Gegen Dauersubventionierung der Presse

Der Bundestagsausschuss für Kultur und Medien sollte sich am Donnerstag mit der Zukunft der Presse befassen. Experten waren u.a. Springer-CEO Mathias Döpfner, G+J-Chefin Julia Jäkel und Medienforscher Stephan Weichert. Tatsächlich ging es aber fast nur um das Leistungsschutzrecht. Nach Meinung von Weichert wurde damit die Chance vertan, sich mit alternativen Finanzierungsmodellen für Journalismus zu beschäftigen. MEEDIA dokumentiert deshalb sein Statement.

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Wir durchleben derzeit eine Phase im Journalismus, in der sich die Technologien rasant und vor allem: unvorhersehbar entwickeln. Die immer kürzeren Entwicklungsschübe technischer Endgeräte und die beschleunigten Publikationsrhythmen in den Redaktionen, aber auch die Automatisierung journalistischer Produktionsprozesse insgesamt stellen die Branche vor immer neue Herausforderungen – und zwingen uns zu einem radikalen Umdenken, auch und gerade, was die Finanzierungsfrage journalistischer Qualitätsangebote betrifft. Die Frage ist also: Wie kann der Journalismus für die Zukunft gesichert werden, und welche potenziellen Handlungsoptionen ergeben sich für die Politik?
Noch vor einigen Jahren konnten die meisten Printjournalisten und Verleger dem digitalen Strukturwandel wenig Positives abgewinnen – man hat eher einen militanten Kulturkampf zwischen Online und Print beobachtet, dessen Folgen immer noch schwer wiegen. Doch die Branche ist dabei, sich zu wandeln: Sie steht der Digitalisierung und den damit verbundenen Neuerungen neuerdings sehr viel aufgeschlossener gegenüber.
Dennoch haben uns die Pleiten von Financial Times Deutschland und Frankfurter Rundschau betroffen gemacht. Obwohl in Fachkreisen und in der Branche selbst schon länger das Wort „Zeitungssterben“ die Runde macht, fand zum ersten Mal in Deutschland eine wirklich breite öffentliche Debatte über die Zukunft der Presse statt. Denn zum ersten Mal sahen sich viele Deutsche mit der Frage konfrontiert, was ihnen ohne Zeitungen eigentlich fehlen könnte. Das muss man als argumentative Wende verstehen, weil es ja schon lange nicht mehr um die Existenzsicherung der gedruckten Presse, sondern um das Überleben des Journalismus geht.  
Denn noch vor einigen Jahren wurde unter Wissenschaftlern, aber auch unter Medienpolitikern sehr emotional die Frage diskutiert, ob die Printmedien langfristig überleben werden. Schon im Jahr 2004 sorgte das Buch „The Vanishing Newspaper“ des US-amerikanischen Gelehrten Phil Meyer nicht nur in akademischen Kreisen für Furore: Meyer hatte ausgerechnet, dass von heute an gerechnet in ungefähr 30 Jahren keine Papierzeitung mehr existieren würde – wenn sich die Zeitungsauflagen so weiterentwickelten wie bis zu diesem Zeitpunkt.
Dass heute, keine zehn Jahre nach Erscheinen des Buches von Phil Meyer auch in Deutschland zwei renommierte Zeitungen ihre Existenz nicht mehr aus eigener Kraft sichern können, deute ich als Omen dafür, dass es in dieser Debatte hier und jetzt längst nicht mehr nur um das Überleben der Presse als gedrucktes Medium, sondern um das Überleben des Journalismus als Ganzes gehen muss. Man sollte aber nicht zu früh das Totenglöcklein für den Journalismus läuten – denn uns geht es im Vergleich zu Pressemärkten wie Amerika oder Italien momentan kommod, was die Medienvielfalt angeht. Doch wird, da muss man sich nichts vormachen, in naher Zukunft mit weiteren Umsatzeinbußen und Insolvenzanträgen fest zu rechnen sein – und das nicht nur bei regionalen oder bei überregionalen Tageszeitungen.
