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„Zuschauer wollen spannende Geschichten“

Sascha Naujoks wurde als Reality-Experte von Sat.1 von RTL geholt. Dort hatte er u.a. das Erfolgsformat „Bauer sucht Frau“ mit entwickelt. Seit 1. Februar 2013 ist er Senior Vice President Lead Projects bei ProSiebenSat.1. Trotz einiger Misserfolge mit jüngst gestarteten Formaten ist das umstrittene Genre Reality für den Formate-Entwickler Naujoks aktuell wie nie. Seiner Meinung nach unterscheiden Zuschauer nicht stark zwischen authentischer Doku und Scripted Reality.

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Sie sind seit dem 1. Februar Senior Vice President Lead Projects bei Sat.1. Wie hat sich Ihre Arbeit dadurch verändert?

Meine Arbeit für die Sendergruppe ist noch vielfältiger geworden. Für ProSiebenSat.1 TV Deutschland halte ich Ausschau nach neuen „Leuchtturm“-Formaten aus den unterschiedlichsten Genres. Die Bandbreite reicht von Doku-Soaps bis hin zu Showideen, die für die Sendergruppe interessant sein können. Für Sat.1-Geschäftsführer Nicolas Paalzow arbeiten wir u.a. mit Hochdruck an Reality-Programmen für die Prime-Time. Wir haben uns bei einigen internationalen Erfolgsformaten die Rechte sicher können. Dazu gehören zum Beispiel „Stalkers“ von Strix, ein Format, das in Skandinavien mit sehr großem Erfolg läuft. Neben bewährten Programmfarben wie Julia Leischiks „Bitte melde Dich“ haben wir weitere hochemotionale Formate in der Produktion, arbeiten zum Beispiel auch in den Bereichen Coaching und Liebe an vielen neuen Ideen.

„Hilfe, ich bin pleite“ hat nur 7,3 Prozent Marktanteil bei den 14- 49-Jährigen eingefahren und wurde nach lediglich zehn Folgen schon wieder abgesetzt. Warum das schnelle Aus?

Die Geschichten haben unter dem Titel „Pures Leben“, unter dem wir sie zunächst getestet haben, zweistellige Marktanteile auf dem Sendeplatz um 18 Uhr erzielt. Um 17 Uhr lief es dagegen schwächer als gedacht. Wir haben deshalb schnell reagiert und werden prüfen aktuell, auf welchem Sendeplatz wir die Inhalte in Zukunft besser einsetzen können.

Auf welche Kriterien kommt es bei Scripted Reality an? Wohin geht der Trend? Ist die Jugend-Orientierung wie bei „Berlin – Tag & Nacht“ ein Thema? Oder geht es mehr um formale Aspekte oder bestimmte Themen?

Starke Charaktere und eine spannende Erzählweise braucht jede Geschichte. Und was bei echten Geschichten wichtig ist, gilt auch für Scripted Reality: Die Zuschauer müssen mitgehen, sich mitfreuen, eben mitfiebern können. Eine der neueren Entwicklungen ist die Reality-Soap. Hier hat RTL II mit „Berlin Tag & Nacht“ sicher Maßstäbe gesetzt. Bei SAT.1 müssen wir aber breiter in der Zielgruppenansprache sein. Ich bin mir sicher, dass im Bereich Reality-Soap in der nächsten Zeit weitere Formate den deutschen TV-Markt erobern. Liebe, Partnerschaft oder schicksalhafte Wendungen im Leben bleiben spannende Themen.

Wie bedeutsam ist die Musikauswahl für die Formate?

Musik begleitet uns durchs Leben. Mit temporeichen Stücken kann man Szenen mehr Dynamik geben, mit romantischen Stücken werden gefühlvolle Szenen noch romantischer und lustige Szenen bekommen mit witziger Musik noch eine Schuss mehr Humor. Mit der passenden Musik können wir die Emotionen im Schnitt unterstreichen, vorausgesetzt die Szenen funktionieren auch inhaltlich.

RTL hat mit Familien-Themen Trends gesetzt. Auch die Sat-1-Reality-Formate beschäftigen sich großteils mit diesen Themen. Was macht Sat.1 anders?

Wichtig ist, dass wir uns stetig weiterentwickeln und gemeinsam mit Produzenten neue, innovative Ideen umsetzen. Eine unserer Stärken ist sicher, dass wir als Senderfamilie breiter aufgestellt sind. So können wir z.B. bei ProSieben sehr junge Themen bedienen, bei Sat.1 dafür auch mal Geschichten über zwei Stunden Länge ausführlich erzählen.

Scripted-Reality-Formaten wird oft vorgeworfen, niveauloses Fast-Food-Fernsehen zu sein. Was sagen Sie dazu?

Letztendlich werden bei Scripted Reality Begebenheiten nachgespielt oder inszeniert, die so oder ähnlich auch in der Realität passieren könnten oder tatsächlich passiert sind. Scripted Reality ist für mich kein Inhalt, sondern eine Produktionsform. Zuschauer wollen spannende Geschichten und emotionale Situationen, sie wollen gefesselt werden. Und durch das Scripten ergeben sich einfach neue dramaturgische Möglichkeiten. Der Vorteil ist außerdem, dass die Geschichten so schneller umsetzbar sind, und das ist gerade bei Daytime-Formaten wichtig: Hier benötigen wir ja Ideen, die auch mal 200 Folgen tragen müssen. Auch in anderen Märkten – wie zum Beispiel Frankreich – wird dieser deutsche Exportartikel verstärkt aufgenommen.

Bisher ist Scripted Reality ein Phänomen des Nachmittags. Welche Chancen gibt es für die Prime oder Access Prime Time?

Für die Prime Time würde ich es derzeit ausschließen. Für Sat.1 bereiten wir hier echte Dokusoap-Formate vor. In der Access Prime gibt es mittlerweile auf mehreren Sendern erfolgreiche Scripted-Formate. Sat.1 strahlt in dieser Zeitschiene schon erfolgreich „Schicksale“ aus und war mit den Crime-Formaten wie „K11“ auch Vorreiter für eine erfolgreiche Scripted-Strategie in der Access Prime Time. Wir werden hier sicher auch noch einige Ideen im Tagesprogramm testen.

Einige Produzenten sagen, dass es aus ihrer Sicht mit der „echten“ Reality zunehmend schwieriger wird, da die Zuschauer die Intensität und Dichte der „falschen“, gescripteten Realität auch mehr und mehr von ‚echten‘ Reality-Programmen zu erwarten scheinen. Beeinflussen die Scripted-Reality-Formate andere Genres?

Gerade ist die vierte Staffel von „Rosins Restaurants“ bei kabel eins zu Ende gegangen – mit einem neuen Quotenrekord. Und das ist nur ein Beispiel für erfolgreiche Reality mit echten Geschichten. Wichtig ist, dass der Zuschauer Vielfalt geboten bekommt und am Ende: dass er sich gut unterhalten fühlt. Der Zuschauer unterscheidet nicht so stark zwischen Doku oder Scripted – ihm sind die fesselnden Geschichten, der Humor und die Emotion wichtig.

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