Die fragwürdige WSJ-Story über Apple

Der angebliche Scoop wird zum Bumerang: Das Wall Street Journal gerät für seine Exklusivstory über die angeblich schwache Nachfrage nach dem neuen iPhone unter Beschuss. Finanzmedien und Analysten bemängeln, die Meldung einer Auftragsreduzierung für iPhone-Komponenten sei nicht neu. Nicht überzeugend erscheinen zudem die schwammigen Quellen, mit der das Murdoch-Blatt den Bestellrückgang eindeutig mit schwacher Nachfrage erklärt. Apple verlor an der Börse darauf 17 Milliarden Dollar an Wert.

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Der angebliche Scoop wird zum Bumerang: Das Wall Street Journal gerät für seine Exklusivstory über die angebliche schwache Nachfrage nach dem neuen iPhone unter Beschuss. Finanzmedien und Analysten bemängeln, die Meldung einer Auftragsreduzierung für iPhone-Komponenten sei nicht neu. Nicht überzeugend erscheinen zudem die schwammigen Quellen, mit der das Murdoch-Blatt den Bestellungsrückgang eindeutig mit schwacher Nachfrage erklärt. Apple verlor an der Börse darauf 17 Milliarden Dollar an Wert.

Es ist die wohl beliebteste Journalisten-Floskel, wenn man etwas exklusiv verbreiten möchte, aber keine Namen nennen darf oder kann: "Mit dem Unternehmen vertraute Personen" haben etwas erfahren, wollen aber nicht genannt werden. Die Verbreitung von Informationen aus "Kreisen" funktioniert immer: Die Exklusivität scheint gewährleistet, Namen müssen aber nicht genannt werden. Alles bleibt im Spekulativen, doch für die nächste Headline reicht es.

Am gestrigen Montagmorgen deutscher Zeit war es wieder einmal an der Zeit für einen solchen vermeintlichen Scoop. "Apple hat seine Bestellungen für Bauteile des iPhone 5 wegen einer unerwartet schwachen Nachfrage zurückgefahren", schockte das renommierte Wall Street Journal Apple-Aktionäre vor Handelseröffnung. Quelle? "Das berichten Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind."

WSJ wärmt Gerücht aus Dezember auf

Die Aussage ist ein Kracher – sie lässt nichts an Interpretationsspielraum offen. Dass Apple angeblich seine Komponenten-Bestellungen für das iPhone im März-Quartal zurückgefahren hat, ist indes keine Neuigkeit – das Gerücht zirkulierte bereits im vergangenen Dezember und sorgte schon seinerzeit für heftige Abschläge an der Apple-Aktie.

"Die Digitimes vermeldet heute, dass Apple bei asiatischen Zulieferern 20 Prozent weniger Bestellungen für Bauteile des iPhones in Auftrag gegeben hat. Das bedeutet aber nicht, dass Apple 20 Prozent weniger Absatz erwartet", stellte Piper Jaffray-Analyst Gene Munster seinerzeit bereits klar. Andere Analysten wie Peter Misek und Brian White hatten ebenfalls widersprochen und den Bestellrückgang damit erklärt, dass Apple bereits im Folgequartal die nächste Generation des iPhone vorstellen könnte.

Nun wärmt das Wall Street Journal die Gerüchte um Bestellungsreduzierungen auf und liefert den triftigen Grund dazu mit: "wegen einer unerwartet schwachen Nachfrage." Aussage und Aktie bekommen damit eine neue Fallhöhe.

Apple kommentiert Gerüchte nie

Apple ist bekanntermaßen für mediale Spekulationen an den Finanzmärkten sehr anfällig. Das notorisch verschwiegene Unternehmen aus Cupertino hat eine glasklare Kommunikationsstrategie: Es gibt schlicht keine Kommunikation zu Gerüchten. Apple kommentiert nichts. Nie. Entsprechend sind die überbordenden Gerüchte vor Produktvorstellungen oder neuen Geschäftsbilanzen ein beliebtes Gesellschaftsspiel von Bloggern und Journalisten – die Sache bleibt schließlich im Vagen.

