Letzte Ausgabe der FTD: How to end it

Publishing Die Redaktion der Financial Times Deutschland, kurz FTD, hat ihre letzte Ausgabe hingelegt. Das Schreiben noch während der eigenen Beerdigung, der Karikaturist Klaus Stuttmann hat eine solche Szene für die Abschiedsausgabe gezeichnet. Das passt. Am 7. Dezember 2012 wird zwar nicht der Wirtschaftsjournalismus zu Grabe getragen, sondern "nur" eine Zeitung mit Haltung, Humor und Selbstbewusstsein. Das eigentlich Tragische am Ende der FTD ist aber, dass sie Vieles richtig gemacht hat und trotzdem gescheitert ist.

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Vorab: Wer noch einen Funken Leidenschaft für Journalismus und Blattmachen im Leib spürt, sollte sich gleich nach Lektüre dieses Beitrags aufmachen, um eine FTD zu kaufen. Sie kostet 2,20 Euro, auf ihrer Titelseite steht "Endlich schwarz" und im Titelkopf sind ein paar Buchstaben heruntergefallen. Aus "Financial Times" wird so "Final Times". Endspiel.

Die Titelseite der letzten Ausgabe
Die Macher der Zeitung, die im Blatt auf einer Seite zu sehen sind, haben sich zum Abschied ein Geschenk gemacht. Tageszeitungs-Journalisten schauen in der Regel wenig zurück, sie warten auf die nächste Nachricht, einen Scoop, lassen sich von der Aktualität in Beschlag nehmen. All das zählt in der letzten Ausgabe nicht. Hier werden die größten Enthüllungen rekapituliert ("hatten viele Geschichten als Erste"), werden das Agenda-Ressort ("Wundertüte der FTD") und die Optiken gerühmt, die größten Irrtümer in eigener Sache aufgespießt, die Gegendarstellungen subsummiert, die besten Stories von unterwegs erinnert, eine Redaktionskonferenz protokolliert, undundund. Erste Erkenntnis: Wirtschaftsjournalisten sind in den vergangenen zwölf Jahren auch in Deutschland zu Geschichtenerzählern geworden.

Die Einstellung der Zeitung und die damit verbundenen Kündigungen eines Großteils der Redaktion – nur die Berliner Redakteure werden zunächst verschont, weil sie die Keimzelle der neuen Capital bilden sollen – werden offensiv thematisiert. Mit Witz und Ironie, auch mit Bedauern, aber größtenteils ohne Bitterkeit, schauen die Journalisten auf die Entscheidung, die in den Vorstandsetagen von Gruner+Jahr und Bertelsmann getroffen wurde. Redakteure schreiben über die Artikel, die sie nun vermutlich nicht mehr recherchieren werden, zumindest nicht für die FTD. Das Kommentarressort kommt geschlossen zum Fazit: "Dass die FTD geschlossen wird, finden wir total blöd und unsinnig." Aus "how to spend it" wird "how to end it". Die Designpreise werden mit der Überschrift "In Schönheit sterben" aufgelistet. Die Chefredakteure bzw. Herausgeber von SZ, Welt, FAZ und taz dürfen sich um die Leser der FTD bewerben. Ex-Redakteur Rolf Lebert, just verrentet, sagt im Interview: "Weicheier halt, bei Gruner + Jahr". Ansonsten hält sich das Verlags-Bashing im Rahmen. Zweite Erkenntnis: Die FTD-Kollegen zeigen, wie man in Würde abtreten kann, ohne zu langweilen.
Was allerdings nicht bedeutet, dass die Redakteure keine Alternativmodelle zur Einstellung gesehen hätten. Chefredakteur Steffen Klusmann schreibt auf, wie er sich die Zukunft der FTD vorgestellt hatte. Prinzip: 20/40. Heißt: Montag bis Donnerstag jeweils 20 Seiten in einem Buch, Freitags drei Bücher mit 40 Seiten als Wochenendausgabe. Ende September stand das Dummy und ein Konzept, doch dann kam alles anders. Auch neue App-Entwicklungen waren in der Planung. Die Abschiedsausgabe ist nun die erste und einzige Ausgabe nach dem Wochenend-Konzept. Dritte Erkenntnis: Wirtschaftsjournalisten sind vielleicht nicht die besseren Manager, aber sie sind nicht so planlos, wie es angesichts von mindestens 250 Millionen verbrannten Euro aussieht.

Apropos: Während der Leserzuspruch hätte größer sein können, scheiterte die FTD vor allem an den mangelnden Werbeumsätzen. In der Endausgabe sind gleich mehrere Seiten von Banken und Telekom gebucht. Die Aufmerksamkeit ist ihnen sicher. Vierte Erkenntnis: Es ist das alte Lied – der Tod verkauft.

Das Endspiel um die FTD ist verloren. Sie wird, wie der Gründungs-Chefredakteur Andrew Gowers in einem Essay schreibt, nicht die letzte Zeitung bleiben, die eingestellt werden muss. Verlagskritiker und Papierverächter mögen nun sagen: War ja klar, es gibt keine Zukunft für (gedruckte) Zeitungen. Sie mögen Recht behalten. Denn so gesehen sind wir mit Keynes ja sowieso alle langfristig tot. Äußerst bedauerlich ist nur, dass eine Redaktion, die spürbar für einen inspirierten Wirtschaftsjournalismus gekämpft hat, auseinanderfallen wird. Dass eine Redaktion, die journalistisch sehr viel richtig gemacht hat, trotzdem in der Bilanz grandios scheitern kann.
Fünfte Erkenntnis: Das Ende der FTD ist Teil der Veränderung des Medienmarktes, ist vielleicht auch ein Beispiel für die "schöpferische Zerstörung", von der in solchen Fällen gern die Rede ist. Doch unbeantwortet bleibt die Frage, was in Zukunft das Konstrukt "Redaktion" und "Zeitung" ersetzen bzw. mit neuem Leben füllen wird, wenn die alten Modelle nicht mehr funktionieren. 

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