Oscar-Nacht: Wie Online Print die Schau stahl

"And the Oscar goes to...online": Es mag am Zeitpunkt liegen, der mit dem Druckschluss von Tageszeitungen kollidiert - aber wer bislang daran zweifelte, dass die Oscars vor allem ein Online-Event sind, wurde in der Nacht zum Montag eines Besseren belehrt. Die Online-News-Marktführer Bild.de und Spiegel Online lieferten ein umfassendes Komplettpaket zur Nacht der Stars ab. Die alte Faustregel "Online die schnelle News, Print die tiefgehende Analyse", gilt schon lange nicht mehr.

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Wie kein anderer Oscar-Abend zuvor waren die diesjährigen Academy Awards vor allem Online-Awards. Das erste Mal in der Geschichte der Oscars lässt sich das gesamte TV-Event noch bis zum 27. Februar online auf ABC.com, über den ABC-Player und über die On-Demand-Plattform Hulu Plus ansehen. "Das ist ein einfacher Weg für jeden, der die Show verpasst, einen Anschluss an die Debatte zu bekommen”, erklärt Karin Gilford, Senior Vice President digitale Medien bei ABC. "Außerdem ist es perfekt für jeden, nochmal die magischsten Momente der Nacht Revue passieren zu lassen.”

Zumindest aus deutscher Sicht könnte man auf eine Wiederholung der TV-Show verzichten, so umfangreich war die Online-Berichterstattung in diesem Jahr. Bild.de und Spiegel Online lieferten neben den reinen News über Gewinner und Verlierer jede Menge Hintergründe. Das Springer-Portal brachte vorab auf einer Oscar-Sonderseite etwa eine Infografik zum Roten Teppich und ließ seinen Hollywood-Experten Nobert Körzdörfer eine Prognose über die potenziellen Gewinner abgeben. Bei Spiegel Online setzte man ab 1.15 Uhr auf einen Live-Ticker, der bis 6.11 Uhr regelmäßig aktualisiert wurde. Ergänzt wurde die Live-Berichterstattung mit einem Backstage-Stück von Spiegel-Korrespondent Marc Pitzke. Sehr gelungen ist die Infografik mit allen Oscar-Gewinnern und darin verlinkten Hintergrund-Stücken zu den Filmen. Andreas Borcholte lieferte am Montagvormittag eine Analyse der Jury-Entscheidungen und forderte “mehr Biss” bei der Preisgala fürs nächste Mal.

Bild.de hingegen konzentrierte sich auf einen boulevardesken Blick auf die Academy Awards – und tanzte gleich mehrfach den “Waltzer”. Das Springer-Portal setzte auf einen interaktiveren Live-Chat, bei dem Nutzer mit den Redakteuren diskutieren konnten. Ergänzt wurde das Angebot um Einordnungen von Prominenten, einen Fashion-Check sowie Videos mit den Preisträgern.

So stellt sich nach dieser Full-Coverage die Frage: Was können Tageszeitung oder gar Magazine hier noch an Mehrwert liefern? Die Printbranche ist angesichts der Zeitverschiebung der klare Oscar-Verlierer. Denn mit eigenen Analysen können die Zeitungsredaktionen erst in der Dienstagsausgabe punkten. Doch bis dahin haben die Online-Newsportale längst schon alles Berichtenswerte erzählt. Gerade bei einem so flüchtigen Event wie dem Oscar, auf dem nur für kurze Zeit der Blick von Millionen von Zuschauern ruht, scheint die Onlinebranche verstärkt auf eine allumfassende Content-Offensive zu setzen. Ähnliches war bereits bei der US-Wahl, der Landtagswahl in Niedersachsen und dem Papst-Rücktritt zu beobachten. Allerdings handelte es sich hierbei um Medienereignisse, die noch mehrere Tage nachhallten und bei denen immer neue Details zu Tage traten.

Im Fall der Oscars haben die Tageszeitung allerdings das Nachsehen. Das eigentliche Event startete nach dem Druckschluss der Montagsausgabe und war vorbei, noch bevor die Zeitung am Kiosk lag. Keine Chance also, der Oscar-Berichterstattung einen eigenen Print-Stempel aufzudrücken. Es wird spannend sein zu beobachten, mit welchen Geschichten Kultur und Feuilleton am Dienstag aufwarten werden. Zumindest das Interesse der Öffentlichkeit am Thema dürfte dann schon enorm abgenommen haben.

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