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Warum Jenny Elvers noch nicht trocken ist

Als Jenny Elvers-Elbertzhagen, 40, im Herbst 2012 für sechs Wochen in eine Klinik zur Kurzzeittherapie mit körperlicher Entgiftung ging, wünschte jeder ihr Glück. Dieser Wunsch ist ebenso ehrenwert wie untauglich: Glück ist kein effektives Mittel zur Neugestaltung eines Lebens Abhängiger. Ihre laute Rückkehr in die Medien scheint – bei aller prognostischen Vorsicht – kein gutes Zeichen: Niemand kann neue Ziele mit gewohnten Mitteln und auf alten Gleisen erreichen. Auch Jenny nicht.

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Alkohol ist ein Nervengift.
Grob vereinfacht gesagt, kompensieren Suchtmittelabhängige durch Alkohol, Medikamente, Drogen oder gar Spielsucht für sich subjektiv innerlich Unerträgliches. Alkoholiker etwa trinken, um die Wahrnehmung ihrer Welt angenehmer, spannungsfreier, leichter zu machen. Subjektiv verschwinden scheinbar ihre Ängste, sie spüren die eigene Unfähigkeit wirklicher Kontaktgestaltung zu anderen nicht mehr, fühlen sich mutiger, lebendiger, handlungsfähiger.
Sie machen irgendwann in ihrem Leben die Erfahrung: Alkohol hilft. Medikamente helfen. Drogen helfen. Sie helfen dabei, tief drinnen nicht mehr spüren zu müssen, was an sich selbst als Ergebnis der eigenen Geschichte sie einengt, ängstigt und behindert. Suchtmittelabhängige werden scheinbar durch den Einsatz von Alkohol und Co. für Stunden zu einem andereren Menschen.
Irgendwann und lange unbemerkt wird diese innere Kopplung fatal, und es kommt zu einem fürchterlichen Reflex: Jeder Anflug von Angst, jeder zarte Beginn des sich innerlich Klein-Fühlens, jeder Form zu bewältigenden, emotionalen Stresses, jeder Anflug von Einsamkeit, jede Bedrohung, nicht wahrgenommen, anerkannt, oder gemocht zu werden, jede Sorge um eigene Defizite oder mangelnde Leistungsfähigkeit, so der trügerische Reflex, wird scheinbar leichter und verschwindet, wenn Alkohol oder Medikamente genutzt werden.
Suchtmittel übernehmen also – subjektiv betrachtet – Funktionen, die bei gesunden Erwachsenen aus Entwicklung und Erfahrung geboren werden: Wir lernen durch Erfolge und Niederlagen eine zunehmend realistischere Selbsteinschätzung. Wir überwinden Täler, Hoffnungslosigkeit und unsere Furcht. Wir stehen auf, nachdem wir gefallen sind, wir halten Trennungen aus, ertragen öde Strecken ohne Perspektive, gestalten Beziehungen. Wir lernen immer wieder neu damit umzugehen, dass unsere Welten aus mindestens zwei Seiten einer Münze gebaut sind: einer sichtbaren, angenehmen, schönen, hellen und lebenswerten. Und einer dunkleren, der wir ebenso ungerne begegnen, wie wir sie vermeiden können. Wir lernen im Laufe unseres Lebens immer wieder neu, die ganze Münze zu greifen.
Übernehmen Alkohol, Medikamente oder Drogen – scheinbar – wesentliche Teile dieses erforderlichen Reifungsprozesses und gewinnen eine wesentliche Bedeutung dabei, uns all dies scheinbar leichter zu machen oder uns es gar subjektiv zu ersparen, ist – lange vor der körperlichen Abhängigkeit – die psychische Abhängigkeit eingetreten. Auch bei Jenny Elvers-Elbertzhagen. Irgendwann hing auch sie wie ein Fisch an der Angel eben dieses Reflexes: Alkohol hilft. Wie Atempause und Ausatmen dem Einatmen folgen, folgt der Griff zum Glas oder zu Medikamenten aufkeimender, innerer Angst, befürchteter Spannung oder Belastung. Dieser Reflex bereits ist der Anfang vom Ende. Und er hat eine unglaubliche Kraft.
