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Die Grundschule als Vertriebskanal

Der Journalist und Blogger Richard Gutjahr hat eine Diskussion angestoßen, inwieweit Medienhäuser in Schulen Daten von Kindern sammeln und diese für Verkaufs- und Marketing verwenden. So verteilt eine Tochterfirma von Bertelsmann in großem Stil Duden-Gutschein an Schulen, um Adressen zu generieren. Aber auch andere Unternehmen nutzen Schulen gerne als Vertriebskanal für die Kundschaft von morgen. Auf europäischer Ebene wird derzeit um den Datenschutz gerungen.

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Laut Richard Gutjahr ist es die Firma immediaONE, ein Tochterunternehmen von Bertelsmann, die in großem Stil Gutscheine für eine Gratis-Ausgabe der Duden-Schülerhilfe an Schulen verteilen lässt. Wer die Gutscheine ausfüllt, erhält später möglicherweise weiter Werbepost oder gar Besuche von Handelsvertretern.

Dazu passt, dass vergangene Woche bei einem Fachgespräch im Deutschen Bundestag führende Verlagsvertreter eindringlich dafür plädierten, dass der Datenschutz für Verbraucher auf europäischer Ebene nicht ausgeweitet werden dürfe. Laut Julia Jäkel, der Deutschland-Chefin von Gruner + Jahr, müsse es weiterhin möglich sein, potenzielle Neu-Abonnenten “seriös anzusprechen”. Sonst sei die unabhängige Presse in Gefahr.
Auf Basis von Recherchearbeiten der Organisation LobbyPlag zeigt Gutjahr in seinem Blog, das es dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) u.a. darum geht zu verhindern, dass Kinder-Daten künftig einen besonderen Schutz genießen. In der EU-Vorlage heißt es: “Die personenbezogenen Daten von Kindern müssen besonderen Schutz genießen, da Kinder sich der Risiken, Folgen, Vorsichtsmaßnahmen und ihrer Rechte bei der Verarbeitung personenbezogener Daten weniger bewusst sein dürften.” Ein VDZ-Vorschlag sieht vor, diesen Passus ersatzlos zu streichen.

Schaut man sich die Realität zum Beispiel an deutschen Grundschulen an, wird klar, dass es hier um einen nicht unwichtigen Wirtschaftsfaktor handelt. Es sind beileibe nicht nur Verlage, die in Klassenzimmern und auf Schulhöfen gerne den Boden für künftige Geschäfte bereiten.

So erscheint viermal pro Jahr ein Verkaufs-Heftchen namens "Gänsefüßchen". Darin werden "Bücher für Mädchen und Jungen zwischen 5 und 10 Jahren" offeriert, und zwar besonders "günstige" Bücher. Der Verlag an der Este bietet in den Prospekten, die direkt von von Lehrern verteilt werden, Restauflagen und günstige preisgebundene Bücher, darunter beliebte Klassiker wie “Wickie” oder “Pettersson und Findus”. Hinten auf dem Prospekt befindet sich ein Bestellformular, auf dem man die gewünschten Bücher ankreuzt. Das Geld für die bestellten Bücher, soll man dann "in einen Umschlag stecken"  und "der Organisatorin/dem Organisator des Gänsefüßchens in der Schule zukommen lassen." Sprich: den Lehrern.

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Für zehn bestellte Bücher gibt es ein Buch gratis für die Schule. Dadurch, dass die Lehrer die Prospekte im Klassenzimmer verteilen, bekommt die Verkaufsaktion einen offiziellen Charakter. Es entsteht ein Gruppendruck zu bestellen. Gleiches gilt für die erwähnten Duden-Gutscheine, die auch direkt von den Lehrkräften ausgeteilt und eingesammelt werden. Lehrer werden so zu Erfüllungsgehilfen der Industrie.

Auch der Verlag der Zeitschrift Flohkiste wendet sich gerne an Grundschullehrer und offeriert Lese-Übungshefte. Diese gibt es sogar gratis, wenn man pro Klasse eine bestimmte Zahl an Probe-Abos für die Flohkiste abschließt, die bereits kostenpflichtig sind, im Regelfall aber von allen Eltern der Klasse gemeinsam gezahlt werden. Und zum Elternabend wird gerne ein Schüler-Füller eine bestimmten Marke am herumgereicht – nur so als Beispiel, ganz unverbindlich. Hinterher ist es aber – natürlich – der gezeigte Füller, der in die größte Zahl der Mäppchen wandert.

Manche Firmen setzen sogar schon früher an, nämlich im Kindergarten. Kleine Wilkommensgeschenke von örtlichen Volksbanken und Sparkassen sind in vielen Regionen gang und gäbe. Und beim Tag der Zahngesundheit hat die nette Frau vom Gesundheitsamt hübsche Probe-Päckchen der Elmex-Kinderzahnpasta dabei.

Das Thema Marketing und Vertrieb in Schulen und Kindergärten reicht also deutlich über Medienunternehmen heraus. Es scheint, dass ein erweiterter Datenschutz für solch sensiblen Räume wie Schulen und Kindergärten durchaus angebracht sein könnte. Dass der VDZ Datenschutz-Bestimmungen, die im besonderen Kinder schützen sollen, auf EU-Ebene gestrichen haben will – dazu würden einem einige Vokabeln einfallen. „Seriös“ gehört nicht dazu.

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