D’radio: „Öffentlich-Rechtlicher Hardcore“

Fernsehen Willi Steul gehört im öffentlich-rechtlichen System zur Kategorie der Realisten. Er weiß: Mit der Umstellung auf die Haushaltsgebühr wird der Legitimationsdruck auf die gebührenfinanzierten Sender zunehmen. Zwar bekommt das Deutschlandradio nur einen Bruchteil der Rundfunkgebühr, doch Steul sagt: "Wir müssen der Gesellschaft nachweisen, wofür wir das Geld brauchen." Überschneidungen in den Programmen sollen abgebaut werden, im März startet die "Wortnacht". Und: Steul trommelt für das Digitalradio.

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Steul sieht das Deutschlandradio – dazu gehören die drei Sender Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und Dradio Wissen – zwar nicht in der qualitativen Kritik. Da seien die Sender "öffentlich-rechtlicher Hardcore", denn sie könnten sich auf den Auftrag konzentrieren, Bildungs- und Kulturprogramme zu produzieren. Doch Steul weiß auch: "Die Kritik an der Leistung der Öffentlich-Rechtlichen nimmt zu." Was manch andere Intendanten zumindest dem Anschein nach zu ignorieren versuchen, ist mittlerweile unübersehbar: Der Rechtfertigungsdruck auf ARD und ZDF nimmt drastisch zu. Just erschien das Buch "Die Nimmersatten" von Handelsblatt-Journalist Hans-Peter Siebenhaar. Der Artikel "Aus der Schaum" im Spiegel beschrieb kürzlich "ein System, das Ideen verhindert". Weitere Beispiele werden folgen.
Steul will sich und seine Sender, die meistens unter dem Radar der Diskussion laufen, aber trotzdem fester Bestandteil des Systems sind, über ein Budget von knapp 200 Millionen Euro im Jahr verfügen und täglich rund zwei Millionen Hörer erreichen, nun weniger angreifbar machen. Strukturell, indem nie zur selben Zeit die gleichen Genres auf unterschiedlichen Kanälen bedient werden sollen. Steul spricht von einer "Reißverschlussprogrammierung". Es gelte, für alle Sender ein Alleinstellungsmerkmal zu betonen: "Wir müssen uns komplementär aufstellen." Doppelstrukturen seien abzubauen. Inhaltlich sollen die Profile der Sender noch einmal geschärft werden. Beim Deutschlandfunk soll der Wortanteil (bisher 70 Prozent) steigen.
Ein konkretes Projekt, das seit 2009 durch den Sender getragen wird, ist die Deutschlandfunk "Wortnacht". Sie soll voraussichtlich im März 2013 starten. In der Nacht sollen Sendungen vom Nachmittag wiederholt werden, halbstündlich sind Nachrichten vorgesehen. "Sehr kostengünstig" sei das, zudem kollidiere diese Programmierung nicht mit anderen Angeboten, etwa der ARD "Infonacht". Teuer produzierte Hörspiele und Features können offenbar nicht wiederholt werden – zu teuer, denn die Autoren bekommen bei Wiederholung vergleichsweise hohe Vergütungen.
Eines der Themen, die Steul, seit April 2009 im Amt, mit Nachdruck in die Öffentlichkeit tragen will, ist die Förderung des Digitalradios. Das Problem des Intendanten: Nur ein Bruchteil der 300 Millionen Geräte in Deutschland sind Digitalradios, der Standard DAB+ ist erst seit 15 Monaten in Betrieb, die Vorteile der (noch recht teuren) Geräte sind weitgehend unbekannt. Steuls Liste umfasst mindestens 10 Gründe, warum das Digitalradio seiner Meinung nach "das bessere Radio" ist – vielfältiger (mehr Programme), informativer (mehr Zusatzinformationen), individueller (Möglichkeiten zum zeitversetzten Hören).
Speziell Steuls Sender könnten einige Millionen Euro im Jahr sparen, denn die Verbreitung über digitale Kanäle kommt günstiger als die flächendeckende Verbreitung des nationalen Programms über Hunderte von UKW-Frequenzen. "Wir haben das Thema zu lange den Technikern überlassen", gibt sich Steul selbstkritisch – und will nun u.a. mit einer Anzeigenkampagne und "systematischem Marketing" das Digitalradio "mit allen Kräften propagieren". Eine Verbreitung allein über das Internet funktioniere mit einem Massenprogramm nicht, glaubt der Intendant, das übersteige die Server-Kapazitäten. Zumindest in Skandinavien und Großbritannien ist man schon einen bis mehrere Schritte voraus – dort stehen teilweise schon Zeitpunkte für die Umstellung vom analogen auf das digitale Radio fest.
Die digitale Konvergenz, das Aufkommen neuer Empfangsgeräte und medialer Plattformen ist bekanntermaßen ein Grund für die Umstellung der Rundfunkgebühr Anfang 2013. Die dazu führt, das alle Haushalte, unabhängig von ihren technischen Ausstattungen, zahlen müssen. Auch Radio- und TV-Verweigerer. Steul sagt, die Sender gingen dennoch nicht von "wesentlichen Zusatzeinnahmen" aus. Ein "seriöser Überblick" über die Veränderung der Einnahmen der Sender sei erst Ende 2013 möglich.
Kritiker der Öffentlich-Rechtlichen unken bereits, derlei Ansagen sollten kaschieren, dass am Ende doch die ein oder andere Milliarde mehr bei den Sendern landet. Käme es so, wäre das Verhältnis zu den privat finanzierten Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen vermutlich noch belasteter als ohnehin schon. Steul sähe es gern, wenn sich der vor allem im Kampf um die Tagesschau-App entstandene Pulverrauch verzöge, denn: "Es gibt keinen Interessenkonflikt. Wir wollen mit den Verlagen ins Gespräch kommen." 

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