GEZ-Reform stößt Inhaltedebatte an

Die neue Rundfunkgebühr hat zu einer verschärften Identitätsdebatte der Öffentlich-Rechtlichen geführt. Obwohl sich für die Mehrheit der deutschen Haushalte zunächst nichts ändert, hat die Haushaltsabgabe das Potenzial, eine inhaltliche Diskussion anzustoßen. Der ehemalige WDR-Chef Fritz Pleitgen sagte der FAZ: "Wenn die Rundfunkfinanzierung prinzipiell geändert wird, dann muss auch das Programm grundsätzlich überprüft werden." ARD und ZDF geraten immer stärker unter Rechtfertigungsdruck.

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Das FAZ-Interview mit Pleitgen, dem langjährigen WDR-Intendanten, fährt den Granden von ARD und ZDF zumindest ein wenig in die zuletzt aufgebauten Verteidigungslinien. Denn die Öffentlich-Rechtlichen sind derzeit sehr bemüht, die Themen Rundfunkbeitrag und Programm voneinander zu trennen. Doch wo Geld fließt und mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit noch mehr Geld fließen könnte – derzeit sind es 7,5 Milliarden Euro im Jahr für ARD, ZDF und das Deutschlandradio – fragen sich irgendwann auch die duldsamsten Gebührenzahler: Was bekommen wir eigentlich für unser Geld?

Pleitgen, der seit Jahrzehnten als Journalist arbeitet und viele Dokumentationen gedreht hat, meint: "Das ist eine gute Chance, das öffentlich-rechtliche Profil zu schärfen, um auf die Empörung über den Rundfunkbeitrag zu reagieren." Die ARD habe die Chance, den "deutlichen Unterschied zur kommerziellen Konkurrenz" auszubauen. Pleitgen wählte seine Worte mit viel Wohlwollen, befeuert damit aber gleichzeitig eine Debatte um die Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen. Der Alt-Intendant weiß eben: Angriff ist die beste Verteidigung.

Die Haltung beispielsweise von WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn oder ZDF-Intendant Thomas Bellut war in den vergangenen Tagen eher so: Das öffentlich-rechtliche System "passt" und jede Kritik an der Umstellung der Gebühr, verbunden mit Kritik am Programm, ist auch ein Angriff auf die Existenz der Sender und damit auf die Demokratie. Das ist überspitzt, aber die Verteidigungslinie verläuft in etwa so. Am Programm gibt es natürlich immer irgendetwas zu verbessern, so die Botschaft, aber insgesamt "passt" es auch hier. Wer durchs Münsterland fahre und sich als WDR-Mitarbeiter zu erkennen gebe, könne "viel Lob" einstreichen", berichtete Schönenborn. Und Bellut lobte, das Programm im ZDF funktioniere "hervorragend" – und pries damit implizit auch seinen Vorgänger Markus Schächter, was strategisch für ihn wichtig ist.

Doch wenn die öffentliche Debatte um den Auftrag von ARD und ZDF weiter geführt wird, kommen deren Vertreter mit solch pauschalem Eigenlob nicht weiter. Pleitgen schlägt beispielsweise vor, mehr Dokus ins Hauptprogramm zu holen, auch Kulturmagazine. Er könne sich auch eine tägliche Sendung mit Weltnachrichten vorstellen, schließlich besitze die ARD neben der BBC "das größte Korrespondentennetzwerk der Welt". Und fünf Talkshows seien eben zu viel des Guten. Das sind doch mal Anregungen. Stattdessen ist dieser Tage zu lesen, dass die Verbrauchersendung "Plusminus" nun fünf statt wie bisher vier Moderatoren im Einsatz hat. Was uns das sagt? So sehr Intendanten und Chefredakteure auch ihre Reformorientierung betonen, so sehr hat sich das System inzwischen verselbstständigt.

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