemessen meldet, stört das die “positive user experience”.
Facebook entschuldigt sich
Der Haken: Oft sitzen die “Löschkommandos” von Facebook nicht in Europa bzw. den USA. Laut Gawker sind beispielsweise Drittunternehmen aus Marokko für die Prüfung von gemeldeten Inhalten zuständig. Das Problem liegt auf der Hand: Befasst sich eine Person aus einem anderen Kulturkreis mit fragwürdigen Inhalten und geht dabei nach einem festen Regelwerk vor, bleibt kein Platz für Zwischentöne. Letzten Endes macht sich Facebook damit zum Erfüllungsgehilfen, der sich seine Handlungen von einer motivierten Masse diktieren lässt.
Dass sich das Social Network damit keinen Gefallen tut, lässt sich nun gut beobachten. So wurde Domians Zensurkritik bereits rund 24.000 Mal geteilt. Innerhalb weniger Stunden wuchs die Zahl seiner Fans von knapp 59.000 auf derzeit 66.000 heran. Das ist auch Facebook Deutschland aufgefallen. Sprecherin Tina Kulow bedauert den Vorfall: "Unsere Reporting-Systeme sind dafür entwickelt, Menschen vor Missbrauch, Hass-Rede und Mobbing zu schützen und es ist bedauernswert, dass gelegentlich Fehler gemacht werden, wenn solche Reports bearbeitet werden."

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