Der psychischen Abhängigkeit folgt irgendwann zwangsläufig die körperliche. Unterschiedliche, auch sehr ernste und lebensbedrohliche Entzugssymptome treten auf, wenn dem – inzwischen körperlich auf ein gewisses Quantum an Stoffen eingeschwungenen – System Nahrung und Boden entzogen werden.
In beiden Dimensionen psychischer und physischer Abhängigkeit hat längst die Sucht die Steuerung übernommen. Der Rest gleicht dem Gefangen-Sein eines Kleinwagens im Stau einer Einbahnstraße: Abhängigkeitserkrankungen verlaufen manchmal über lange Jahre in einem individuell unterschiedlichen Tempo, aber sie kennen stets nur eine Richtung. Nach unten. Ganz nach unten. Bis alles zerstört ist und der Boden erreicht ist.
Die Umwelt merkt davon in der Regel über lange Zeit wenig. Alkohol ist sozial und kulturell akzeptiert, gilt für viele als Genussmittel und Geselligkeits-Tool. So irritiert heute eher jener, der in gesellschaftlichen Kontexten keinen Alkohol  trinkt. Die Welt der Medien ist darüber hinaus ein Mekka der Polytoxikomanie, also der Nutzung von Alkohol in Verbindung mit Medikamenten oder Drogen wie Kokain. Häufiger als bei Männern gestalten sich gerade die Abhängigkeitserkrankungen von Frauen in der Kombinationswelt gleichzeitig mehrerer Suchtmittel.
Verzerrung der Realität
In der Regel merken Abhängige selbst zunächst ihre Erkrankung. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt und annähernd zeitgleich halten sie diesen Impuls weit weg aus Ihrer Wahrnehmung. Sie bagatellisieren und rationalisieren: In erstaunlicher Kreativität finden sie im Dialog mit sich und anderen ungezählte Begründungen dafür, dass alles entweder nicht so schlimm sei, oder durch Umwelteinflüsse verursachte Anlässe ihr Trinken rechtfertigten.
So beginnt ein langer Weg der Verbiegung von Wahrheit, der Verzerrung von Wirklichkeit. Auf diesem Weg konstruieren Abhängige immer wieder neu Situationen, in denen sie sich unverstanden oder gar zu Unrecht beschuldigt fühlen. Sie konstruieren wieder und wieder aktiv Erlebnisse, in denen Stress, Belastung durch Umweltbedingungen ihr Weitertrinken rechtfertigen. Statt die Verantwortung für Lage und Situation zu übernehmen, wird die Situation verantwortlich gemacht.
Diese Verbiegung und Verzerrung von Wirklichkeit ist einerseits die massive Abwehr von Wahrheit, und sie dient auf der anderen Seite ausschließlich einem Ziel: Weitertrinken zu können. Weiter Medikamente nehmen zu können. Die Kontrolle über den freien Willen zur Entscheidung hat lange schon die Erkrankung.
Partner
Wesen und Effekt von Abhängigkeitserkrankungen haben im Kern eine dauerhafte, tief zerstörerische Dynamik, der sich alles unterordnet. Alles. Sie zerstören zwangsläufig Körper, Seelen und beschädigen jede Form sozialer Bindung und Beziehung.
In das kreative Netz von Lüge und Rationalisierung werden Ehepartner, Eltern und nahe Freunde eingebunden. Da auch sie aus Selbstschutz einen natürlichen Widerstand dagegen haben, sich Katastrophe und Ernst der Lage einzugestehen, glauben sie lange konstruierten  und Begründungen und Versprechungen. Auch, weil es leichter ist: Sie lernen, Wahrheiten zu übergehen, die sie tief im Kern eigentlich spüren. Sie beginnen, wie der Abhängige selbst, mitzufühlen, wie schwer doch die Welt für den Partner sei, lernen wegzuschauen und auszuweichen.
Sie werden co-abhängig.  Sie wollen vielleicht verstehen und helfen, und sie spüren nicht, dass sie lange schon Teil eines Systems der Stabilisierung von Sucht sind. So mag auch Götz Elbertzhagen unbemerkt über einen längeren Zeitraum neben Jenny im Kleinwagen gesessen haben. Jahre als Beifahrer in der Einbahnstraße.  Er konnte kaum verstanden haben, was in der Tat auch schwer zu verstehen ist: Alkoholikern oder Medikamentenabhängigen in einer klassischen Art und Weise Verständnis für ihre schwere Situation entgegen zu bringen, ist keine Hilfe. Im Gegenteil: Es stabilisiert sie sozial und schafft ihnen Sicherheit, um weitertrinken zu können. Diese Form von Zuwendung verlängert das Leid.
