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„Sexismus gibt es auch in unserer Branche“

Deutschland Redaktionen berichten über Sexismus. Doch wie sexistisch geht es in ihnen zu? MEEDIA sprach mit Annette Bruhns, der Vorsitzenden des Vereins ProQuote. Sie meint, in Redaktionen habe sich schon Einiges verbessert: „Chefredakteuren wird klar, wie Frauen bestimmte Gepflogenheiten erleben, zum Beispiel Respektlosigkeiten.“ Dennoch müsse noch viel passieren. Eine Quote könne helfen, Sexismus zu überwinden. Bruhns: „Nicht zufällig treffen die Vorwürfe jetzt die Parteien ohne Frauenquote.“

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Deutschland diskutiert über Sexismus im Alltag, vor allem auch im Job und der Politik. Geht die Quoten-Diskussion um Führungsposten am eigentlichen Kernproblem vorbei?
Ich verstehe Ihre Frage nicht. Unterstellen Sie, dass so wenige Frauen in Führung kommen, weil Vorgesetzte zu sehr von sexuellen Reizen abgelenkt werden, um weibliche Talente zu erkennen? Ich bitte Sie! Die Vorstellung ist sexistisch!
Nein, das unterstelle ich natürlich nicht. Die Frage ist vielmehr, ob das Problem Sexismus nicht weit über die Besetzung von Posten hinaus geht und inwiefern eine Quote auch in anderen Bereichen hilft, Sexismus zu überwinden. Was ist ihr Eindruck aus Gesprächen, wie groß ist das Problem von Sexismus in Redaktionen?
Natürlich gibt es das in unserer Branche auch. Kolleginnen tauschen sich über Erfahrungen aus, über die sie bisher geschwiegen haben – und sie reden dabei auch mit den Kollegen. Das ist die eine positive Entwicklung: Es wird offen über dieses Problem diskutiert – intern, aber eben auch nach außen, durch Beiträge wie sie jetzt überall erscheinen. Die andere ist, dass wir offenbar auf dem Weg zu den 30 Prozent Führungsanteil von Frauen sind, die wir fordern. Wenn der erreicht ist, wird uns diese Debatte gestrig erscheinen. Sexismus blüht dort, wo sich Macht in Männerhänden konzentriert; nicht zufällig treffen die Vorwürfe jetzt die Parteien ohne Frauenquote: Piraten und FDP. 
Glauben Sie, es ist ein Zufall, dass ein Beitrag wie der von Frau Himmelreich im stern erscheint, der angekündigt hat, mehr Spitzenpositionen mit Frauen zu besetzen?
Wir beobachten, dass sich das Klima in vielen Redaktionen verändert, nicht nur beim stern. Es war ja der Spiegel, der die Debatte mit dem Erfahrungsbericht von Annett Meiritz angestoßen hat. Männer und Frauen reden zunehmend auf Augenhöhe in den Redaktionen; Chefredakteuren wird klar, wie Frauen bestimmte Gepflogenheiten erleben, zum Beispiel Respektlosigkeiten.
Wie steht ProQuote zur aktuellen Debatte um Sexismus? Läuft die Debatte derzeit in die richtige Richtung?
ProQuote ist eine Bewegung von mehr als 4000 Menschen, vor allem Journalistinnen und Journalisten, für mehr Chefredakteurinnen. Ich maße mir nicht an, für sie alle zu sprechen. Persönlich sympathisiere ich nicht mit strikten Regeln des Miteinanders von Mann und Frau in der Arbeitswelt wie in den USA, sondern damit, dass wir offen miteinander umgehen. Deshalb finde ich es gut, dass es eine Debatte gibt, dass es normal wird, über ein so delikates Thema wie Sexismus zu reden. Eine richtige Richtung kann es bei einem derart subjektiven Thema nicht geben – Frauen und Männer müssen im Dialog die Grenzen neu austarieren. 
Wird sich durch die Debatte auch im Journalismus etwas ändern? Was wird von ihr bleiben?
Mehr Verständnis untereinander, zwischen Männern und Frauen, zwischen Chefs und Redakteurinnen – und umgekehrt. Das ist ein wichtiger Baustein für unser Ziel: gegenseitiges Vertrauen. Der alte Geschlechterkampf bringt uns nirgendwohin. Worum es geht, ist gemeinsam zu gestalten – insbesondere jetzt, wo die Medien sich alle neu aufstellen müssen, im Umbruch sind.
Glauben Sie, die Debatte ist Ihrem Kernanliegen – mehr Frauen in Führungspositionen – zuträglich? Wenn nun z.B. Kubicki ankündigt, nicht mehr mit Journalistinnen auf Wahlkampf gehen zu wollen, könnte das doch eher Frauen gewisse Positionen verschließen.
Angriff war schon immer die beste Verteidigung! Herr Kubicki wird schon einen Weg finden, um mit den Kolleginnen im Gespräch zu bleiben. Oder meinen Sie, er wolle mitten im Wahlkampf auf Berichterstattung in Blättern und Sendern, die Journalistinnen zu ihm schicken, verzichten?

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