2012 – was vom Medienjahr übrig bleibt

Publishing Ein Mann springt aus 39 Kilometern Höhe und spuckt dabei der Werbewirtschaft in die Suppe. Totgeglaubte Zeitschriften und TV-Serien erheben sich aus ihren Gräbern. Auf einer CD schweigen sich Kai Diekmann und Johann Lafer an. Julian Assange tritt bei den Simpsons auf, Twitter-Tussis sind in aller Mund. Man kann nun wirklich nicht behaupten, dass 2012 ein langweiliges Medienjahr war. Im dritten und letzten Teil unseres Jahresrückblicks werfen wir einen Blick auf Trends und Absurditäten unserer geliebten Branche.

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Sie leben! Retro-Medien

Yps, die Zeitschrift mit dem Gimmick kam 2012 mit einer Einmal-Ausgabe zurück. Gimmick waren die unvermeidlichen Urzeit-Krebse. Das Heft war ruckzuck ausverkauft und darum will Egmont Ehapa 2013 Yps sogar viermal erscheinen lassen. Burda und Chip haben das Computerspiele-Magazin Power Play mit einer Jubiläumsausgabe wieder auferstehen lassen. Burda reanimierte außerdem das Lifestyle-Magazin Max als jährlichen Titel. Und im TV kündigt RTL die Neuauflage des Serienhits “Dallas” ab Januar an. In der ersten neuen Staffel ist der 2012 verstorbene Larry Hagman als Original-Fiesling JR Ewing noch mit von der Partie. Nostalgie und reanimierte Kult-Medien – ein Trend, der sich 2013 fortsetzen könnte.

”Tatort” – mit Klamauk zum Quotenhit

Zwei schrullige Figuren, gute Schauspieler, eine Menge Wortwitzeleien und die deutsche Provinz als Setting – fertig ist der Münster-”Tatort”. Die Krimi-Folgen mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers als Kriminalhauptkommissar Frank Thiel und Gerichtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne knacken einen Quoten-Rekord nach dem anderen. Die letzte Folge 2012, “Das Wunder von Wolbeck”, war mit über zwölf Millionen Zuschauern sogar der meist gesehene “Tatort” seit 20 Jahren – und damals gab es noch weit weniger Medien-Konkurrenz! Unglaublich gute Zahlen. Laut dem gnadenlosen Gesetz des Erfolgs, werden die ”Tatort”-Folgen nächstes Jahr vermutlich noch klamaukiger werden. Das Publikum will es so.

Wenn die Presse eine Reise tut … dann muss einer bezahlen

Tageszeitung Die Welt machte im November das Thema bezahlte Pressereisen zum großen Thema. Das Investigativ-Team der Zeitung deckte auf, dass der Konzern ThyssenKrupp mit Vertretern prominenter und namhafter Medien (u.a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung) wahre Luxus-Trips ins Ausland unternommen hat. Inklusive First Class Flüge und Unterbringung n Safari-Lodges. Extra-Gschmäckle: Die Super-Sausen erfolgten ausgerechnet auf Einladung von Jürgen Claassen, der im ThyssenKrupp-Vorstand u.a. für Anti-Korruptionsrichtlinien zuständig ist. Vorläufiges Ende vom Lied: Claassen wurde von seinen Aufgaben entbunden. Die Journalisten sind sich größtenteils keiner Schuld bewusst. Das Problem dürfte nicht aus der Welt sein.

Marketing-Sprung des Jahres: Felix Baumgartner

Es war ein kleiner Schritt für Felix Baumgartner aber ein großer Sprung für das Marketing des österreichischen Herstellers einer stark koffeinhaltigen Erfrischungs-Brause. Der Sensations-Sprung von Baumgartner aus 39 Kilometern Höhe gilt nicht nur als Extremsport-Event des Jahres, sondern auch als Over-the-Top Marketing-Coup. Red Bull ließ sich den Spaß angeblich um die 50 Mio Euro kosten. Nicht gerade ein Schnäppchen – aber eine vergleichbare Welle an weltweiter Aufmerksamkeit auf allen Medienkanälen dürfte mit konventionellen Werbemitteln wohl um ein vielfaches teurer kommen. Für werbetragende Medien ist der Sprung beim genaueren Hinsehen keine so tolle Sache gewesen. Statt schöne, teure Anzeigen und TV-Spots zu schalten, hat Red Bull das Event selbst geschaffen und teils in eigenen Medien (Servus TV) ausgeschlachtet. Ein Fingerzeig, wie erfolgreiches Marketing in Zukunft noch viel öfter laufen könnte – ganz ohne konventionelle Werbung.

