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„Til Schweiger nervt halt“

Die Reaktionen auf den ersten "Tatort" mit Til Schweiger, "Willkommen in Hamburg", könnten kaum gespaltener sein. Während die Einen begeistert von einem Krimi für jüngere Zuschauer sprechen und einem gelungenen und spannenden Actionfilm sahen, der nicht so langweilig sei, kritisieren Andere, dass die Handlung zu kurz gekommen sei, die Charaktere keine Tiefe hätten und der Film nicht in die Reihe passe. Besonders Til Schweiger muss Kritik aushalten. Nur Einer kommt durch die Bank gut weg.

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Auf der offiziellen "Tatort"-Facebookseite reißt die Kommentarflut auch am Tag nach dem Krimi nicht ab. Schafft es hier ein "Tatort" sonst auf eine dreistellige oder niedrige vierstellige Zahl an Kommentaren, haben sich zum Schweiger-Film bereits über 6000 angesammelt. Auch die Zahl der Likes übersteigt mit ebenfalls über 6000 klar das Normalmaß.
Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass der Film auch zwingend für reine Begeisterung gesorgt hat. In den Nutzerkommentaren bilden sich zwei Lager: Zu lesen sind zum Beispiel Kommentare wie diese:
"Ich fands gut … natürlich nix für ‚arte‘ … aber was solls! Aus Münster kommt etwas überzogener Klamauk (der mir auch gefällt) und aus Hamburg nun etwas überzogene Aktion (das bei Kurtulus übrigens durchaus ähnlich war)" 
"Mir hat der Tatort gut gefallen… was vielleicht etwas überzogen gewirkt hat war die Ballerei…dagegen ist die oft langatmige Ermittlungsarbeit der anderen Tatortkommissare zu langweilig… Till Schwieger zeigt Ecken und Kanten."
"Das war ein solider Tatort, verstehe die negativen Kritiken hier teilweise gar nicht — willkommen im 21. Jahrhundert."
Die angesprochenen negativen Kritiken bemängeln meist, dies sei kein klassischer Tatort gewesen. Es wird mit Cobra 11 verglichen und angemerkt, dass ein solcher Film im Privatfernsehen besser aufgehoben gewesen wäre:
"Für mich war das kein Tatort. Das war ein Till Schweiger Action Film"
"Das hat mit Tatort nichts zu tun, billige Action. Könnte auch bei den Privaten laufen." 
"Kein schlechter Film – aber mit Tatort hat das nix mehr zu tun!! Da ziehe ich mir in Zukunft andere Teams vor."
"der tatort war keiner- das war eine selbstdarstellung des till schweiger, sonst nichts. es gibt bessere actionfilme, das gehört aber in ein anderes filmfach- das ist großer humbug und schade die gesellschaftskritiker- tatorte sind viel interessanter" 
Auffällig: Während der Ausstrahlung überwogen negative Kommentare in den sozialen Medien, die positiven stießen erst nach dem Streifen vermehrt hinzu, berichtet Sven Gantzkow in der Welt
Bei den meisten Kommentatoren, ob negativ oder positiv gegen den neuen "Tatort" gestimmt, kommt Fahri Yardim als Co-Kommissar Yalcin Gümer jedoch gut weg. Er sei witzig und schauspielerisch besser als Schweiger. Dem wird zudem häufig eine undeutliche Aussprache vorgeworfen. Ein Aspekt, der im Film selbstironisch aufgenommen wurde, als Schweiger als Nick Tschiller sagt "Ich nuschel ein bisschen". Der Schauspieler twitterte die entsprechende Aussage auch.
Mit Kritik kann Schweiger offenbar umgehen, oder sie gekonnt wegschauspielern. Denn ähnlich gespalten wie das Echo der Zuschauer ist auch das der Kritiker. Sophie Albers hat für stern.de einen Tatort gesehen, der alles richtig macht. Es sei ein solider Action-Krimi und alles andere nur "Freude am Shitstorm".
Ähnlich sieht es Joachim Mischke vom Hamburger Abendblatt. Er schreibt: "Der erste Fall ist nicht unbedingt ein drehbuchtechnisches Glanzstück, und auch die Dialoge sind bisweilen herrlich plump; aber man muss schon sagen, dass die Kino-Ästhetik (diese sehr aparten Frauen!) und der unverwundbare Superkommissar, der gar nicht nachdenken muss, um den Fall zu lösen, eine ganz gute Abwechslung zu den biederen Provinzkrimis ist, die sonst so in Saarbrücken, Stuttgart, München und Hamburg spielen."
Ruth Schneeberger fand den neuen "Tatort" in ihrer SZ-Stilkritik "gar nicht schlecht", allerding stellt sie auch fest: "Til Schweiger nervt halt". Der Charakter des Nick Tschiller sei ein zu überzeichneter Held, wohingegen bei anderen Ermittlern der Reihe betont auf "glaubhafte Figurenzeichnung" gesetzt werde. Außerdem seien im Film passend dazu alle Frauen übertrieben hübsch – außer Britta Hammelstein, der Schneeberger attestiert absichtlich hässlich zu sein.
Christian Buß hatte vergangne Woche bei Spiegel Online den Schweiger-"Tatort" bereits als großen Schwanz-Vergleich gedeutet. Buß sieht einen übertriebenen Action-Helden, der seine im Vergleich zum Kollegen kleineres Genital durch überflüssige Action kompensieren müsse und kritisiert, dass junge Prostituierte ausgerechnet von einem solchen Charakter gerettet würden.
Am Ende wird der Krimi vom Sonntag weniger als "Tatort", sondern vor allem als Schweiger-Film gedeutet. Oder wie es Hans Sarpei auf Twitter ausdrückte: "Nach Kein-Ohr-Hase und Zwei-Ohr-Küken jetzt Drei-Schuss-Daneben."

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