Hörzu Reporter: Designer-Mantel für TV-Fans

Ein Sonderheft mit dem Titel "Reporter" weckt Erinnerungen an Neugründungen wie einst Spiegel Reporter. Jetzt hat sich auch Springers Urzeit-Programmie Hörzu eine solche Extension gegönnt und will deutlich machen, dass die Redaktion zu mehr in der Lage ist, als TV-Tipps in einen gefälligen Mantel zu betten. Über die Zielgruppe sagt Chefredakteur Christian Hellmann: ""Es ist ein Magazin, das sich an alle richtet, die Interesse an gut gemachten und hochwertig produzierten Themen haben."

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Man muss also nicht unbedingt vor allem Fernsehfan sein, um Hörzu Reporter zu lesen. Die Selektion erfolgt eher auf andere Art. Der separat produzierte Designer-Mantel ohne Programmschema & Co. wird im Handel für – auf dem TV-Sektor – geradezu sagenhafte 10 Euro angeboten. Der hohe Verkaufspreis erklärt die vergleichsweise niedrige Druckauflage von lediglich 25.000 Exemplaren. Die wohl einmalige Extension der seit 1946 erscheinenden Programmzeitschrift ist etwas für Liebhaber. "Ich bin überzeugt, dass dieses Heft zum Sammlerobjekt werden kann", sagt Hellmann über das 228 volumige Seiten dicke Magazin, das wie eine Ausgabe der Vogue in der Hand liegt, und damit könnte er recht behalten.
 
Titelseite von Hörzu Reporter: geballte Premium-Packung mit goldfarbenem Logo und Coverstory zu "Überflieger" Nico Hofmann
Allein die Tatsache, dass Hörzu Reporter seit vergangenem Freitag auf dem Markt ist, widerlegt die oft gehörte (und von den Vorständen auch immer wieder mindestens zwischen den Zeilen geäußerte) Vermutung, dass die auf den Shift ins Digitalgeschäft versessene Axel Springer AG ihre Printprodukte allmählich aus den Augen verliert. Einen ähnlichen Luxus wie jetzt Hörzu gewährte das Verlagshaus schon der Auto Bild, die den legendären langjährigen Motorpresse-Oldie Motor Revue zu neuem Leben erwecken und damit ins Premium-Segment vorstoßen durfte.
Nun ist Hörzu kein beliebiger Titel: Mit 1,3 Millionen Exemplaren ist das Heft immer noch Europas meistverkaufte Wochenzeitschrift. Dass der printübliche Auflagen-Abschwung zudem auf ein erträgliches Maß "eingebremst" (Hellmann) werden konnte, macht offenbar Lust auf mehr: "Die Hörzu hat sich in den vergangenen Jahren im Markt hervorragend geschlagen und befindet sich in Bestform", so Hellmann im Gespräch mit MEEDIA, "HörzuReporter bringen wir als Baustein einer Markenoffensive und Imageträger."
Wer das Magazin blättert, stellt schnell fest, dass die Autoren alte Bekannte aus dem Stammheft sind. "Grundidee des neuen Titels war es, die Kompetenz von Hörzu auf ein Premium-Produkt zu übertragen. Das Heft ist quasi eine Leistungsschau der Redaktion, die alle Stories erarbeitet und produziert hat", sagt Hellmann, ehemals Gründungschefredakteur von TV Spielfilm und bei Springer seit 2004 als Blattmacher von TV Digital am Start. Die Hörzu übernahm der 51-Jährige vor vier Jahren von Thomas Garms.
Auf dem größtenteils in zurückhaltendem Schwarz-Weiß gehaltenen Cover wird die Bandbreite des Magazins mit "Menschen / Medien / Politik / Natur / Fotografie" umrissen. "Im Mittelpunkt stehen Menschen, die mit ihrer Arbeit andere Menschen bewegen und berühren", schreibt Hellmann im Editorial. Ein Feature über Filmproduzent Nico Hofmann ("Der Filmemacher, der niemals aufgibt") liefert die Titelstory, das Heft eröffnet ein Porträt der Kanzlerin ("Miss World"), und im Innenteil finden sich viele "schwere" Themen: Armut in den Slums von Venezuela, Bekenntnisse des Kriegsfotografen James Nachtwey, Raubbau in Entwicklungsländern ("Blutdiamanten"), Geschichte oder "Die dunkle Seite des Fortschritts" – handwerklich sauber aufbereitet und mit lesenswerten Stücken wie "Im Auge der Stasi" über den langen Atem des DDR-Geheimdienstes.
Das alles ist vom üblichen Themenmix eines Programmies gefühlt weiter entfernt als Felix Baumgartners bei seinem Ballonabsprung von der Erde, und doch sieht Hellmann sein Reporter-Heft als Seelenverwandten in der Tradition der journalistischen Grundhaltung der Hörzu über die Jahrzehnte. Originäre Fernsehthemen finden sich in Hörzu Reporter nicht, Artikel über RTL-Krisenfrau Antonia Rados, die Freiheit der Presse oder ein Report von ARD-Auslandskorrespondent Peter Sonnenberg stellen die nächste Annäherung an das wöchentliche Programmgeschehen dar. Mit diesen Stücken will Hellmann auch ein Statement abgeben, nämlich: "Außer Hörzu berichtet kein Wettbewerber mit solch einer journalistischen Expertise über Fernsehen. Diese Eigenschaft wollen wir stärken: Die Zeitschrift soll ein kritischer Wegbegleiter des Fernsehzuschauers sein und zugleich die Perlen im Programm sichtbar machen."
Auch wenn das Reporter-Sonderheft ein einmaliger Versuch bleiben sollte, macht sich Hellmann um die Zukunft seines Haupttitels wenig Sorgen: "Hörzu ist die erfolgreichste wöchentliche Kaufzeitschrift, und ich bin überzeugt, dass das gedruckte Heft auch in zehn Jahren noch erscheint."

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