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Der verschenkte Kinski-Titel vom Stern

Der Stern hat in dieser Woche sein Exklusiv-Interview mit der Tochter von Klaus Kinski zu Gunsten eines austauschbaren Feelgood-Titels unterverkauft. Die Bild greift das Thema dankbar auf. Bild und Welt etablieren die neue journalistische Stilform der Promi-Umzugsreportage mit Rafael van der Vaart und Christian Wulff. Die Feuilleton-Beobachter vom “Umblätterer” haben die besten Texte des vergangenen Jahres gekürt. Und bei “Hart aber fair” betreiben sie Themen-Planwirtschaft.

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Die Springer-Presse hat diese Woche eine nagelneue journalistische Stilform etabliert: die Promi-Umzugs-Reportage. Egal ob Rafael van der Vaart bei der Sylvie auszieht oder Ex-Bundespräsident Christian Wulff sich eine neue Butze in Hannover suchen muss – ein paar Fotos vom Umzugsauto und Kisten, bzw. Topfblumen schleppenden Umzugshelfern kommen gut. Wichtig für Nachahmer: Damit das Stück als waschechte Umzugsreportage durchgeht, ist es zwingend (!) erforderlich, dass auf dem ersten Bild der Foto-Galerie der Umzugs-Laster mit gut erkennbarem Firmennamen der Umzugsfirma samt Telefonnummer zu sehen ist.

Adrenalin-Journalismus: Szenen eines Umzugs bei Bild.de und Welt.de

Die Macher der immer wieder empfehlenswerte Feuilleton-Website “Der Umblätterer” haben sich zum achten Mal die Mühe gemacht, die ihrer Meinung nach besten Feuilleton-Texte des vergangenen Jahres zu küren und mit dem “Goldenen Maulwurf” auszuzeichnen. Ein schöne Tradition, weil man als Leser so auf manche Textperle aufmerksam gemacht wird, die in der Flut an Veröffentlichungen vielleicht untergegangen ist. Den feinen Artikel “Der ewige Käse” von Oliver Guez in der FAZ zu einem Wahlkampfauftritt Marine Le Pens in der französischen Provinz wäre zumindest mir durch die Lappen gegangen. Und auch die “Plattenkritik des Jahres” (Jens-Christian Rabe in der Süddeutschen über Lana del Rey) lohnt das nachträgliche Lesen unbedingt. Allein die Überschrift: “Die Banalität des Dösens”.Auf Platz 1 der besten Feuilleton-Artikel wählten die Umblätterer Volker Weidermanns doppelbödigen Coup, das Günter-Grass-Gedicht zu Europa in der Nachrichtenspalte des FAS-Feuilletons der Titanic zuzuschreiben. Auch Feuilletonisten haben Anfälle von Humor.

Am Sonntag melden sich mit “Günther Jauch” die ARD-Talkshows in den Regelbetrieb zurück. Themen gibt es genug: Fettnäpfchen-König Steinbrück, Der Ärger um den Flughafen Berlin, die Trennung der Wulffs, die Antisemitismus-Debatte um Jakob Augstein. Die Jauch-Redaktion startet grundsolide mit dem Berliner Flughafen ins neue Jahr. Einen Vorsprung hätte rein theoretisch “Hart aber fair” gehabt. Die früher mal politische Talksendung mit Frank Plasberg ging an diesem Montag schon eine Woche früher an den Talk-Start als die lieben Kollegen. Aber nicht etwa mit einem aktuellen Thema – nein, nein, nein. Plasberg talkte u.a. mit Karnevals-Komiker Bernd Stelter über “Die Supermarktlüge”. Grund war, dass vorher einer der so genannten “Markenchecks” im Ersten zu Edeka und Rewe lief. In der Vergangenheit hat “Hart aber fair” quotenmäßig gute Erfahrungen damit gemacht, das Thema des Markenchecks in die Talkshow zu verlängern. Ob das inhaltlich Sinn ergibt, ob “Supermärkte” wirklich ein relevantes Thema für diese Woche waren – das spielt bei der Themenplanung von “Hart aber fair” offensichtlich keine Rolle mehr. So sieht Themen-Planwirtschaft aus.

Wo wir gerade beim Thema “Themen” sind: Da hat der Stern in dieser Woche eine wirklich interessante und aufmerksamkeitsstarke Exklusiv-Geschichte im Blatt. Die Rede ist vom Interview mit Pola Kinski, die von ihrem Vater Klaus Kinski jahrelang sexuell missbraucht wurde und darüber nun ein Buch geschrieben hat. Hammer-Thema, prima umgesetzt. Und wie schaut der Titel des Stern aus? So:

Das exklusive eigene Thema klein als Kasten mit einem Foto von Pola Kinski. Und wie schaut die Titelseite der Bild am Donnerstag, dem Erscheinungstag des Stern aus? So:

Merken Sie was? Verkauft sich ein nichtssagender, austauschbarer Feelgood-Titel zum Start einer Serie wirklich besser als die starke, eigene Exklusiv-Story? Ein wenig mehr redaktioneller Mut bei der Wahl des Titels würde am Ende vielleicht ja sogar von den Lesern/Käufern belohnt werden. Wer weiß?

Schönes Wochenende!

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