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Newsweek ohne Print: eine offene Wette

Die erste rein digitale Ausgabe von Newsweek erscheint mit einer Titelgeschichte von Tom Wolfe, dem Erfinder des Brokers als "Master of the universe". Am 31. Dezember hatte das Blatt seine letzte Ausgabe gedruckt, jetzt versucht es Eigentümer Barry Diller mit einem wöchentlichen E-Magazin. Die Abopreise sind gnadenlos günstig, so wie es in den USA auch bei gedruckten Titeln üblich ist, um Reichweite für Werbekunden zu erzielen. In der ersten Digital-Ausgabe gibt es aber nur eine Anzeige.

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enhaltlich wartet die erste Digital-Nummer mit einigen ordentlichen Geschichten auf, die gut illustriert wurden, ebenso gut lesbar sind und moderat mit Zusatzelementen ausgestattet wurden, so dass sich ein Leser nicht verfranst. Im Grunde ist die Newsweek so wie immer, nur ohne Papier. Insgesamt sind es 17 Geschichten, das Zugpferd aber ist die Wolfe-Geschichte. Die auch kostenlos online lesbar ist. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass der Autor, der u.a. den Klassiker "Electric Kool-Aid Acid Test" schrieb und den Wall Street-Gassenhauer "Bonfire of the Vanities", der mit Tom Hanks verfilmt wurde, über die "neue" Generation der Börsenhändler schreibt. In dem Newsweek-Text werden diese nun zu "Eunuchen des Universums", die Einstiegsszene beschreibt den Börsengang von Facebook und dessen Gründer Mark Zuckerberg.

Newsweek war viele Jahrzehnte im Besitz der Washington Post Company und wurde 2010 an den inzwischen verstorbenen Unternehmer Sidney Harman verkauft. Kurze Zeit später wurde Newsweek mit dem Onlineportal DailyBeast fusioniert, mit DailyBeast als dem Online-Angebot der gedruckten Newsweek – oder umgekehrt, je nach Sichtweise. Als Mitgesellschafter trat nun Barry Diller auf den Plan, der mit seiner InterActiveCorp. zahlreiche Websites steuert, darunter seit dem vergangenen Jahr auch About.com.

Ob der schnelle Umstieg vom Printmagazin auf ein Tablet-Kindle-Smartphone-Angebot ankommt, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Das Pricing ist jedoch mutig, wenn auch vermutlich realistisch. Auch wenn sich Newsweek als Global-Medium sieht, dürfte der Großteil der Leser weiter in den USA leben. Und dort ist man an sehr geringe Abopreise gewöhnt. Ein Einzelkauf im In-App-Store kostet in Europa zwar 4,49 Euro, ein Monatsabo dafür nur 2,69 Euro und ein Jahresabo gar nur 21,99 Euro. Die geringen Preise resultieren vermutlich aus der Erkenntnis, dass Premium-Preise über 5 Euro bei Tablet-Ausgaben nicht funktionieren.

Das bedeutet aber auch, dass der Verlag trotz drastisch gesunkener Fixpreise (keine Druckerei, kein physischer Vertrieb) Werbeerlöse einfahren muss. Im Digital-Only-Erstling hat zunächst nur Korean Air einen Screen gebucht. Damit Newsweek als Digitalmagazin abhebt, müssen vermutlich einige Anzeigen mehr verkauft werden. 

Eine Neuerfindung des News-Magazins für digitale Lesegeräte war von vornherein nicht zu erwarten, weil Newsweek bereits eine solide App hatte und seine Leser nach dem Abschied von Print vermutlich nicht noch weiter mit einem völlig anderen Newsweek strapazieren wollte. Ob das Magazin mit den gesunkenen Kosten künftig über die Runden kommt, ist eine offene Wette. Besser allemal jedoch, als gleich die Flinte ins Korn zu werfen.

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