“Verlagsmanager agieren scheinheilig”

Der Journalist Richard Gutjahr hat in seinem Blog Datensammelaktionen eines Tochterunternehmens von Bertelsmann angeprangert. In großem Stil werden offenbar Bücher-Gutscheine in Schulen verteilt, um an die Adressen der Schüler und deren Eltern zu kommen. Gleichzeitig setzt sich der Verband der Zeitschriftenverleger auf EU-Ebene gegen eine Verschärfung von Datenschutzrichtlinien ein. Im MEEDIA-Interview erläutert Gutjahr, warum Verlagsmanager seiner Meinung nach beim Datenschutz scheinheilig agieren.

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Was war der Anlass, sich mit Medienhäusern zu befassen, die Daten in Schulen und Kindergärten sammeln?

Anlass war die Mail eines Bloglesers. Ein Familienvater schickte mir eine Gutschein-Karte, die sein Sohn aus der 8. Klasse mit nach Hause gebracht hatte. Im Web stieß ich dazu auf unzählige Foreneinträge von Eltern, Lehrern, sogar von Kindergarten-Erzieherinnen, die hinter den Gratis-Büchern an ihren Einrichtungen das Lockvogel-Angebot eines Adresshändlers vermuteten.

In Ihrem Blog Gutjahr.biz geht es vor allem um Bertelsmann. Ist der Konzern aus Gütersloh ein besonders eifriger Datensammler oder nur einer unter vielen?

Schober, Deutsche Post… es gibt unzählige Datensammler in Deutschland. Bertelsmann ist einfach nur so unfassbar groß. Wenn sich die Bertelsmann-Tochter AZ direct im Web damit rühmt, über Daten von 40 Millionen Privathaushalten mit über 250 Zusatzkriterien zu verfügen, dann wundert es mich nicht, dass die schon im Kindergarten mit dem Sammeln beginnen müssen.

Von Medien heißt es stets, sie würden sich an gesetzliche Rahmenbedingungen halten – stimmt das?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich bin kein Jurist. Zwei Experten, die mir für meine Recherche zur Seite standen, waren sich uneinig, sprachen vom "untersten Rand" des gesetzlichen "Graubereichs".

Wie empfanden Sie den Auftritt der Verlagsmanager jüngst vor dem Bundestag?

Scheinheilig. Ein Kommentar bei Twitter brachte es ganz gut auf den Punkt: Die Verlage haben gar nichts dagegen, dass Google Daten sammelt, sie haben nur was dagegen, dass Google es einfach eleganter anstellt, als die Verlage selbst.

Die Verlage argumentieren, es sei für sie überlebenswichtig, mögliche Neu-Abonnenten ansprechen zu können. Ist diese Position nachvollziehbar?

Ach, und der Zweck heiligt die Mittel? Für Pferdefleischverkäufer ist das Umdeklarieren ihrer Ware sicherlich auch überlebenswichtig. Schmecken muss einem das trotzdem nicht.

Was ist eigentlich schlimm daran, wenn Schüler Gutscheine bekommen und Unternehmen anschließend Angebote unterbreiten?

Gar nichts, so etwas hat nur einfach in der Schule nichts zu suchen.

Brauchen wir gesetzliche schärfe Regeln was den Datenschutz gerade an Schulen und in Kindergärten betrifft?

Vielleicht. Vor allem aber härtere Strafen. Kinderprofile in Datenbanken anzulegen, noch bevor die überhaupt richtig laufen können. So etwas traut sich nicht einmal Google!

Wie könnte man Ihrer Meinung nach Kinder und Jugendliche am besten für Mediennutzung begeistern?

Medienbegeistert sind Kinder und Jugendliche glaube ich schon genug. Was fehlt, sind die Vorbilder. Manager, die auf Datenkraken schimpfen, dabei selbst welche sind, zähle ich persönlich jedenfalls nicht dazu.

Die Beiträge zu dem Thema bei Gutjahr.biz basierten auf Recherchen des LobbyPlag-Projekts. LobbyPlag sammelt über die Plattform krautreporter Geld, um ein Open Source Transparenzwerkzeug zum Lobbyismus in der EU zu entwickeln. Das Projekt kann bei krautreporter noch einige Tage lang mit Spenden unterstützt werden.

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