Nicht anders nun am Montagmorgen im Exklusivartikel des Wall Street Journals. Zitierte Quellen: Fehlanzeige. Trotzdem ist sich das WSJ in seinem Urteil sicher: "Der Schritt deutet darauf hin, dass sich das neue iPhone nicht so gut verkauft wie ursprünglich erwartet und dass die Nachfrage nachlässt."

Auftragsrückgang um die Hälfte passt nicht zu jüngsten Verkaufsrekorden

Die Aussage ist purer Sprengstoff: Apple ist bekanntermaßen die iPhone-Company. Mehr als die Hälfte der Gewinne und Umsätze erzielt Apple mit dem bis vor Kurzem so beliebten Kulthandy. Eine nachlassende Nachfrage? Bisher nicht vorhanden. In den fünfeinhalb Jahren, seitdem das iPhone auf dem Markt ist, kann sich Apple über nachhaltige Zuwächse freuen.

An den Startwochenenden in USA, Europa und China konnte Apple Verkaufsrekorde vermelden. Und nun, binnen weniger Wochen der totale Nachfrageeinbruch? "Die Aufträge für Displays für das neue iPhone etwa seien für das erste Quartal auf rund die Hälfte der Menge gesunken, die das Unternehmen ursprünglich anvisiert hatte", heißt es beim WSJ.

Ein Einbruch von Display-Bestellungen um die Hälfte bei der wichtigsten Konzernsparte? Wenn das kein Drama für Apple bedeutet, was dann? Doch die Meldung wurde nicht von einem x-beliebigen Blog verbreitet, sondern von der Institution des Wirtschaftsjournalismus. Das Wall Street Journal zählt zu den glaubwürdigsten Quellen der Branche. Seine Reporter sind meist exzellent vernetzt. Oft genug konnte das WSJ in der Vergangenheit mit exklusiven Apple-Scoops aufwarten – wie zuletzt im Sommer über die kommende iPhone-Keynote im September oder das später folgende iPad mini.

Tech- und Finanzmedien geben Contra: Da passte etwas nicht zusammen

Mit entsprechendem Gewicht schlug der WSJ-Bericht dann gestern an der Börse ein. Die Apple-Aktie ging sofort im europäischen Handel in den Sinkflug über und durchbrach vorbörslich in den USA nach Abschlägen von in der Spitze 25 Dollar die 500 Dollar-Marke. Auch im regulären Handel wurde es nicht wirklich besser, Apple verlor schließlich 18 Dollar oder 17 Milliarden an Börsenwert und schloss auf dem schlechtesten Stand seit 11 Monaten.

Im Handelsverlauf jedoch kam in anderen Finanzmedien, Blogs und auch bei Banken Unruhe auf. Da passte etwas nicht zusammen. Immer mehr Kritik am Gehalt des WSJ-Artikels wurde laut. Der Business Insider reagierte wie gewöhnlich schnell: "Die Story, die Apple heute killt, ist ein Monat alt", gab das Blogkonglomerat zu bedenken. "Hat Apple wirklich die Bestellungen reduziert?", fragt sich auch die Online-Ausgabe des Fortune Magazines.

Auch der britische Guardian wundert sich: "Das ist keine Pressemeldung des Unternehmens oder seiner Zulieferer. Es ist ist wie beim blinden Mann, der versucht einen Elefanten zu beschreiben", wird der Telekommunikationsanalyst Benedict Evans zitiert. "Eine Order-Halbierung würde einen totalen Zusammenbruch in Apples Geschäften bedeuten, doch davon gibt es einfach kein Anzeichen."

Nikkei Times: Absurde Spekulation um 65 Millionen iPhones

War das Wall Street Journal also schlicht falsch informiert? Und wer hatte den Stein eigentlich ins Rollen gebracht? Das Murdoch-Blatt zitiert im Artikel die japanische Wirtschaftszeitung Nikkei Times, die wenige Stunden zuvor ebenfalls mit der Meldung einer Auftragskürzung aufgemacht hatte. Bei Nikkei werden dann auch noch Zahlen genannt, die vollkommen im Fantastischen liegen: Angeblich hätte Apple Display-Bestellungen für 65 Millionen iPhones anvisiert und diese eben nun um die Hälfte storniert.