Viele haben die Absicht, eine Mauer zu errichten: Paid Content

2012 war das Jahr, in dem Paid Content im Internet endgültig seinen Durchbruch gefeiert hat. Jedenfalls als Absichtserklärung. Mangels funktionierender Alternativen wollen nun auch in Deutschland zahlreiche Medienhäuser auf so genannte Bezahl-Inhalte setzen – allen voran die Axel Springer AG. Dort wurde das Online-Angebot der Tageszeitung Die Welt noch im Dezember mit einer (durchlässigen) Metered Paywall nach dem Vorbild der New York Times versehen. Will heißen: Eine bestimmte Anzahl von Artikeln gibt es weiterhin gratis, ebenso kann man ohne Probleme verlinken. Wer aber mehr lesen will, muss irgendwann zahlen. Bei Bild.de soll eine Paywall im nächsten Jahr folgen – wahrscheinlich als Premium-Angebot zusammen mit Internet-Übertragungen der Fußball-Bundesliga. Ein ähnliches Pemium-Modell mit exklusiven Inhalten wollen sie bei Spiegel Online probieren – nur ohne Fußball. 2013 werden noch weitere Pay-Ankündigungen und Umsetzungen folgen. Und Ende nächstes Jahr wissen wir dann vielleicht sogar, ob etwas davon funktioniert.

CD des Jahres: Rausch der Stille

Die CD des Jahres kommt ganz ohne Zweifel von Ramp-Macher Michael Köckritz. Der Gründer des viel gelobten Auto-Magazins hat zusammen mit Bastei Lübbe Audio die CD “Chillen im Stillen” gemacht. Auf der CD hört man prominente Zeitgenossen, wie etwa Bild-Chef Kai Diekmann, Schauspieler Sky DuMont oder die Sterneköche Tim Raue und Johann Lafer beim Stillsein. Die Herrschaften versuchen jeweils für einige Zeit, gar nichts zu tun und zu sagen. Köckritz versteht die CD als “mediales Aktionskunstobjekt”. Gerne hätten wir knallhart berichtet, wie es sich anhört, wenn Diekmann und die anderen die Klappe halten – nur leider blieb Bastei Lübbe auf unsere Frage nach einem Rezensionsexemplar auch ganz still. Kein Mucks. Keine Antwort. Schade, aber irgendwo auch irre konsequent. Allein die Gaga-Idee ist aber eine Erwähnung wert.

Von toten Pudeln und Katzen-Mützen: das neue “Wetten dass..?”

Kann’s Lanz?, fragten die Medien vor der Premiere des neuen “Wetten dass..?”-Moderators Markus Lanz im Oktober. Die Quoten waren gut, die Kritiken durchwachsen, die Sendungen dramatisch. In der ersten Sendung verstarb der Toypudel Monarch nach einer Wette. In der zweiten Sendung bekam dann Weltstar Tom Hanks eine lächerliche Katzen-Mütze aufgesetzt, worüber er sich hinterher beim Bild-Redaktionsbesuch lustig machte. Für bizarre Schlagzeilen ist der alte Showdampfer vom ZDF also immer noch gut.

Beruf des Jahres: Twitter-Tussi

Mit unserem selbstverständlich bierernst gemeinten Artikel im November zum aktuellen Medien-Trendberuf Twitter-Tussi haben wir eine ganz schöne Welle losgetreten. Hass und überschäumende Begeisterung hielten sich in etwa die Waage. Zur Erinnerung: Mit Twitter-Tussi sind junge Damen (oder auch Herren – wir verwenden den Begriff Tussi ganz modern im Unisex-Sinne) gemeint, die im Fernsehen zu aktuellen Ereignissen (Stürme, Wahlen, “Wetten dass..?”) Twitter-Meldungen vorlesen. Der feuilletonistische Höhepunkt des Tussi-Riot war erreicht, als Groß-Humorist Harald Martenstein der Twitter-Tussi eine seiner Kolumnen im Zeit Magazin widmete. Mehr kann man nicht mehr erreichen.

Mega-Maus-Deal

Der Disney Konzern hat für über vier Mrd. Dollar die Firma von Star-Wars-Macher George Lucas gekauft. Micky Maus und Darth Vader in einem Konzern – das sorgte für eine Flut an originellen Bilder-Witzen im Internet. Den besten und lustigsten Beitrag zum Thema lieferten aber die Disney-Freizeitparks mit diesem wunderbaren kleinen Film, der Darth Vader beim Besuch von Disneyland zeigt. Immer wieder schön:

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Ursprünglich war das Filmchen für die Disneyland-Attraktion “Star Tours” gedreht worden. Aber es passt halt so wunderbar zu dem Mediendeal des Jahres …

Es gibt sie noch: neue Zeitschriften in alten Märkten

Wer sagt denn, dass es keine Lücken mehr gibt im Zeitschriften-Geschäft: 2012 launchten sowohl Bauer als auch Burda zwei neue Titel erfolgreich in scheinbar übervolle Märkte. Burda schickte sein hochwertiges Frauenmagazin Cover erfolgreich in Serie, Bauer startete etablierte das Klatsch- und Tratsch-Magazin Closer in Deutschland. Die französische Closer-Ausgabe sorgte im September für gehörigen Wirbel, als das Blatt Oben-Ohne-Fotos der britischen Prinzessin Kate druckte. Die britischen und deutschen Closer-Redaktionen hielten sich da vornehm zurück.

