“Anne Will” und der unselige ARD-Proporz

Fernsehen Der Focus hat darüber spekuliert, dass die Talkshow von Anne Will 2013 aus dem Programm gestrichen werden könnte. Hintergrund ist, dass Aufsichtsgremien von WDR und NDR unzufrieden damit sind, wie sich die ARD-Talks seit dem Start von “Günther Jauch” entwickeln. Sollte "Anne Will" weichen müssen, wäre das schade, denn Moderatorin und Sendung laufen in jüngster Zeit zu Hochform auf. Aber Qualität ist nicht unbedingt der Maßstab, nach dem bei der ARD Programm gemacht wird.

Werbeanzeige

Es klingt verrückt, aber der Entwicklung von Anne Will als Talkshow-Moderatorin hat der undankbare Sendeplatz Mittwochnacht gut getan. Egal ob eine Sendung zum Ex-Reizthema Beschneidung, eine ausgewogene Ausgabe zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan oder erst neulich – im Rahmen der ansonsten super-öden ARD-Themenwoche Tod – eine interessante und lebendige (!) Show zum Thema “Gibt es ein Leben nach dem Tod?”: Die “Anne Will”-Talkshow hat sich gemacht. Die Gästeauswahl ist meist stimmig, die Themen werden souverän gesetzt und die Moderatorin zeigt sich stets bestens vorbereitet, locker und souverän.

Es ist schade, dass diese Sendung auf solch einem miesen Sendeplatz verheizt wird und jetzt offenbar auf der Abschuss-Liste steht. Aber es ist auch typisch für die Art und Weise, wie bei der ARD Programm gemacht wird: Proporz statt Qualität ist die oberste Maxime. Bei den politischen Talkshows sind die beiden größten und mächtigsten ARD-Anstalten involviert: der NDR und der WDR. Der WDR, als größter Sender, hat “nur” zwei Talks im Rennen, nämlich Frank Plasbergs “Hart aber fair” und “Menschen bei Maischberger”. Erst jüngst teilte WDR-Intendantin Monika Piel im Stern-Interview mit, dass die nicht daran denke, eine dieser beiden Sendungen aufzugeben. Man darf davon ausgehen, dass sie das so meint, wie sie es sagt. Immerhin hat die zweitgrößte Anstalt, der NDR, ja drei Talks am Laufen: “Günther Jauch”, “Beckmann” und eben “Anne Will”.

Qualität spielt da weniger eine Rolle. In erster Linie geht es darum, dass die eine Anstalt nicht überproportional mehr Sendefläche bekommt als die andere. Ergo: Der NDR wird wohl oder übel einen Talk abgeben müssen – oder eine seiner Sendungen stark verändern. “Günther Jauch” ist als Toptalker am Sonntag sakrosankt. “Beckmann” hat eine starke Lobby im NDR und verfügt mit seinem Gesprächskonzept ohne Publikum über ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Bleibt: “Anne Will” – ganz egal wie gut ihre Sendung gerade ist.

Dass es eng wird für den Talk von Frau Will zeigt, dass die ARD laut Focus bereits ein Paket an kuscheligen Kompensationsmaßnahmen schnürt. Da ist die Rede von Presenter-Reportagen, von einem “Vier Augen Gespräch” oder von Sport Events, die ihre Firma Will Media produzieren könne.  Wenn Anne Will zu Protokoll gibt, dass sie sich neue Formate nur “zusätzlich” vorstellen kann, so zeugt das von Kampfgeist. Der Programmausschuss vom NDR als auch der Rundfunkrat vom WDR haben unmissverständlich klar gemacht, dass es mit dem derzeitigen Talkshow-Konzept so nicht weitergehen kann. Die Sendungen sind sich zu ähnlich, der Kampf um Gäste und Themen schadet allen (vor allem dem inhaltlich ausgezehrten “Hart aber Fair”). Im Januar sollen Gespräche über eine mögliche Reform der Talkshow-Reform der ARD geführt werden. Die aktuellen Verträge mit den Talkshow-Produzenten der ARD laufen dem Vernehmen nach bis Ende 2013. Da ist es folgerichtig, dass mit Beginn 2013 über eine Verlängerung (oder eben eine Veränderung) verhandelt wird. Dass die Altverträge tatsächlich bis Ende 2013 erfüllt werden, ist eher unwahrscheinlich. Man wird wohl vor der Sommerpause zu einer Entscheidung kommen, die dann nach der Sommerpause nächstes Jahr umgesetzt wird. Der NDR dürfte ein Interesse daran haben, Anne Will als prominentes Sendergesicht zu halten. Ein Vier-Augen-Gesprächsformat wäre dabei vielleicht sogar die beste Idee, bei der alle Beteiligten das Gesicht wahren können.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige