Der neue stern als Lackmus-Test für Print

Die stern-Chefriege stellte ihn am Dienstagabend hoch über den Dächern von Hamburg vor. Ihn. Den neuen stern. Ab Donnerstag liegt er in freier Wildbahn am Kiosk. Nichts weniger als “neu erfinden” wollte Chefredakteur Dominik Wichmann das Traditionsblatt aus dem Hause G+J. Sein Vize Hans-Peter Junker sagte, der stern sei ein Leuchtturm für Print. In der Tat ist der stern-Relaunch ein Projekt von dem mehr abhängen kann als nur das Schicksal eines Magazins. Es geht um die Zukunftsfähigkeit der ganzen Branche.

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Viel Hirnschmalz und Überstunden haben die Macher investiert und man sieht es dem Ergebnis an. Die Titelgeschichte befasst sich mit katholischen (Ex-)Priestern, die eine Frau lieben und vom neuen Papst schon mal fordern, den Zölibat abzuschaffen. Für die Titelseite wurde dafür der smart ausschauende Ex-Priester Anton Aschenbrenner in Szene gesetzt. Der wirkt, als würde Mathieu Carrière in einem Remake von “Dornenvögel” die Hauptrolle spielen. Das Kollarhemd hat er nur für den stern-Titel nochmals angelegt – eigentlich ist er schon längst kein Priester mehr, sondern arbeitet als freier Seelsorger. Auch die meisten anderen “katholischen Priester” im stern sind nicht mehr in Amt und Würden, weil sie sich für eine Beziehung entschieden haben. Schwamm drüber.

Der Titel weckt nicht von ungefähr Erinnerungen an die legendären stern-Story “Wir haben abgetrieben” von 1971, auf dem sich Frauen dazu bekannten abgetrieben zu haben, als dies noch illegal war. Bei der Präsentation wird dies stern-Titel-Ikone von Wichmann auch hervorgeholt. Back to the roots, into the future. Sozusagen. Der stern soll laut Wichmann wieder eine “Haltung” haben. Es gehe nicht so sehr darum, was drin steht (sowieso mehr oder weniger alles), sondern “wie” es erzählt wird.

Dafür wurde die Heftstruktur ordentlich durchgeschüttelt. Das Magazin teilt sich nun in drei Blöcke: intern Kopf, Herz, Bauch genannt. Am Anfang kommt der Kopf, der im Heft “Diese Woche” heißt. Dort geht es kleinteilig zu, es gibt Forsa-Zahlen, Info-Häppchen und auch Hans-Ulrich Jörges wanderte mit seinem wöchentlichen “Zwischenruf” hierhin. Das “Herz” besteht aus langen, tiefschürfenden Geschichten und Interviews. Einmal pro Woche gibt es ein extragroßes stern-Gespräch – im aktuellen Heft mit Michail Gorbatschow. Für das Gespräch seien künftig “digitale Schnittstellen” vorgesehen, so Wichmann. Wahrscheinlich Video-Inhalte fürs E-Mag, was denn sonst?

Das ureigene stern-Thema Fotografie soll im Heft wieder einen festen Platz bekommen. Aktuell ist das eine beeindruckende Schwarz-Weiß-Strecke des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, künftig wird auch der weltberühmte Fotograf James Nachtwey wieder für den stern tätig sein. Er grüßte bei der Präsentation schon mal per Videobotschaft.

Das frühere Journal heißt nun Extra und befasst sich jeweils mit einem anzeigenaffinen Sonderthema. In der aktuellen Ausgabe ist das der recht überstrapazierte Begriff “Genuss”. Abgerundet wird der neue stern vom “Bauch”, einem neuen “Journal” mit DVD-Tipps, den Verkaufs-Hitlisten, Buchbesprechungen, Terminen etc. Ein größeres Stück, in dem eine Metzgersfrau von der Insel Föhr (das ist da, wo der stern-Chef gerne urlaubt) ihre Insel-Tipps zum Besten gibt, ist auch da.

Viel wurde investiert in Layout, Typografie und Anmutung. Hier waren Profis mit Herzblut am Werk. Der neue stern kommt aufgeräumt daher, wirkt hochwertig und lesefreundlich. Eine so genannte “Tanzspalte” macht die Seiten luftig und bietet Platz für kleine Zusatzinfos, Snippets, wie sie Wichmann ganz digital-affin nennt.

Wer Dominik Wichmann bei der Präsentation des neuen stern zuhörte, der erlebte einen Mann, der überzeugt ist und überzeugen kann. Einen, der mit akademisch anmutender Präzision daran gegangen ist, mit seinem Team dem guten, alten stern neues Leben einzuhauchen. Wenn Wichmann spricht, dann fallen Begriffe wie “wahnsinnige Systematik”, “penibel und genau”, “effizient”, “präzise”, “verlässlich”. Die Redaktion wurde neu organisiert, was mit einem komplizierten Organigramm mit vielen Kreisen und Pfeilen dargestellt wurde, ein “lernendes System”, wie er sagt. Der neue stern – ein tickendes, klickendes Uhrwerk in Magazin-Form.

Der neue stern ist also ein wunderbares Heft geworden. Eines wie aus dem Lehrbuch für hochklassigen Mainstream-Journalismus – wenn es denn so etwas gäbe. Handwerklich gab es am stern allerdings auch bisher schon nicht viel auszusetzen. Über die Titelwahl- und -Gestaltung konnte und kann man immer streiten – im Prinzip fand sich in jeder Ausgabe aber hervorragender Journalismus. Das eigentliche Problem war und ist ja nicht der stern selbst, sondern die sich verändernden Bedürfnisse und Ansprüche des Publikums. Wichmann hat selbst gesagt, dass Print heute etwas Zusätzliches ist, eine Art Luxusgut. Print ist nichts, was der Konsument haben muss. Umgekehrt: Print muss etwas sein, das der Konsument haben will.

Die große Frage bleibt, die auch die stern-Macher nicht beantworten können: Wird das klappen? Schafft es der Verlag Gruner + Jahr, mit dem stern noch einmal einen großen Wurf zu landen? Oder geht es trotz aller Bemühungen mehr oder weniger weiter wie bisher:  erodierende Auflage, zurückgehende Anzeigenerlöse, über kurz oder lang Sparzwang? Die große Frage, die Wichmann und seine Leute beantworten müssen lautet ebenso banal wie diffizil: Warum zum Teufel soll ich mir den stern kaufen? Darauf muss die Redaktion Woche für Woche eine neue, bestechende Antwort am Kiosk geben. Kein einfacher Job.

Im Mai oder Juni sollen zusätzlich die Redaktionen von stern.de und Print-stern verschmolzen werden. An einer neuen Digitalstrategie werde fieberhaft gearbeitet, versicherte Wichmann. Der stern hat den Vorteil, dass er sich zwar auf dem Sinkflug befindet – wie eigentlich alle großen Magazine – aber es ist immer noch ein großes Blatt mit vielen Reserven und Potenzial. Auch der Spiegel kämpft, der Focus taumelt sogar. Der stern hat seinen Generationswechsel in der Redaktionsführung geschmeidig hinbekommen (keine kleine Leistung) und versucht noch einmal mit aller Kraft zu zeigen, dass ein großes General-Interest-Medium als Print-Magazin funktionieren kann.

Für den neuen stern wird groß die Werbetrommel gerührt, von rund 25 Mio. Euro Brutto-Marketingvolumen ist die Rede. Die ersten 10.000 Neu-Abonnenten bekommen laut Hamburger Abendblatt ein verbilligtes Jahres-Abo, die Relaunch-Ausgabe wird nach Focus-Manier für einen Euro unters Volk gebracht. Die Erfahrung zeigt, dass die Wirkung solcher Schnäppchen-Aktionen relativ schnell verpufft. Aber auch den stern-Machern wird klar sein, dass sie hier keinen Sprint begonnen haben, sondern mindestens einen Marathonlauf.

Für den Verlag G+J, die Redaktion und die ganze Medienbranche ist zu hoffen, dass ihnen dabei nicht die Puste ausgeht. Zweifel bleiben.

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