„Tatort“: doppelter Einsatz für Furtwängler

Fernsehen Selten hat ein "Tatort"-Ermittler im Vorfeld seines neuen Falls einen derartigen PR-Wirbel entfacht wie Maria Furtwängler. Dem Spiegel, der Gala und der Frau im Spiegel gab die Schauspielerin Interviews, in denen sie ihr "neues" und "freies" Leben erläuterte. Zudem saß sie am Vorabend auf der "Wetten, dass..?"-Couch. Am Rande ging es jeweils auch um den "Tatort", der diesmal mit einer Premiere aufwartet. Furtwängler darf in Hannover erstmals in einer Doppelfolge ermitteln. Ein Kniff, der dem Fall außerordentlich gut tut.

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Den Anfang in diesem für die ARD einmaligen Experiment macht der Film "Wegwerfmädchen". In der kommenden Woche geht es dann mit "Das goldene Band" weiter.
Wie schon in der vergangenen Woche der Fall aus Leipzig, zeichnet sich auch die Doppelfolge aus der niedersächsischen Hauptstadt dadurch aus, dass sie weniger auf Art-House-Effekte und künstlerisch wertvolle Regie-Eskapaden setzt, sondern auf klassische Polizei-Arbeit. Die LKA-Beamtin darf über 180 Minuten ganz bodenständig im Sumpf der Zwangsprostitution ermitteln. Beiden Krimis kommt das zugute. Wobei der erste Teil noch besser als die Fortsetzung am kommenden Sonntag funktioniert.
Der Fall: In der Müllverbrennungsanlage in Hannover wird eine Mädchenleiche gefunden, die offenbar einfach weggeworfen wurde. Kurz darauf wird ein weiteres Mädchen verhaftet, das offenbar in Kontakt mit der Toten war. Sie wurde ebenfalls in den Müll geworfen.

Damit steht das Setting, das die Kommissarin in den nächsten drei Stunden im Milieu von Rocker-Banden, Zwangsprostitution, Immobilien-Spekulationen und Klüngeleien zwischen Wirtschaft und Politik ermitteln lässt.
Das schöne an der Story, die von Stefan Dähnert geschrieben und von Franziska Meletzky als Zweiteiler inszeniert wurde, ist, dass sie sich aus Versatzstücken der modernen Hannoveraner Geschichte bedient und so das realistische Bild dieses "Tatorts" noch unterstützt: Der Chef der Rockerbande erinnert an den Hells-Angels-Chef Frank Hanebuth. Gregor Claussen (Michael Mendl) als Anwalt vertritt nicht nur die Hot Volee sondern auch Biker. Damit ähnelt er dem Hannoveraner Promi-Juristen Götz von Fromberg. Selbst in dem Immobilien- und Finanz-Makler Hajo Kaiser (Bernhard Schir) ist auch Carsten Maschmeyer zu erkennen.
Anders als in den Interviews der vergangenen Woche macht Lindholm in den Krimis allerdings nicht gerade den Eindruck, als ob sie ein neues Leben hätte, das sie genießen kann. Sie ist zwar – noch immer in den Journalisten Jan Liebermann (Benjamin Sadler) verliebt -, doch zwischen Job und Kind hat die allein erziehende Mutter kaum Zeit. Überhaupt ist die Kommissarin spröde wie nie. Die Kollegen haben sie zur unsympathischsten Chefin gewählt und auch die Bösewichte haben im Umgang mit ihr wenig zu lachen. Für den Zuschauer gibt es diesmal wenig zu schmunzeln, aber selbst das ist, nach der letzten Klamauk-Überdosis aus Münster, eine gute Nachricht.
"Wegwerfmädchen" ist ein guter Krimi geworden, bei dem das Einschalten lohnt. Diesmal funktioniert fast alles. Furtwängler überzeugt, die Story passt, fast alle Rollen sind treffend besetzt und nach dem Ausstieg ihres alten Krimi schreibenden Sidekicks gibt es endlich wieder Hoffnung, dass der Kommissarin eine interessante Partnerin zur Seite gestellt wird. Mit Carla Prinz (Alessija Lause) erwächst Lindholm in den Kommenden zwei Folgen eine neue Ermittlungs-Gefährtin. Hoffentlich bleibt sie länger. Denn das Experiment mit ihr ist geglückt. Genau so wie der Versuch mit der Doppelfolge. Bitte mehr davon.

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