Der Medienhype um das neue Heino-Album

Schon immer hat sich so gut wie jede deutsche Rock-, Pop- oder Punk-Band über Heino lustig gemacht. Bis zum heutigen Freitag. Denn jetzt gelingt dem Volksmusikstar eine wenig subtile, dafür aber umso erfolgreichere Rache-Aktion. Er singt die Songs seiner Spötter einfach nach. Dank Bild und eines breiten Medien-Hypes generiert er damit sogar so viel Aufmerksamkeit, dass seine neue Platte von Null auf Eins in den Verkaufscharts von Amazon, iTunes & Co. stürmt.

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Am Beginn der erfolgreichen Heino-Kampagne stand eine Bild-Titelgeschichte, die nicht so ganz den Tatsachen entsprach, dafür aber für ein riesiges Medienecho sorgte. Bereits in den Radio-Morningshows des 24. Januar war es das Thema und auch das RTL-Nachtjournal machte am späten Abend noch immer damit auf: Heino veröffentlicht ein neues Album, auf dem singt er deutsche Rocksongs von Rammstein, den Ärzten oder den Sportfreunden Stiller nach und die gecoverten Künstler laufen dagegen Sturm.

Das mit dem Nachsingen stimmt. Die Aussage, die Künstler seien tatsächlich so richtig auf Zinne, lässt sich allerdings nicht halten. In ihrer ersten Story hatte die Bild getitelt: „Rockerkrieg gegen Heino!“. Um die Zeile zu stützen schrieb die Boulevard-Zeitung, dass es aus dem Rammstein-Umfeld unter anderem hieß, die Band finde das Heino-Projekt „zum Erbrechen“. Wenige Stunden später posteten die Rocker eine Erklärung auf ihrer Facebook-Seite: „Rammstein haben mit Befremden die heutige Berichterstattung der Bild-Zeitung zur Kenntnis genommen, die Band befände sich in einer Auseinandersetzung mit Heino zu seiner Coverversion des Rammstein-Titels ‚Sonne‘. Das ist nicht der Fall. Rammstein hat sich hierzu nicht geäussert. Die im Text genannten Zitate, die der Band in den Mund gelegt werden, spiegeln ausdrücklich nicht das Meinungsbild von Rammstein wieder.“ Via dpa widersprachen auch die Ärzte der Bild.

Unabhängig vom Wahrheitsgehalt: Die Story erreichte die Menschen zum richtigen Zeitpunkt. Die Social-Media-Auswertung von 10.000 Flies zeigt, dass die Bild-Geschichte der am häufigsten geteilte Artikel bei Facebook und Twitter an dem besagten Tag war. Selbst das Bildblog-Posting, das viele Behauptungen aus dem Boulevard-Aufmacher als falsch enttarnte, kommt in dem Ranking noch auf Platz 13.

Seitdem hat das Thema Heino nichts an seiner medialen Attraktivität verloren. Die TV-Sender berichten, der Volksmusiker tourt auf einmal wieder durch die Jugendradios der Republik und selbst ein Blick in die heutige SZ zeigt: Heino ist der Aufmacher im Feuilleton. Unter der Zeile „Fürrrrchtet euch!“ schreibt Jens-Christian Rabe: „Was Heino auch das deutsche Urheberrecht nicht nehmen kann, ist seine Stimme. Diesen auch im 75. Lebensjahr strahlend-stählernen Bariton. Und dieses unglaubliche Rrrrr. Schwer, fast majestätisch rollt es, kraftvoll, beinahe opernhaft albern erhaben. Am Ende klingt es nur einen Hauch zu sehr nach dem Rrrrr eines etwas übermotiviert programmierten Spielzeug-Weihnachtsmanns.“

Wie bereits schon die Auswertung von 10.000 Flies zeigte, ist die neue Heino-Platte auch ein Social-Media-Phänomen. Denn auch via Facebook und Twitter wurde der Hype befeuert. Geschickt setzte das Management des Volksmusikbarden auf Vorab-PR Marke 2.0. So war es bereits Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart der Platte möglich, alle Tracks bei MyVideo zur Probe zu hören.

In nicht wenigen Büros dürften in vergangenen Tagen die Stücke einmal im Hintergrund abgespielt worden sein. „Junge“, die erste Single funktioniert in der Heino-Variante tatsächlich gut. Der Song wird aus der Perspektive eines spießigen Vaters erzählt. Der Bariton des 75-Jährigen mit dem Rollenden „R“ ist wie gemacht für den Text. Bei den restlichen Stücken setzt allerdings schnell eine erhebliche Langeweile ein.

Das wird den Verkauf allerdings nicht mehr schmälern. Denn Teil der gelungen PR-Strategie ist auch das perfekte Timing für das Produkt. Die Platte erscheint direkt zum Start der heißen Karnevals-Phase. Man muss kein Prophet sein, um vorrauszusagen, dass in Köln, Düsseldorf und Mainz Heino zum Standard-Repertoire der aktuellen Saison gehören wird.

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