65 Millionen iPhones im März-Quartal?! Das entspräche dem monströsesten Quartal der Wirtschaftsgeschichte mit Quartalsgewinnen von 20-25 Milliarden Dollar! Im bisherigen Rekordquartal vor einem Jahr konnte Apple 37 Millionen iPhones verkaufen, im vergangenen Quartal waren es knapp 27 Millionen abgesetzte Smartphones. Selbst wenn Apple also angeblich seine Bestellungen auf einen erwarteten Wert von 32-33 Millionen halbiert hätte, wäre das kein schlechtes Ergebnis – und schon gar nicht ein Nachfrageeinbruch. Der finnische Tech-Analyst Tero Kuittinnen wundert sich im Techportal BGR entsprechend und nennt das vermeintliche Ordervolumen von 65 Millionen "seltsam".

Aussagen im Konjunktiv: WSJ-Redakteur im Interview zurückhaltender

Bleibt die Frage, warum das Wall Street Journal nicht kritischer mit den Gerüchten umgegangen ist? Bemerkenswert ist, dass sich der zuständige Redakteur, Juro Osawa, im Begleitvideo aus dem Newsroom in Hongkong auch schon weitaus zurückhaltender äußerte.

"One thing, I guess, it could mean is that demand is not a strong as Apple had expected", sagt Osawa: "Eine Sache, die es bedeuten könnte, ist, dass die Nachfrage nicht so groß ist, wie Apple erwartet", bleibt der Techreporter vage. Doch im Aufmacher versteigt sich das WSJ nun zur Behauptung: "Apple hat seine Bestellungen für Bauteile des iPhone 5 wegen einer unerwartet schwachen Nachfrage zurückgefahren." Aus dem Konjunktiv wird der Indikativ.

Und mehr noch: "We don’t know exactly how many cell phones Apple planned to sell", gibt sich Osawa ahnungslos: "wir wissen nicht genau, wie viele iPhones Apple eigentlich verkaufen wollte." Viel spekulativer geht es kaum. Osawa gibt ebenso zu, dass eine andere Theorie für die Auftragsreduzierung verantwortlich sein könnte: nämlich, dass Apple die Produktion im Weihnachtsquartal so extrem hochgefahren haben könnte, dass nun weniger Bestellungen notwendig sind. Davon ist im Artikel keine Rede.

TheStreet.com fordert Konsequenzen vom WSJ

Nach Meinung von Rocco Pendola von TheStreet.com sollte das nicht ohne Folgen bleiben. "Machen wir uns nichts vor: Was mit Apple am Sonntagabend passiert ist, ist eine Farce. Die Verantwortlichen beim Wall Street Journal sollten zur Rechenschaft gezogen und verantwortlich gemacht werden, was immer auch nötig ist", fährt der Finanzjournalist schwere Geschützte auf.  Die renommierten US-Blogger MC Siegler (TechCrunch), John Gruber (DaringFireball) und Matthew Panzarino (The Next Web) gehen inzwischen so weit, dass das WSJ und Nikkei möglicherweise Manipulationsversuchen der Aktie aufgesessen sind.

Tatsächlich sind die Anleger die Leidtragenden des mutmaßlich missglückten Scoops des Wall Street Journals. Die zuletzt angeschlagene Apple-Aktie reagierte wie ein angeschlagener Boxer auf den hochsensiblen Artikel und verlor 18 Dollar, um auf einem neuen 11-Monatstief nur haarscharf über der 500 Dollarmarke den Handel zu beenden. "Werden sich Osawa und das WSJ entschuldigen für ihre Unverantwortlichkeit? Wird jemand zur Rechenschaft gezogen? Und interessiert es überhaupt jemanden?" echauffiert sich Pendola.

Doch so läuft er oft, der moderne Wirtschaftsjournalismus im Internet-Zeitalter: Die Verlockung des schnellen Klicks erscheint zu groß. Verlierer sind am Ende die Aktionäre des betroffenen Unternehmens, das sich den Spekulationen nicht zu Wehr setzt. 17 Milliarden Dollar wurden gestern nach den 509 Wörtern im WSJ  vernichtet. Wenn man die Gleichung aufstellen möchte, wäre das einer der teuersten Artikel der Wirtschaftsgeschichte.

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