himmelblau: „Reiselust“ der Landlust-Macher

Nach der geradezu sagenhaften Erfolgsgeschichte der Landlust ist die Messlatte hoch gehängt: Kein Wunder, hat der Münsteraner Landwirtschaftsverlag mit seinem Stadtflucht-Titel doch ein ganz neues Segment geschaffen und inzwischen mit dem Zweimonatsheft die Million-Schallmauer bei der (hart!) verkauften Auflage durchbrochen. Seit heute liegt nun himmelblau am Kiosk, eine Art "Reiselust" für die Landlust-Zielgruppe. Doch blau ist beim Neuling nur der Einstieg, danach gerät es leider eher grau.

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Laut Editorial soll das Magazin „Lust auf naturnahe, ländliche oder noch weitgehend unberührte Urlaubsziele in Deutschland und Europa“ machen. Doch dieser Anspruch ist im dichtbevölkerten Deutschland naturgemäß nicht allzu leicht einlösbar. Bei solch einem Startversprechen erwartet der Leser Geheimtipp um Geheimtipp und Natur pur. Letztes löst das Magazin ein. Doch die Anzahl der Reiseziele, über die so gut wie nie berichtet wurde und die noch nicht so richtig touristisch erschlossen sind, ist hierzulande tatsächlich sehr überschaubar.
Das Magazin himmelblau nähert sich seinem Sujet akribisch und bedächtig wie ein Bergwanderer, der die Steigung zum Gipfel mit stets gleicher Schrittlänge nimmt, um nicht aus dem Tritt zu geraten. Das mag effizient sein, aber Überraschungen und Tempowechsel, die den Reiz vieler erfolgreicher Magazine ausmachen, fehlen hier, was dem Fernweh-Erstling der Münsteraner eine gewisse Eintönigkeit und den Charme einer Postkartenidylle verleiht. Im Landwirtschaftsverlag mag man einwenden, dass dieser Zugang zum neuen Themenfeld bewusst so gewählt wurde, und – auch dies ist möglich und nicht gerade unwahrscheinlich – dass die Verkaufszahlen der Strategie Recht geben werden.

Geordnet ist Himmelblau in die Rubriken „Küste & Meer“, „Land & Seen“, „Berge & Täler“ einem Rad-Extra und einem Extra-Teil der mit Wochenende überschrieben und der mit Storys über „Kultur in Thüringen“, „Landfrische Nordholland“ und „Kunst und Natur in und um Kassel“ aufwartet.

Zum Start stellt das Team um Redaktionsleiter Ulrich Toholt Nordsee-Inseln vor. Die Story verspricht „Ruhe für Genießer“, zeigt tolle Bilder, aber inhaltlich überwiegend altbekanntes. Langeoog, Wangerooge oder Amrum sind weder Geheimtipps noch – vor allem in der Hochsaison – echte Orte der Ruhe. Trotzdem kann die Strecke mit tollen Fotos punkten. Freunde des geschriebenen Wortes, werden allerdings nicht so richtig auf ihre Kosten kommen. Denn im Unterschied zur Landlust sucht Himmelblau sein Glück in weit kürzeren Texten. Für ein reines Service-Heft sind die Stücke dann allerdings auch wieder zu lang. In diesem Bereich sitzt der Neuling konzeptionell etwas zwischen Baum und Borke.

An vielen Stellen wäre weniger mehr gewesen. Beispiel: In einem Stück stellt Himmelblau drei Bergwanderungen in den Alpen vor. Die Fotos sind top, die Route bestimmt wunderschön. Nur die Texte sind so kurz und es fehlt eine Karte. Dieses Manko zieht sich durch das ganze Heft. Dabei verspricht bereits das Editorial eine gewisse Print-Entschleunigung auf 140 Seiten. “Himmelblau porträtiert verträumte Landschaften, besondere Sehenswürdigkeiten, interessante Menschen und Zufluchtsorte der Ruhe“.
Entschleunigt scheint auch der Anspruch an Entwicklung des neuen Titels: himmelblau kommt zwei Mal jährlich, die Verkaufserwartungen sind maßvoll, die Hoffnung der Macher liegt in einer lang anhaltenden positiven Verkaufskurve. Das beste Marketinginstrument ist die Landlust, die dem neuen Heft reichlich Neugierige zuführen dürfte, Motto: zum Magazin für zuhause gibt’s nun eins für unterwegs als Dreingabe. Und dass die Leser zuallererst die Urlaubsregionen in der Nähe interessieren, scheint angesichts der Zielgruppen-Demografie plausibel.
So könnte himmelblau durchaus bald ein gewohnter Kiosktitel werden. Aber wenn das Heft nur ein wenig spannender und mutiger daherkäme – keiner hätte was dagegen.

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