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Magazin The Germans: Bitte weiterdenken!

In der deutschen Magazinlandschaft zählt der Schein oft mehr als das Sein. Möglichst dick, möglichst bunt, möglichst aufdringlich – so stellen sich manche Magazinmacher ihr Blatt vor, um überhaupt noch aufzufallen. Großformatiges kommt immer gut, siehe das Interview-Magazine. So gesehen, dürfte die Independent-Zeitschrift The Germans keine guten Chancen auf eine langfristige Existenz haben – kleinformatig, dünn, blasse Fotos. Auf den zweiten Blick ist den Machern ein Heft mit viel Potenzial gelungen.

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Um die Latte mal gleich ganz hoch zu hängen: Ein wenig atmet The Germans den Geist des berühmten New Yorker. Lange Lesegeschichten ohne Rechtfertigung, warum dieses oder jenes Thema auf den 98 Seiten abgedruckt wird. Kurze Beobachtungen und Meinungen zum Einstieg, eine Reportage aus Syrien, ein Interview zu Frauen und Karriere, ein Essay über das Aussterben der "Einmischer" von Schriftsteller Jan Brandt ("Gegen die Welt"), ein lesenswerter Beitrag über das deutsche Fernsehen von Max Scharnigg (jetzt.de).
Für ein neues Magazin haben die Chefredakteure Nicole Zepter und Jan Abele schon mal Einiges richtig gemacht – eine gute Zusammenstellung von Texten und Bildern in einem eigenständigen Layout (Bureau Mirko Borsche), eine Haltung in den Texten (die man als Leser nicht teilen muss, aber kann), der Wille zur Beschränkung (das Heft ist nach 100 Seiten zu Ende).
Es kann aber auch noch an vielen Stellen gekrittelt werden: Die Einstiegstexte sind eine wunderbare, aber journalistisch sehr schwere Stilform, weil sie Ein- und Ansichten auf leichte erzählerische Weise vermitteln sollen. Das gelingt nicht jedem Autor. Die bereits erwähnte Haltung darf nicht ins Belehrende umschlagen, tut sie aber manchmal. Eine Modestrecke erinnert stark an die Bildsprache von 032c, das gibt´s aber schon. Der Essay zum Bildungssystem von Ken Robinson ist toll, stammt aber von 2010. Die langen Texte sind nicht immer gut genug, um die Länge zu rechtfertigen, und flüchten sich gelegentlich in Banalitäten (Schlussatz: "Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.") Auf dem Cover ist neben dem Titelkopf ein Logo mit der Aufschrift "Das neue Politik & Zeitgeist Magazin" zu sehen, das einer Schülerzeitung Ehre machen würde. Und der Name "The Germans" ist Verkaufsgift.
Das Magazin hat eine publizistische Idee, hat Anspruch und eine intellektuelle Fallhöhe. Im Netz haben die Macher zunächst ein ganz akzeptables Blog aufgesetzt. Damit The Germans nicht zu der Sorte von Independent-Medien wird, die nur überleben können, weil sie ihren Autoren und Fotografen kein Geld zahlen, werden sich die Macher aber noch ihre Köpfe heißdenken müssen. Es wäre schön, ihnen dabei eine Weile zuschauen zu dürfen.

The Germans erscheint mit zehn Ausgaben im Jahr. Der Einzelverkaufspreis liegt bei 4,80 Euro. Die Startauflage: 50.000 Exemplare. Die Rezension bezieht sich auf die zweite Ausgabe, Januar/Februar 2013.  

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