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WR-Zensur: „Ganz ungeheuerlicher Vorgang“

Schweigen im Blätterwald: Von dem Protest zur geplanten Entlassung von 120 Redakteuren der Westfälischen Rundschau bekommen ausgerechnet die Leser der WR kaum etwas mit. Die WAZ-Gruppe, die die Zeitung auch ohne eigene Redaktion fortführen will, hat der Redaktion eine Art Maulkorb verpasst. Die Deutsche Journalisten Union (dju) geht mit diesem Schritt hart ins Gericht. Es sei ein "ganz ungeheuerlicher Vorgang", sagt Fachsekretär Christof Büttner gegenüber MEEDIA.

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Der dju-Mann sagt, dass das Vorgehen der WAZ-Gruppe "seinesgleichen sucht." Allgemein spiegle es das Klima in den Redaktionen des Medienhauses wider und sei kein einmaliger Ausrutscher. Die Art von Selbstzensur sei auch "respektlos gegenüber den Mitarbeitern", so Büttner zu MEEDIA.
Ähnlich kommentiert der DJV die Situation. Helmut Dahlmann, Landesvorsitzender des DJV-NRW, sieht in der Unterdrückung der Berichterstattung ein Beweis dafür, dass die journalistische Unabhängigkeit für die WAZ-Manager schon jetzt ein Fremdwort sei. ­"Eine solche Aktion passt ins Bild", sagt er. "Von Sanierung zu reden bei einem derartigen Kahlschlag und dann die Berichterstattung durch die Redaktion zu unterdrücken, ist mehr als zynisch. So darf man mit dem Leser nicht umgehen", so Dahlmann.
Auch der DGB kritisiert das Vorgehen. Regionsgeschäftsführer Jochen Marquardt sagt: "Wenn die neue Ausrichtung in der WAZ darin besteht, statt informierendem Journalismus Maulkörbe zu verteilen, steht nicht nur die Anzahl der Redaktionen auf dem Spiel."
Wie am Wochenende bekannt wurde, gibt es eine Anordnung an die Redaktion der Westfälischen Rundschau, nicht in eigener Sache zu berichten. Medienjournalist Stefan Niggemeier zitiert aus einer E-Mail von Lars Reckermann, dem stellvertretenden Chefredakteur der Westfälischen Rundschau, an die Lokalredaktionen. Darin heißt es: 
"Liebe Kollegen, aus übergeordnetem Interesse und mit Blick auf Verhandlungen, die zumindest noch einigen Kollegen die Möglichkeit geben könnten, weiterzuarbeiten, darf im lokalen eine Berichterstattung die WR betreffend nicht stattfinden." 
Für Aufsehen sorgte zuvor bereits ein "verschwundener" Beitrag mit dem Titel "Hohe Anteilnahme an Redaktions-Schließung" vom vergangenen Donnerstag. Der Beitrag, in dem verschiedene Persönlichkeiten in kurzen Statements ihr Bedauern über die Entscheidung der WAZ.Gruppe zum Ausdruck brachten war nur in den frühen Druckausgaben zu lesen. 
Der überwiegende Teil der Auflage enthielt stattdessen einen Beitrag über die durch Eis schwierigen Straßenverhältnisse. Der Verdacht liegt nah, dass es hier weniger die Brisanz des Wetter-Artikels war, die eine Änderung der Seite begründete, als vielmehr der Wunsch, keine kritischen Stimmen zur Redaktions-Schließung im Blatt zu haben.
Die dju will sich damit jedoch nicht abfinden, sondern andere Wege finden, um die Leser aus der Region zu informieren. Einer davon ist derjenige über aufmerksamkeitsstarke Aktionen. Vergangene Woche beteiligte sich die Gewerkschaft an einer Demonstration gegen die Entscheidung der WAZ-Gruppe.
So soll es gelingen, dass auch die WAZ-Zeitungen gar nicht anders können, als zu berichten. Im Fall der Demonstration ist das zumindest im begrenzten Umfang gelungen: In der Ausgabe vom heutigen Montag ist ein kurzer Beitrag mit Bild zum Protest zu finden. Online – gut versteckt – findet sich sogar eine Fotoserie

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