Was von der Sexismus-Debatte übrig bleibt

Nur eine Woche ist es her, dass mit dem stern-Portrait des FDP-Spitzenmanns Rainer Brüderle eine Sexismus-Debatte entfacht wurde, wie sie die Republik lange nicht erlebt hat. Rasch fand das Thema Eingang in fast alle Medien, war und ist Gegenstand der Talkshow-Konfliktgespräche. So mancher bedient sich vor allem des Aspekts, der in die eigene Agenda passt. So wundert es nicht, dass schon nach wenigen Tagen alles gesagt zu sein scheint. MEEDIA hat wichtige Statements gesammelt.

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Alan Posener, Chef-Kommentator Welt-Gruppe: "Was aber sich von selbst verstehen müsste, wäre die Erklärung, dass es ihm Leid tue, wenn er ohne Absicht und möglicherweise unter dem Einfluss von Alkohol die Gefühle der Journalistin verletzt habe, es werde nicht wieder vorkommen. Dass dieses Selbstverständliche nicht passiert, dass sich die FDP um ihren spitzen Kandidaten schart, dass der Versuch unternommen wird, den Vorfall herunterzuspielen und der Journalistin unlautere Motive unterzuschieben, dass die FDP glaubt, damit durchzukommen – das sind Indikatoren dafür, dass der „Aufschrei“ zu Recht erfolgt. Wohlgemerkt: Brüderle und die FDP müssten die Entschuldigung nicht ernst meinen. Dass sie nicht einmal eine verlogene Entschuldigug für notwendig erachten, ist der Skandal. (…)
Die 29-Jährige hat, wenn ihre Schilderung korrekt ist, und niemand hat ihr widersprochen, ganz ohne solche Mittel aus dem Fundus des Ohnsorg-Theaters Herrn Brüderle abserviert. Sie beschwert sich ja nicht über dessen Zudringlichkeiten. Sie dokumentiert sie. Und das scheint die vielen erfolgreichen Frauen zu ärgern, die das immer heruntergeschluckt und für sich behalten haben."

Jakob Augstein, Verleger und Spiegel Online-Kolumnist ("Im Zweifel links"): "Die Wucht kommt aus dem Symbolischen. Eine junge Frau wehrt sich durch öffentliche Bloßstellung gegen die Zudringlichkeit eines alten Mannes. Sie kehrt die Scham um. Das ist eine mächtige Waffe. Denn die Scham war stets eine Fessel für die Opfer. (…)
Wie schmollende Sünder versuchen sie jetzt, sich aus der Affäre zu ziehen, die alten und die alternden Männer, wenn sie beklagen, wie trostlos hierzulande geflirtet wird, oder davor warnen, dass die Sexismus-Debatte am Ende zum Verbot gemischter Saunas führen könnte. Aber ihre Zeit geht langsam zu Ende. Und mit ihr eine breitbeinige, selbstverliebte, schenkelklopfende, männerbündlerische, brutale Unkultur. Das ist kein Verlust."
Claudius Seidl, Feuilletonchef Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS): "Sexismus ist kein Problem des Begehrens, der Erotik, der Sexualität. Sexismus ist ein Problem der Macht, und es ist die Reporterin, die das Machtspiel beginnt. Wie finden Sie es, im fortgeschrittenen Alter zum Hoffnungsträger aufzusteigen? Diese Frage heißt nichts anderes als: Zeigen Sie mir, dass sie nicht zu alt und also zu schwach, zu müde, zu verbraucht sind! Ich darf Sie das fragen, denn ich bin jung und also stark, wach und unverbraucht.
Einem 28-jährigen Mann, der eine solche Frage einer 66-jährigen Frau stellte, würde man heimlich ein paar hinter die Löffel wünschen, und sagen würde man zu ihm: Halt die Klappe, Grünschnabel, und lern erst mal, dich zu benehmen! Was natürlich nichts daran ändert, dass man mit Frauen, die man nicht kennt, nicht über die Frage, ob ihnen ein Dirndl stünde, diskutieren sollte. Weder morgens noch mitternachts."
Ulf Poschardt, Die Welt: "90 Prozent der Deutschen fordern eine Entschuldigung von Brüderle. Das scheint nachvollziehbar und irgendwie richtig. Dass er es nicht getan hat, ist eine politische Dummheit. Dass 45 Prozent jedoch seinen Rücktritt fordern, offenbart genau jenes überschießende Moment an Tugendwächterei, das in den vergangenen Jahren an Dynamik zugenommen hat.
Die Moralneurosen des Establishments beginnen bei den mitunter kuriosen Compliance-Regeln der Firmen, setzen sich fort im Ökorigorismus der Mittelschicht, die den nicht Müll trennenden Nachbarn gerne denunziert, und enden schließlich bei jenen Gerechtigkeitsdebatten, in denen es vermeintlich um Soziales gehen soll, in denen aber vor allem die Welt (zu den eigenen Gunsten) in Gut und Böse geschieden wird."
Stefan Kuzmany, Spiegel Online: "Tatsächlich handelt es sich bei Himmelreichs "Herrenwitz" um ein gleichzeitig sehr schlechtes und sehr gutes Stück Journalismus. Misslungen ist es, weil es vollkommen ohne eine Auseinandersetzung mit den politischen Positionen des Rainer Brüderle und seiner Partei auskommt. Es argumentiert ad hominem, zielt ausschließlich auf die Person: Brüderle ist ein unmöglicher Typ, so die Botschaft, darum ist er auch ein unmöglicher Politiker. Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht?
Doch "Der Herrenwitz" ist eben auch ein sehr guter, wichtiger und mutiger Text. Himmelreich thematisiert die Herablassung, die Zoten, die selbstgerechte Übergriffigkeit eines mächtigen alten Mannes gegenüber einer jungen Frau. Sie hat damit – wie sie jetzt sagt, unbeabsichtigt – eine Debatte über alltäglichen Sexismus angestoßen, die offensichtlich sehr viele Menschen bewegt, wie sich nicht nur in der Twitter-Aktion #Aufschrei zeigt."

Julia Voss, FAZ: "Vielleicht hat Kubicki in einem Punkt recht: Er muss damit rechnen. Es gibt eine gute neue Regel: Sexistische Sprüche können gegen ihre Urheber verwendet werden. Was folgt daraus? Ganz einfach: Man sollte 2013 nicht mehr versuchen, sich mit Journalistinnen über ihre Brüste zu unterhalten. Nicht vor Mitternacht, nicht nach Mitternacht, nicht mit Alkohol, nicht ohne. Die Spielregeln haben sich in nur sechs Tagen geändert, hoffentlich nicht allein im Journalismus. Kubicki kündigte an, er wolle keine Journalistinnen mehr in seinem Fahrzeug mitnehmen. Schaltet sich der Motor ab, wenn nicht über die Brüste der Beifahrerinnen gesprochen wird?"


Silke Burmester, taz: "Was zu Guttenberg und Wulff im letzten Jahr, ist das Brüderle im neuen: eine peinliche Männerposse von einem, der ein merkwürdiges Verständnis der Dinge hat. Aber es bleiben die getreuen Steigbügelhalter wie Herr Kubicki, für den das Männlein mit dem Schoppen im Schritt ‚der Hoffnungsträger der FDP‘ ist. Ja, wo die Hoffnung auf Höhe Arsch getragen wird, da stirbt das Hirn als Erstes."

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