Plattner und die Milliarden-Medien-Ente

Publishing Ist SAP-Gründer Hasso Plattner nun der große Philanthrop, der die Hälfte seines Milliarden-Vermögens spendet oder nicht? Seit Dienstagnacht beschäftigt die die angebliche Mega-Spende Plattners und sein Beitritt zu Bill Gates Spender-Vereinigung The Giving Pledge die Medien. Mal ist Plattner Mitglied, dann wieder nicht. Mittlerweile stimmt beides irgendwie. Die Geschichte vom Big Spender Plattner ist ein ebenso amüsantes wie erschreckendes Lehrstück über die Funktionsweise von Medien und PR.

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Wahr ist: Hasso Plattner ist nicht Bill Gates Vereinigung The Giving Pledge beigetreten und Plattner hat auch niemals erklärt, die Hälfte seine Vermögens zu spenden, wie es die Statuten von The Giving Pledge vorsehen. Wahr ist aber auch: Plattner ist jetzt ganz offiziell Mitglied bei The Giving Pledge und er engagiert sich wie bisher umfangreich für wohltätige Zwecke. Der Leser ist geneigt zu fragen: Hä?

Chronologie einer Mega-Medien-Ente: Am Dienstabend hat die Nachrichtenagentur dpa kurz nach 23 Uhr die Meldung verschickt, “SAP-Gründer Plattner verschenkt Milliarden”. Das an sich war schon schief formuliert. Bei The Giving Pledge geht es nicht darum, dass jemand Milliarden „verschenkt“. Es geht darum, dass sich Superreiche verpflichten, zu Lebzeiten oder nach ihrem Tod über die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke abzugeben. Es ist eine Absichtserklärung – mehr zunächst nicht. Auf solche Feinheiten nimmt der Medienbetrieb heuer aber keine Rücksicht. Die schöne Geschichte vom SAP-Gründer, der seine Milliarden herschenkt, machte am Mittwoch in Windeseile die Runde. Und ließ sich nicht mehr einfangen.

Die Story schien ja auch stimmig. Auf der Homepage von The Giving Pledge wird Hasso Plattner als Mitglied geführt, zusammen mit einem Brief Plattners, in dem dieser erläutert, warum er spendet. Nämlich, weil er selbst an der Uni Karlsruhe praktisch für umsonst studieren konnte und dieses Studium seine Karriere begründete. Darum wolle er der Gesellschaft etwas zurückgeben. Nur zwei Medien hatten an diesem hektischen Mittwoch direkten Zugang zu Plattner: die Bild-Zeitung und Peter Tiede, Chefredakteur der Potsdamer Neuesten Nachrichten (PNN). Gegenüber beiden dementierte Plattner deutlich, dass er die Hälfte seines Vermögens spenden werde und er dementierte auch seinen Beitritt zu The Giving Pledge.

Seit Jahren würde Gates versuchen Plattner zu überreden, bei The Giving Pledge mitzumachen aber er lasse sich nicht unter Druck setzen, wird Plattner bei Bild.de zitiert. Die PNN schreiben, Plattner sei wütend: „Nein, ich bin dem Verein nicht beigetreten”, wird er dort zitiert. Die beiden Dementi-Berichte stehen am Mittwoch in trauter Eintracht neben den Spenden-Jubelarien in zig anderen Medien. Später am Tag verschickt SAP dann noch eine Pressemitteilung, die die Sache nicht klarer macht. Darin wird Plattner wie folgt zitiert: “Ich freue mich, Mitglied der Giving Pledge Stiftung zu sein. Im Rahmen meiner Mitgliedschaft werde ich das gesamte Kapital meiner Förderstiftung mit den Schwerpunkten Bildung, Kultur und Gesundheit  im Sinne des weltweiten Anspruchs von Giving Pledge einsetzen. Bildung und Gesundheit sind ganz wesentliche Voraussetzungen für Menschen, um ihre Leben sinnvoll und erfolgreich zu gestalten.”

Auch am Donnerstag ist es bei Sichtung der Nachrichtenlage im Netz praktisch unmöglich zu erkennen, ob Hasso Plattner nun Mitglied bei The Giving Pledge ist oder nicht. Die News von der Milliardenspende findet sich genauso wie die News vom Dementi und die SAP-Mitteilung. Anruf bei der SAP. Dort bekommt man die Auskunft, dass das versendete Zitat (“Freue mich, Mitglied zu sein.”) zutreffe. Alles andere sei “falsch zitiert”. Außerdem, so der SAP-Sprecher weiter, sei es auch gar nicht offizielle Richtlinie bei The Giving Pledge, dass ein Mitglied zusagen müsse, die Hälfte seines zu Vermögens zu spenden. Das hätten Journalisten “falsch interpretiert”.

Wirklich? Auf der Website von The Giving Pledge heißt es wörtlich: “The Giving Pledge is an effort to help address society’s most pressing problems by inviting the world’s wealthiest individuals and families to commit to giving more than half of their wealth to philanthropy or charitable causes either during their lifetime or after their death.” Übersetzung: “The Giving Pledge bemüht sich, bei den drängendsten Problemen der Gesellschaft zu helfen, indem die wohlhabendsten Personen und Familien eingeladen werden, sich zu verpflichten, über die Hälfte ihres Vermögens an gemeinnützige oder wohltätige Zwecke zu geben, entweder während ihrer Lebenszeit oder nach ihrem Tod.”

Als MEEDIA bei PNN-Chefredakteur Peter Tiede nachfragt, ob er Hasso Plattner mit dem Dementi denn falsch zitiert habe, kann der nur lachen. Man müsse die SAP-Mitteilung schon genau lesen, meint Tiede. Da stehe weder drin, dass Plattner The Giving Pledge beigetreten sei, noch dass er die Hälfte seines Vermögens spende. Letzteres kann er im übrigen auch gar nicht, da große Teile seines Vermögens in SAP-Aktien gebunden ist. Die Plattner-Zitate aus seinem Artikel bei den Potsdamer Neuesten Nachrichten seien selbstverständlich korrekt.

The Giving Pledge hat ein prominentes deutsche Zugpferd für die gute Sache gesucht, ist mit Hasso Platter aber ein bisschen zu sehr vorgeprescht. Die dpa hat eine griffige, aber leicht schiefe Zeile dazu gemacht. Bei der SAP hat man vermutlich auch nichts dagegen gehabt, dass der bekannte Firmengründer als Philanthrop Schlagzeilen macht und sich darum die windelweiche Formulierung mit “Freue mich Mitglied zu sein” ausgedacht. Und Hasso Plattner? Der hat zu Tiede gesagt: “Sollen doch alle schreiben, dass ich Mitglied bei dem Verein bin, meinetwegen. Aber ich weiß, dass ich die Bedingungen dafür nicht erfülle – egal, was Bill Gates sagt: In meiner Stiftung ist weniger als 20 Prozent meines Vermögens.”

Und weil die Potsdamer Neuesten Nachrichten zum gleichen Verlag gehören wie der Tagesspiegel, stand Tiedes Artikel, in dem Plattners wütendes Dementi steht auch bei Tagesspiegel.de auf der Website. Zusammen einem Video mit der Überschrift “SAP-Mitbegründer spendet Milliarden”. Das irre ist: Mittlerweile stimmt die Story ja sogar. Irgendwie. Wenn so eine kapitale Ente heute erst mal aus dem Käfig raus ist, kann man sie kaum noch einfangen.  

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