Der Verzicht auf Wahrheit mit allen möglichen Konsequenzen, bis hin zur Trennung, wenn nichts geändert wird ist letztlich unterlassene Hilfeleistung und hilft Abhängigen dabei, weiter zu trinken.

Therapie und neue Wege
Menschen sind viel zäher, als uns allen lieb sein mag. Sehr viel zäher. Wir ertragen wieder und wieder unglaubliche Mengen an immer neuem Leid. So ist die Frage, wann Abhängigkeitskranke so weit am Boden sind, dass mit den richtigen Schritten und der nötigen Konsequenz Umkehr und Veränderung erfolgreich sein können, sehr schwer zu beantworten. Viele müssen sich durch eine lange Strecke von Rückfällen baggern, bevor sie wirklich verstanden haben. Jene Strecken sehen zwischenzeitlich immer wieder Phasen guter Vorsätze und Zeiten der Trockenheit, die häufig schöngeredete Trinkpausen darstellen. Mehr nicht.
Nach einer körperlichen Entgiftung widmen sich – in Qualität, Tiefgang und Dauer sehr unterschiedliche – Therapien Kernelementen eines neuen Weges:
Man vermittelt ein Verständnis innerer Mechanismen des Einsatzes von Suchtmitteln. Man arbeitet auf unterschiedlichem Niveau an einem inneren Zugang zu prinzipiellen, innerseelischen Ursachen der Abhängigkeitserkrankung. Man sensibilisiert Patienten für das immense Bündel eigener innerer Fallstricke und Selbstbetrugs-Konstrukte desjenigen, der “in ihnen“ weiter trinken möchte. Man beginnt damit, die enorme Kraft alter eingeschwungene Routinen und Kontakte durch Angebote des neuen Weges Schritt für Schritt zu ersetzen. Selbsthilfegruppen trockener Alkoholiker, die sich mit ähnlichen Fragen auseinandersetzen etwa ersetzen alte Saufkumpels und stützen den langsamen Bau eines neuen Umfeldes.
All dies ist ein langer und zerbrechlicher Weg in ein neues Leben, bevor es tragen kann. Neben vielem anderen setzt dieser Weg eines voraus: die immer neue Bereitschaft zur absoluten Konsequenz der Abkehr von gewohnten Routinen.
Niemand kann ein bisschen schwanger sein. Und niemand, der Alkohol eine Absage erteilen will, kann beispielsweise Medikamente nehmen, die seine Welt subjektiv leichter machen. Dies gilt in den ersten Jahren selbst für Kopfschmerztabletten, und es gibt nicht wenige Therapie-Kliniken, die ihre Patenten alleine deshalb während einer Therapie rauswerfen, weil sie eine Vitamintablette genommen haben. Zu stark, zu tödlich ist dieser gelernte Reflex: Wenn ich etwas nehme, hilft es mir. Wer hier die Tür auch nur einen kleinen Spalt öffnet, sitzt längst im Kleinwagen und steuert Einbahnstraßen an. Ganz ernst. Ähnliches gilt für das früher gewohnte Umfeld.
Jenny und die Medien
Jenny Elvers-Elbertzhagen ist eine erwachsene Frau mit Verantwortung: Zunächst und in aller erster Linie für sich selbst. Dann als Mutter für Ihr Kind, als Partnerin ihres Mannes im Rahmen ihrer Ehe. Und zuletzt in ihren Beziehungen zu Freunden, Beruf, Medien und Fans. In dieser und keiner anderen Reihenfolge.
Man muss also tun, was Jenny lange nicht mit sich selbst – und denen, die ihr nahe waren – hat tun können: Man muss sie wie eine Erwachsene behandeln und ihr Handeln auch so kommentieren.