Ökonomische Kahlschläge werden in den journalistischen Kernbereichen ja schon seit mehreren Jahren beklagt, etwa bei der investigativen Recherche, der Auslandskorrespondenz, in der gesamten Lokalberichterstattung. Hinzu kommt, dass die Experimentierfreude im Journalismus und der Wille zu Investitionen in den Unternehmen – von einigen Ausnahmen abgesehen – nach wie vor nicht (mehr) sonderlich ausgeprägt sind.
Allerdings steigt, trotz Medienkrise, inzwischen wieder die Zuversicht in den Tageszeitungsredaktionen – zumindest belegt das eine repräsentative Studie, die ich vor kurzem mit meinen Kollegen Leif Kramp und Martin Welker abgeschlossen habe. Auch wenn sich nach wie vor viele Redakteure um ihren Arbeitsplatz sorgen, wird die derzeitige Situation nicht mehr nur als „Krise“ (18%), sondern überwiegend als „Normalzustand“ (48%) oder sogar als „Aufbruchsstimmung“ (32%) wahrgenommen. Warum uns die Befunde dieser Studie ebenfalls hoffen lassen ist, dass das Vertrauen in die Zukunft der Branche wächst, je experimentierfreudiger eine Redaktion ist. Anders herum gesagt: Die Angst vor der Krise schlägt den Redakteuren nicht nur aufs Gemüt, sondern ist auch in jeder Hinsicht innovationshemmend.
Was bedeutet das also nun konkret für die Finanzierungsfrage? Ich bin in den vergangenen Jahren viele Male in die USA gereist und habe mit Experten aus Journalismus, Verlagswesen und Ausbildung über die Zukunft unserer Branche gesprochen. Die meisten dieser erfahrenen Praktiker deuten den radikalen Entwicklungssprung durch das Internet als Chance denn als Gefahr – zum einen bezogen auf die neuen Publikations- und Vertriebsplattformen, die den Wandel des Handwerks beschleunigen. Zum anderen ist dort vielen schon lange klar, dass sich durch die Digitalisierung auch die ökonomischen Absatzmärkte für Information radikal verändern – und damit natürlich das Bezahlverhalten der Nutzer. Auch wenn die Situation auf dem dortigen Pressemarkt eine andere ist, weicht man in Amerika, wo das „Zeitungssterben“ nicht nur eine Floskel ist, daher schon länger auf neue Finanzierungsmodelle im Journalismus aus. Insofern würde ich dem US-Medienmarkt zumindest in der hiesigen Debatte um die Finanzierungsalternativen eine hilfreiche Trendsetter-Funktion zuschreiben.
Neben dem bewährten Marktmodell sehe ich insbesondere im Mäzenatentum oder in Stiftungen, aber auch im Crowdfunding oder im Bereich der öffentlichen Hand insgesamt vier zentrale Säulen, die den Journalismus langfristig ökonomisch sichern und stärken helfen:
Der Markt. Natürlich wird sich der Großteil journalistischer Angebote weiterhin über den Markt finanzieren (müssen). Nur die Kaufkraft der Konsumenten kann eine unabhängige, staatsferne Presse garantieren – allerdings bleibt der Erfolg von kostenpflichtigen Abonnements sowie partiellen Metered- und Gateway-Modellen dauerhaft wohl nur den exzellent positionierten Medienmarken wie Der Spiegel, Die Zeit, Bild, Economist, Neue Zürcher Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Stern, Wall Street Journal und The New York Times vorbehalten.
Der Staat. Weil der Journalismus als gesellschaftliches Allgemein- und Kulturgut zu betrachten ist, müssen wir noch genauer finanzielle staatliche Eingriffsformen unter die Lupe nehmen. Ich denke hier aber nicht unbedingt an eine Lockerung des Pressefusionsrechts oder die Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes. Warnen würde ich zumal vor Beihilfen nach dem Gießkannenprinzip. Mein Vorschlag wäre stattdessen eine konsequente Ausweitung der Haushaltsabgabe auf sämtliche journalistische Angebote. Der volkswirtschaftlichen Logik der Meritorik folgend, muss man sich das als allgemeine Kultur-Flatrate vorstellen, die in einen Nationalfonds für Qualitätsjournalismus fließen könnte, bei dem sich freie Journalisten sowie Redaktionen bewerben können.
