Wie aus Bild-Infos plötzlich SZ-Infos wurden

Publishing Die Bild hat mit der Meldung von der Trennung von Christian und Bettina Wulff für Wirbel gesorgt. Der Online-Redaktion der Süddeutschen Zeitung gefiel der Scoop so gut, dass man dort die Agenturmeldung der Bild fast wörtlich übernahm. In der SZ-Fassung wurden aus den Bild-Infos dann aber “Informationen der Süddeutschen Zeitung”. Einerseits mokiert man sich bei der SZ über das “Wulff-Sprachrohr Bild”. Andererseits heftet man sich exklusive Infos der Konkurrenz ans eigene Revers.

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Zur Chronologie der medialen Trennungsgeschichte des Ehepaars Wulff: Am Montagmorgen, 7. Januar 2013, unterzeichneten der Ex-Bundespräsident und seine Noch-Ehefrau einen Trennungsvertrag bei einem Anwalt in Hannover. Kurz danach, um 10.52 Uhr, ging eine ausführliche Geschichte dazu bei Bild.de online – geschrieben von Chefredakteur Kai Diekmann persönlich. Der Bild-Chef, der derzeit in den USA weilt, ist auch in der Ferne dicht dran und war über viele Details der Trennungsgeschichte offenbar sehr gut informiert.

In dem Bild-Artikel steht bereits, wann Wulff aus dem gemeinsamen Haus in Großburgwedel ausgezogen ist, wie sich das Ex-Paar die Kinderbetreuung vorstellt, dass möglicherweise das Haus verkauft werden soll usw. Diekmann schreibt die Informationen in dem Bild-Artikel “Kreisen der Bundes-CDU” zu.

Bei Bild sind sie natürlich mächtig stolz auf den neuerlichen Scoop in Sachen Wulff. Klappern gehört bei der Boulevardzeitung zum Handwerk und so ging bereits kurz vor der Online-Veröffentlichung bei Bild.de, nämlich um 10.49 Uhr am Montag, eine Agenturfassung der Geschichte raus – ohne Sperrfrist. Die Quellenzuschreibung ist in der Agenturfassung ein bisschen anders formuliert als im Online-Artikel. Die Agenturfassung der Bild beginnt mit den Worten: “Ex-Bundespräsident Christian Wulff und seine Ehefrau Bettina haben sich offiziell getrennt. Das berichtet die BILD-Zeitung unter Berufung auf hochrangige Kreise der CDU. Demnach haben die Eheleute Wulff am Montagmorgen bei einem Rechtsanwalt in Hannover eine Trennungsvereinbarung unterzeichnet.”

So begann die Agentur-Meldung der Bild-Zeitung zur Wulff-Trennung

Und so berichtete sueddeutsche.de ursprünglich. Später wurde der Text verändert

So eine Top-News wird von anderen Medien natürlich schnell aufgegriffen. Auch von der Süddeutschen Zeitung. Bei deren Online-Angebot sueddeutsche.de ging die erste Story zur Wulff-Trennung kurze Zeit nach der Bild online, laut Zeitstempel um 11.37 Uhr. In der ersten Fassung der SZ-Story zur Wulff Trennung hieß es dann wörtlich: “Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff und seine Ehefrau Bettina haben sich nach Informationen der Süddeutschen Zeitung getrennt. Die Zeitung beruft sich auf Aussagen aus hochrangigen Kreisen der CDU. Demnach haben die Eheleute am Montagmorgen bei einem Rechtsanwalt in Hannover eine Trennungsvereinbarung unterzeichnet.” Der Einstieg des Textes bei sueddeutsche.de war praktisch identisch mit dem der Bild-Agenturmeldung – bis in die Formulierung hinein. Nur mit dem Unterschied, dass aus den Infos der Bild-Zeitung hier auf einmal von “Informationen der Süddeutschen Zeitung” die Rede ist. Später wurde der Passus mit den “SZ-Informationen” und dem Verweis auf “hochrangige CDU-Kreise” kommentarlos aus dem Text bei sueddeutsche.de entfernt und durch die offizielle Stellungnahme des Wulff-Anwalts Gernot Lehr ersetzt. Selbstverständlich versah die Redaktion von sueddeutsche.de das an alle Medien verschickte Anwalts-Statement auch mit dem Hinweis “sagte der Süddeutschen Zeitung”. So viel (Schein)-Exklusivität muss dann schon noch sein.
Im vergangenen Jahr wurden die beiden Bild-Reporter Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch  mit dem Henri Nannen Preis für investigative Recherche in Sachen Wulff-Affäre ausgezeichnet. Die beiden hatte in Bild zuerst die Ungereimtheiten um den Haus-Kredit Christian Wulffs aufgedeckt. Ein Recherche-Team der Süddeutschen Zeitung um Hans Leyendecker sollte ebenfalls ein Nannen-Preis für eine investigative Geschichte zugedacht werden. Die SZ-Leute lehnten den Preis ab, weil sie nicht zusammen mit der Bild ausgezeichnet werden wollte. Leyendecker begründete die Ablehnung später mit den Worten: "Das ist eine gesellschaftliche Aufwertung der Bild-Zeitung, die sich mit unserem Erlebnis von Bild nicht verträgt. Es ist eine Zeitung, die oft Menschen bedrängt, die Menschen verfolgt und bösartige Kampagnen macht." Im kleinen Kreis soll er die Bild bei der Henri-Verleihung als “Drecksblatt” bezeichnet haben.

Man spielt bei der Süddeutschen halt nicht gern mit den Schmuddelkindern und singt nicht deren Lieder. Blöd nur, wenn die Schmuddelkinder ein ums andere mal die besseren Geschichten haben.
Update: Nach der Veröffentlichung des Textes erreichte uns eine Stellungnahme von Julia Bönisch, Stellvertretende Chefredakteurin von sueddeutsche.de, die wir hier in voller Länge veröffentlichen:
"Die Information über die Trennung des Ehepaars Wulff lag unseren Kollegen der Süddeutschen Zeitung ebenfalls vor – allerdings hatte sie deren Quelle mit einer Sperrfrist bis 17 Uhr versehen. Als die Redaktion der Bild ihre Meldung am Vormittag veröffentlichte, haben wir uns nach kurzer Beratung und Rücksprache mit den informierten Kollegen der SZ dazu entschlossen, die Meldung ebenfalls zu bringen – aber eben mit Berufung auf unsere eigenen Quellen und nicht unter Berufung auf die Bild. Schließlich lag die Information, wie gesagt, hier im Haus ebenfalls vor.
In der Tat haben wir in den ersten Minuten in unserer Eilmeldung Sätze einer Nachrichtenagentur verwendet – so ist die Ähnlichkeit der Meldungen zu erklären. Im Zuge einer Aktualisierung des Artikels wurden dann die „CDU-Kreise“ durch die Stellungnahme des Anwalts ersetzt, da der Anwalt darin die Trennung offiziell bestätigte und damit auch unsere Meldung. Wir bitten Sie, den dargestellten Sachverhalt in Ihren Artikel, der zu der Sache bereits erschienen ist, entsprechend einfließen zu lassen.
Im Übrigen erheben Sie sehr allgemein den Vorwurf, die Süddeutsche Zeitung hefte sich „exklusive Infos der Konkurrenz gerne ans eigene Revers“. Das ist nicht nur wahrheitswidrig, sondern auch unfair."
In Kürze werden wir auf MEEDIA die Stellungnahme von sueddeutsche.de nochmals kommentieren. 

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