Sicher gibt es eine ganze Reihe realer, erfundener, phantasierter oder auch platt gelogener Gründe für ihre aktuellen medialen Auftritte und Interviews: Kohle, Aufmerksamkeit, Verträge, was auch immer. Keiner der Gründe taugt in Einbahnstraßen. Nicht, wenn man die nötige Konsequenz der Bereitschaft zu neuen Wegen unterstellen will.
Sich mit Frauke Ludowig und einer Batterie von Schnaps- und Weinflaschen im Hintergrund in eine Kneipe oder Hotelbar zu begeben, um mitten in der alten, sozialen Kultur der eigenen Suchterkrankung ein Interview zu geben, ist eine echte Katastrophe. Sie zeigt, wie tragisch wenig wirklich verstanden ist.
Photo-Shootings, Interviews und TV-Auftritte bedeuten für Jenny exakt dasselbe, als würde ein Alkoholiker, der an Würstchenbuden mit Saufkumpels getrunken hat, nach der Therapie auf einen Kaffee an dieselbe Würstchenbude zurückkehren und sich dabei einreden, eine Wurst wäre doch irgendwie ganz schön, wenn man Hunger hat.
Würde ein Fixer, der an Bahnhöfen Heroin gedrückt hat, seine Freizeit an eben jenen Bahnhöfen mit dem Argument verbringen, er wolle Fahrpläne studieren, kaum jemand glaubte es. Das abenteuerliche Argument, die “Offenheit von Jenny mache anderen Mut“ ist nicht nur inhaltlich paradox: Eine erfolgreiche Frau, eine Medienfigur mit Mann, Kohle und öffentlicher Bedeutung hat noch nie jenen Mut gemacht, die in ernsten sozialen Verhältnissen unterhalb des Existenzminimums vereinsamt ihre Tage wegsaufen. Diese Bilder schaffen eher Distanz als Nähe, weil im Leben von Jenny so vieles so anders ist als in Ein-Zimmer-Wohnungen, Dorfkneipen oder Obdachlosen-Asylen. Der Reflex ist eher ein Gegenteiliger: Jeder Standardalkoholiker mag denken, Frau Elvers habe es besonders leicht, und unter Bedingungen wie diesen könne selbst er locker aufhören zu trinken.
Schlimmer noch: Diese in die eigene Tasche gelogene Argumentation ist letztlich die Fortsetzung alter und gewohnter Realitätsverzerrung mit nun neuen Mitteln.
Die Wahrheit ist: Jenny Elvers-Elbertzhagen ist nicht trocken. Sie trinkt nur gerade nicht. Dies allerdings ist etwas ganz anderes. Wirkliche Abstinenz ist weit mehr, als vielleicht kurzfristiger Verzicht auf Alkohol und Drogen. Sie ist konsequente Umkehr und Veränderung des gesamten, gewohnten Systems. Bleibt es, wie es aktuell scheint, kann das nicht halten. Niemals.
Dies alles ist nicht traurig, und vielleicht sollten öffentliche Kommentatoren schnell damit beginnen, Schleim, Mitleid und plakatierte Sorge ins Regal zu stellen. Sie nämlich helfen nicht.
Bewegt sich Jenny Elvers-Elbertzhagen nicht in allen wichtigen Fragen konsequent auf einen anderen Weg, ist dies nicht, wie gerne kommentiert, traurig. Es ist bodenlos dumm, unehrlich, ignorant und aggressiv sich selbst und anderen gegenüber.
Jenny Elvers-Elbertzhagen hat kein schweres Schicksal. Sie hat als erwachsener Mensch die Freiheit sich zu entscheiden. Im Rahmen dieser Entscheidung ist es schwer genug, sich gegen Alkohol und alte Wege zu entscheiden. Über das “Wogegen“ hinaus: Noch schwerer wird irgendwann die Frage wofür und ganz genau für wen es sich zu entscheiden gilt.
Die Antwort heißt: für Jenny Elvers-Elvertzhagen. Wer auch immer das sein mag. Sie muss es herausfinden. Und sie wird damit beginnen müssen, die Person, die ihr begegnen wird, wirklich zu mögen.

Der Autor hat über zehn Jahre in einer Berliner Fachklinik für Entwöhnungstherapie psychotherapeutisch mit Suchtkranken gearbeitet.

Mehr über den Christopher Lesko: www.leadership-academy.de

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