Die Mäzene. Auch in Deutschland wird neuerdings laut über Modelle jenseits von Markt und Staat nachgedacht – übrigens auch in der Politik, siehe das Stiftungsvorhaben in NRW. Dabei geht es, ähnlich wie in den USA, um private Mäzene und politikferne Stiftungen, die sich als zivilgesellschaftliche Akteure für Erhalt und Ausbau einer unabhängigen Qualitätspresse stark machen – indem sie etwa journalistische Exzellenzprojekte oder die Aus- und Weiterbildung fördern oder selbst publizistisch aktiv werden. Dass solche Modelle ohne weiteres funktionieren, zeigen stiftungsfinanzierte Redaktionen wie ProPublica und California Watch oder das Engagement von Stiftungen wie die Knight Foundation und MacArthur Foundation.
Die Masse. Der Journalismus kann, auch das zeigt Amerika, gezielt, dauerhaft wohl aber in eher geringem Umfang durch Crowdfunding-Ansätze subventioniert werden. Crowdfunding-Plattformen wie spot.us, die in den USA nach dem Prinzip „rent-a-journalist“ arbeiten, zeigen, dass in der systematischen Einwerbung von Klein- und Kleinstspenden eine durchaus ernst zu nehmende Finanzierungskultur spezieller journalistischer Angebote steckt. Auch in Deutschland wird mit Plattformen wie Startnext oder spendenfinanzierten Portalen wie Krautreporter in Berlin experimentiert.
Es geht bei diesen Dritten Wegen also nicht um eine Dauersubvention der Presse, wie das etwa in Österreich der Fall ist, wo den Verlagen eine Verdreifachung der Presseförderung von derzeit 10,8 Mio. Euro jährlich in Aussicht gestellt wird. Ein allzu großer Enthusiasmus der Politiker bei der Finanzierung der Qualitätsmedien sollte uns ohnehin stets hellhörig werden lassen. Es handelt sich vielmehr um Finanzierungsformen, die komplementär zum Marktmodell zu sehen sind und stimulierenden Charakter haben. Sie könnten ein punktuelles Anreizsystem bilden und sich für Bereiche im Journalismus eignen,  die sich am Markt nicht aus eigener Kraft behaupten können. Es geht um den Erhalt kostbarer journalistischer Nischen, die im besten Falle positiv auf unsere Gesellschaft und die Medienbranche zurückwirken – beispielsweise die gezielte Förderung von investigativer Recherche oder journalistischer Innovationen, also die Etablierung publizistischer Biotope für Experimente und Ideen.
Man muss solche Alternativen daher unbedingt als marktfördernd begreifen – und nicht als stumpfe Alimentierung. Mindestens vier Bereiche halte ich für förderungsbedürftig, weil sie mittelfristig leiden, der gesamten Branche aber auch wichtige Impulse zurückgeben können:
1. Recherche. Gerade die kostenintensive Recherche gesellschaftlich relevanter Themen halte ich für unterstützungswürdig. Auch wenn in vielen großen Verlagen die Investigativabteilungen wie Pilze aus dem Boden schießen, darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Recherche nach wie vor defizitär und chronisch unterfinanziert ist, vor allem im Lokaljournalismus. Hier erscheint vor allem das Engagement von Stiftungen und Mäzenen aussichtsreich, um zusätzliche Anreizsysteme zu schaffen – etwa über Stipendienprogramme oder journalistische Recherchepreise – flankiert durch Crowdfunding-Initiativen, die zum Beispiel zeitaufwändige Recherchereisen finanzieren helfen können.  
2. Innovation. Der zweite zentrale Bereich ist die Förderung journalistischer Innovationen, also die Schaffung publizistischer Versuchslabore als Schutzräume für Experimente und neue Ideen.  Gerade in diesem Segment gibt es im Vergleich mit den USA immensen Nachholbedarf.  Dabei handelt es sich um eine Option, bei der mittelfristig viel zu gewinnen wäre, denn die Förderung von unabhängigen Media Labs über hochwertige Fellowships und Stipendien könnte für Verlage und Sender durchaus die erhoffte Impulswirkung von außen haben. Auch hier sehe ich großen Handlungsbedarf für Stiftungen, aber auch für die öffentliche Hand, wenn es um Talent- und Nachwuchsförderung geht.
