Wie US-Medien die Waffendebatte entgleitet

Fernsehen Nach dem Amoklauf von Newtown wird in den USA über die Waffengesetzgebung diskutiert - auch in den Medien. Dabei geht es jedoch alles andere als besonnen zu: CNN-Moderator Piers Morgan beschimpft seine Gäste, erntet dafür Lob von Waffengegnern rund um den Globus, aber auch tausende Stimmen, die die Abschiebung des Briten fordern. Die Journal News veröffentlichen eine Karte mit Waffenbesitzern im Staat New York, woraufhin Blogger die Adressen der Mitarbeiter der Zeitung publizieren.

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"Sie sind ein unvorstellbar dummer Mann, oder?" Diese Frage stellte CNN-Moderator Piers Morgan vor kurzem dem Waffenlobbyisten Larry Pratt. Nicht jedoch im privaten Gespräch, sondern in einem Interview vor laufender Kamera. Was darauf folgte war ein offener Streit, in dem Morgan seinem Interview-Gast vorwarf, sich "einen Dreck um die Zahl der Waffenmorde" zu scheren, sowie ein "Idiot" und ein "gefährlicher Mann" zu sein. Der wiederum nannte Morgan einen "Freund der Kriminellen", der sich nicht um Fakten schere. Was war geschehen?
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Piers Morgan ist nicht irgendwer. Er ist eines der bekanntesten TV-Gesichter der Vereinigten Staaten, beerbte Anfang 2011 mit seiner Show den Sendeplatz von Larry King, nachdem er, eines der Gesichter des US-TV-Talks, sich aus dem täglichen Geschäft zurückzog. Am 19. Dezember 2012 waren einmal mehr der Amoklauf von Newtown und die Konsequenzen daraus das Thema in Morgans Show. Dabei kam es zum besagten Streit mit dem Direktor des Waffenlobby-Organisation "Gun Owners of America", Larry Pratt. Der fordert als Konsequenz aus dem Verbrechen an der US-Schule lockere Waffengesetze und mehr Waffen. Nur so könnten sich zum Beispiel Lehrer verteidigen.
Eine Argumentation, die aus europäischer Sicht unfassbar klingt, in den USA aber durchaus Befürworter findet. Nicht jedoch im britischen CNN-Moderator Morgan. Der schüttelt bereits früh den Kopf zu Pratts Argumentation und geht ihn dann scharf an. Eine Ausnahme? Nur bedingt: Die Interview-Kultur in den USA unterscheidet sich bisweilen gravierend zu der in Deutschland. Dass Moderatoren klar ihre Meinung sagen, den Interview-Gast hart angehen und eher kommentieren als moderieren, ist in vielen Shows Konzept.
Petition gegen CNN-Moderator
Die Daily Show mit Jon Stewart oder die Sendung von Steven Colbert auf Comedy Central sind dafür bekannt, vor allem aber auch die nicht als witzig gedachten Sendungen wie die Abendshow von Bill O’Reilly. Auch Piers Morgan hat bereits in der Vergangenheit seine Meinung, oder zumindest eine zum Interview-Gast konträre Meinung in der Sendung vertreten.
Solche Interviews sorgen mitunter für kantige Statements und weniger weichgewaschene Politiker-Statements. Die Vielfallt an verschiedenen Moderatoren und Sendungen kann zudem Meinungspluralität herstellen. Der aktuelle Fall macht aber auch die Schattenseiten deutlich. Gerade in einer hitzigen Debatte kann so noch mehr Öl ins Feuer gegossen werden. Schaut man die gesamte Debatte aus der besagten Sendung wird dies noch deutlicher. Es sind neben den zugeschalteten Larry Pratt noch weitere Waffen-Befürworter zu Gast. Den Part des Waffen-Gegners nimmt Morgan selbst ein. Statt zu einer sachlichen Diskussion kommt es zu wilden Beschimpfungen und Durcheinander.
Auch nach der Sendung ebbt die Aufregung nicht ab. Europäische Medien berichten über den Fall. Morgan wird für viele zum Held. Anders sehen das einige Amerkaner: Ein Bürger aus Texas reicht eine Online-Petition ein. Inhalt: Der Moderator solle nach Großbritannien abgeschoben werden, da er seine Position als TV-Moderator ausnutze, um gegen Verfassung, genauer den zweiten Zusatzartikel, der das Tragen von Waffen erlaubt, vorzugehen. 25.000 Unterzeichner sind nötig, damit sich die Regierung mit einer Petition beschäftigen muss. Über die Weihnachtstage kommen mehr als 80.000 zusammen.
Morgan reagiert via Twitter, fragt: "Ist meine Meinung nicht unter dem ersten Zusatzartikel der Verfassung geschützt?" Der erste Zusatzartikel legt unter anderen die Meinungs- und Pressefreiheit fest.
Zeitung listet Waffenbesitzer auf
Wie aufgeheizt die Debatte um das Waffenrecht geführt wird, zeigt auch ein anderes Beispiel: Die Journal News veröffentlichten auf ihrer Seite Google-Maps ausgewählter Bezirke des US-Bundesstaats New York, in denen sie die registrierten Waffenbesitzer markierten – mit Name und Adresse. Diese Daten erhielt die Redaktion über eine Informations-Freiheitsanfrage (Freedom of Information Act).
Die Karten, auf denen wie zu erwarten sehr viele Punkte zu finden sind, wurden in den sozialen Netzwerken vielfach verteilt. Vertreter der Waffenlobby und Datenschützer kritisierten die Aktion. Es wurden Vergleiche zu Online-Prangern für Sexualstraftäter gezogen.
Ein Blogger schlug mit gleichen Mitteln zurück und veröffentlichte die Adressen von Mitarbeitern der Journal News. Viele beschwerten sich in der Redaktion, einige bedrohten sogar Mitarbeiter, heißt es in einer Stellungnahme. CynDee Royle, Chef-Redakteurin der Journal News, sagt in einem Artikel von USA Today, zu der auch ihre Redaktion gehört: "Wir wussten, die Veröffentlichung der Datenbank würde eine Kontroverse sein, aber wir fanden es im Nachgang der Schießerei in Newtown wichtig, so viele Informationen wie wir konnten über Waffenbesitz in unserer Region zu teilen."
Ob die Aktion – genauso wie die klare Stellungnahme von Piers Morgan – die Debatte jedoch wirklich voran gebracht haben, muss bezweifelt werden. Die Diskussion um Waffenbesitz wird in den USA hoch emotional geführt. Und die Medien schaffen es nicht, ihr mehr Ruhe zu verleihen.

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