Adel verpflichtet… zu nichts

Bei Kates Schwager Prinz Harry war die Presse da weniger zurückhalten. InTouch (ebenfalls Bauer) kaufte exklusiv für den deutschen Markt die Nacktfotos des britischen Prinzen Harry, Bruder von Kates Ehemann William, die von diesem während eines Ausflugs nach Las Vegas angefertigt wurden. Der unterschiedliche Umgang mit adeliger Nacktheit veranlasste die französische Closer-Chefredakteurin Laurence Pieau dazu, zu sinnieren, es sei heuchlerisch, wenn andere Medien ihre schönen, exklusiven Kate-Oben-Ohne-Bilder nicht nachdrucken würden, die von Party-Prinz Harry aber schon: “Prinz Harry war splitternackt, Kate war nur oben ohne.” So kann man das natürlich auch sehen.

Mega-Trend: Schmähvideo

Wer hätte das für möglich gehalten, dass ein schlecht gemachtes YouTube-Video weltweit für Massen-Unruhen und Tote sorgen kann? Das berüchtigte Schmähvideo “Innocence of Muslims”, in dem Muslime und der Prophet Mohammed verspottet werden, sorgte im September weltweit für Aufruhr und Schlagzeilen. In einigen islamischen Ländern gab es wegen des Filmchens (das dort offenbar kaum jemand gesehen hatte – aber egal) zu blutigen Massen-Ausschreitungen, die in der Ermordung des US-Botschafters in Libyen gipfelten. Auch in Deutschland wurde in Zusammenhang mit dem Film darüber diskutiert, wie weit diese lästige Meinungsfreiheit gehen darf.


Wer kennt diesen Mann?
Döpfner im Hoodie

Im Mai feierte Axel Springer den 100. Geburtstag des Verlagsgründers mit einer musikalischen Revue. Vorstandschef Döpfner tauschte für seinen Auftritt ganz rebellisch den Nadelstreifenanzug gegen ein Hoodie. Die aufwändige Springer-Revue mit Herbert Knaup in der Rolle des Axel Cäsar wurde nur für diese eine Gelegenheit vor rund 1.000 Gästen in Berlin aufgeführt.

Gratis Bild – aber nicht für Alle

Zum 60. Jubiläum der Bild-Zeitung wollte die Axel Springer AG dann eine Sonderausgabe der Bild gratis an alle Haushalte in Deutschland verteilen lassen. Aber Bild-Gegner riefen zum Boykott der Aktion auf und schickten reihenweise Widersprüche. Die Verteilung der Gratis-Bild am 23. Juni ging dann trotzdem über die Bühne. Wer widersprochen hatte, bekam statt der Bild einen roten Umschlag mit einem Brief, der den Widerspruch sowie eine Löschung der Adressdaten nach der Jubiläumsaktion bestätigte.

Frauen an die Medienmacht (aber nur ein bisschen)

Der Verein ProQuote kämpft seit Juni vehement für eine Frauenquote in der Bel Etage der  Medien. Mindestens 30 Prozent weibliche Führungskräfte ist das erklärte Ziel. In den männlich besetzten Chefbüros wird fleißig genickt und eifrig zugestimmt. Soviel Zustimmung stimmt misstrauisch. Prognose: Bis die erste Frau an der Spitze eines großen deutschen Printmediums steht, dauert es noch deutlich länger als ein Jahr.

Ankündigungsmeister Helmut Thoma

Ob es jemals auf Sendung gehen wird – das Volks-TV vom früheren RTLChef Helmut Thoma? Immer wieder geistert er mit seiner Idee vom TV-Rahmenprogramm für Regionalsender durch die Medien. Immer wieder heißt es, jetzt sei das Volks-TV aber startklar. Dann hat ein unbekannter Investor nochmals Millionen reingesteckt. Nun kann es aber wirklich losgehen, im April in fünf Großstädten. Für maximal acht Stunden Programm am Tag. Eine Castingshow bei YouTube ist auch schon geplant, ehrlich. Und Social Media, selbstverständlich – bis zum Abwinken! 20 Mio. Euro Startkapital sind beisammen. Die Finanzierung steht dann aber auf einmal wieder doch nicht so ganz. Im September heißt es dann, dass  sich der Start “wegen bürokratischer Schwierigkeiten bei den Vertragsverhandlungen mit Geldgebern” aufs Jahresende verschiebe. M Jetzt haben wir Jahresende. Aber immer noch kein Volks-TV. Komisch …

Julian Assange in Springfield gesichtet

In den USA lief im Dezember die 500. Folge der “Simpsons”. Prominenter Gaststar war Wikileaks-Gründer Julian Assange. Wie immer bei Promi-Auftritt hat Assange seine kurze Sprechrolle selbst übernommen – von London aus, wo er gegen seine Auslieferung nach Schweden wegen einer Anzeige wegen sexueller Nötigung kämpft. Als Bart Simpson Assange in der Folge fragt, wie es ihm gehe, antwortet er, dies eine private Information. Der Geheimcode für Assanges Geheim-Fahrstuhl lautet in der Folge 1234. Bis dato der gelungenste Auftritt des weißhaarigen Kult-Hackers.

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