3. Digitale Medienkompetenz. Gerade die kritische Medienpublizistik erscheinen seit längerem als unterfinanziert, kraftlos und hin und wieder stark interessengesteuert. Dabei halte ich Anlaufstellen im Internet für medieninteressierte Bürger nach dem Vorbild der vor einigen Jahren diskutierten "Stiftung Medientest" für einen ureigenen Bestandteil der zivilgesellschaftlich Medienkompetenz im Umgang mit der Digitalisierung. Debattenportale im Netz helfen nicht nur, den öffentlichen Diskurs über die gesellschaftlichen Folgen des digitalen Strukturwandels zu verstetigen, sondern auch den partizipativen Austausch im Sinne eines medienkritischen Dialogs zu pflegen. Solche Schnittstellen bedürfen schon deshalb der finanziellen Absicherung über Fördermittel, weil dieser Diskurs, das zeigt die Erfahrung, von der Branche selbst offenkundig nicht mehr hinreichend zu leisten ist.
 4. Qualität. Auf einer höheren zivilgesellschaftlichen Ebene angesiedelt ist die Überlegung, Stiftungen auszugründen, die sich für eine nachhaltige Steigerung und Sicherung von Medienqualität einsetzen – indem sie journalistische Exzellenzprojekte oder die Aus- und Weiterbildung sponsern, empirisch forschen oder sogar selbst publizistisch aktiv werden können, sei es im Hyperlokalen oder auf bestimmten unterfinanzierten Tätigkeitsfeldern wie dem Krisenjournalismus. In den USA existieren eine Reihe renommierter Think Tanks, die sich der Öffentlichkeit verpflichtet fühlen und positiv in diese Richtung wirken – ihre vielversprechenden Namen: Project for Excellence in Journalism, Pulitzer Center on Crisis Reporting, Center for Investigative Reporting oder Center for Public Integrity.
Diese Finanzierungsvorschläge sind natürlich kein Allheilmittel, weil sie die aktuellen Probleme im Journalismus nicht ad hoc lösen, sondern allenfalls hinauszögern. Aber sie sind ein Anfang, um den ökonomischen Druck aus dem Kessel zu lassen, der momentan auf der gesamten Branche lastet. Sie haben – im Gegensatz zum allseits gewünschten Leistungsschutzrecht – den angenehmen Nebeneffekt, dass sich der Journalismus, obwohl er finanziell angeschlagen ist, auch strukturell weiterentwickelt. Denn zu seiner Festigung und langfristigen Verankerung in der Gesellschaft braucht es einen stärkeren Reformwillen und eine Innovationsbereitschaft, als das, was die larmoyanten Zeitungsverleger derzeit an Beihilfen und anderen staatlichen Eingriffen fordern. Hoffentlich gelingt es uns als Gesellschaft, den Geist der gedruckten Presse zu erhalten – nicht aus ökonomischen Gründen, sondern, auch wenn das ein pathetisch klingen mag, weil er identisch ist mit der Idee einer freiheitlichen Demokratie.
„Aber eines kann ich Ihnen garantieren“, sagt Kathleen Solson, die Chefredakteurin der Zeitung im Roman „Die Unperfekten“ von Tom Rachmann, „Nachrichten wird es immer geben, und seriöse Nachrichtenmedien werden immer Absatz finden. Denn egal, wie man es nennt – Nachrichten, Text, Content –, jemand muss berichten, schreiben, druckfertig machen.“ In dieser selbstbewussten Aussage liegt viel Wahres, denn der Journalismus als Beruf wird wahrscheinlich nicht aussterben. Doch um es auf den Punkt zu bringen: Journalismus wird sich in Zukunft vermutlich nicht ausschließlich aus sich selbst heraus finanzieren können – und daran ist überhaupt nichts Anrüchiges zu finden. Im Gegenteil, journalistische Produkte waren im Laufe ihrer Geschichte schon immer quersubventioniert. Das wird auch künftig nicht anders sein – mit dem Unterschied, dass über die Existenz des Journalismus nicht mehr der Markt alleine entscheidet, sondern dies zu einer gesamtgesellschaftlichen Frage wird.
Der Text wurde für die Veröffentlichung bei MEEDIA leicht überarbeitet 

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