Gipfeltreffchen: Keese vs. Oberbeck

Publishing Das Gipfeltreffen von Christoph Keese und Kay Oberbeck wurde angekündigt wie ein Boxkampf, aber es kam nicht zu Handgreiflichkeiten. Die Stimmung war durch plakative Kampagnen (Google-Oberbeck) und Taliban-Vergleiche (Springer-Keese) aufgeheizt, doch die Diskutanten des "Leistungsschutzrecht-Gipfels" hatten sich Sachlichkeit auferlegt. Die Debatte zeigte, dass weitere Schlagabtausche um und über das geplante Schutzrecht für Presseverlage im Internet im Grunde überflüssig sind. Alle Argumente sind ausgetauscht.

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Zunächst entschuldigte sich Christoph Keese für seine Wortwahl. Er hatte in einem Interview mit Horizont den Suchmaschinenkonzern mit den Taliban verglichen. Gemeint habe er "starr", aber Google sei ganz sicher kein Glaubenskämpfer. Kay Oberbeck war so schlau, Keese den Fauxpas nicht vorzuhalten – er spricht für sich. Stattdessen hob der Google-Sprecher hervor, die Anti-LSR-Kampagne habe in fünf Tagen 1,5 Millionen Seitentreffer erzielt und 50.000 Reaktionen erreicht.

In der folgenden, von Cherno Jobatey moderierten UdL-Digital-Diskussion (wird von E-Plus veranstaltet), wurde im Grunde noch mal alles durchgekaut – von dem Versuch der Definition einer "Kopie", über Studien gegen das Schutzrecht hin zu den Feinheiten von robots.txt. Am Ende solcher und anderer Debatten lassen sich immer ähnliche Folgerungen ziehen:

1.     Die Verlage und ihre Sprecher haben enorme Probleme, ihr Anliegen gegenüber ihren Kritikern zu erklären. Es will zumindest der zwar kleinen, aber extrem gut aufgeklärten und technisch versierten Internet-Szene nicht einleuchten, warum für Verlinkungen und Snippets (kleine Textauszüge) Geld an Presseverlage fließen soll. Wenn doch die Verlage ihre Inhalte immer freiwillig ins Netz gestellt haben. Es ist gut und richtig, dass sich Verlagsvertreter wie Keese der Diskussion stellen (er dürfte dafür ein gutes Schmerzensgeld bekommen). Dass er tatsächlich bei den Ultra-Kritikern einen Punkt landet, ist unwahrscheinlich.

2.     Knackpunkt der Erklärungsnot ist immer wieder die Frage, warum das Urheberrecht nicht ausreicht, um die Interessen der Verlage zu wahren. Antwort: Weil wir ja keine Total-Buyouts von den Mitarbeitern wollen und darum eigene Rechte brauchen. Mal abgesehen davon, dass viele Verlage sehr wohl Total-Buyouts von Freien fordern – vollkommen unberechtigt ist die Forderung nach eigenen Verlagsrechten nicht. Aber: Nicht nachvollziehbar ist für viele Kritiker, warum sich die Verlage so auf Snippet-Abrechnung festlegen, wenn diese doch gar nicht Kopien im eigentlichen Sinne darstellten – also Kopien kompletter Artikel. Wiederum Antwort: Google News zieht die Aufmerksamkeit der Nutzer ab von den Ursprungsseiten im Netz. Klar ist: Wenn die Diskussion sich wie im Ursprung angedacht nur um tatsächlich "geklaute" bzw. kopierte Artikel drehen würde, wären das Anliegen der Verlage einsichtiger. Doch dazu müssten die Verlage offenlegen, von welchen Anbietern sie in welcher Höhe geschädigt werden. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung der Verlinkung durch Google und Co. haben sie bis heute ebenfalls nicht aufgestellt. Dass die Verlage vor allem auch gerne Geld von Unternehmen hätten, die Online-Artikel in ihre Intranets stellen, wird auch höchst selten thematisiert.

3.     Die Konzentration auf Google erklärt sich mit der exponierten Stellung der Suchmaschine in Deutschland und anderen Ländern. Darum ist es nicht verkehrt, Vertreter des Konzerns als Hauptgegner zu Debatten einzuladen. Nur ist Google nicht das Netz, versucht aber, sich als integralen Bestandteil des Netzes zu positionieren. Die wirtschaftlichen Interessen des Konzerns bestreitet nie jemand – die Darstellung ist aber für gewöhnlich, dass Verlage an diesem wirtschaftlichen Erfolg durch Ausschüttungen partizipieren. Um von außen wirklich beurteilen zu können, ob die Gelder Almosen sind, oder substantielle Deckungsbeiträge zur Finanzierung von Online-Redaktionen darstellen, müssten solche Geldströme transparent gemacht werden.

4.     Das Publikum bei LSR-Diskussionen ist in der Regel mehrheitlich auf der Seite der Gegner des Schutzrechtes. Bzw: sie sind die Gegner. Gut, dass es eine artikulierte Opposition gibt. Auffällig ist indes, wie hart diese vor allem über Twitter in die Diskussion einsteigt. Persönliche Diffamierungen sind nicht unüblich, alles im coolen Gestus der "Wir wissen es eh besser"-Haltung flott aufgeschrieben. Das hat den Effekt, dass sie vor allem auf technische Möglichkeiten und Lösungen formulierten Beiträge von Kritikern in einen Topf mit Beleidigungen geworfen werden. Es ist schick, gegen Verlage zu schießen. Das haben diese zum Teil selber zu verantworten. Zum Teil ist die Kritik aber auf die Prämisse gestützt, dass es ohnehin dumm und gestrig ist, Artikel auf Papier zu drucken und dafür Geld nehmen zu wollen. Gegen die (erodierende) Selbstzufriedenheit vieler Verlage steht die Arroganz der selbsternannten Netzversteher.

5.     Letzter Punkt: "Neutrale" Positionen in der Diskussion sind nicht zu erkennen, weil fast ausnahmslos jede Stimme zum LSR in der einen oder anderen Form Partei ist. Jetzt sind alle Positionen ausgetauscht, die Parlamentarier sind am Zug. Bleibt zu hoffen, dass sie beiden Seiten aufmerksam zugehört haben – und nicht die Seite gewinnt, die die bessere Lobbyarbeit geleistet hat (was allerdings auch nicht unwahrscheinlich ist). Zur Meinungsbildung tragen solche Gipfeltreffchen wie das zwischen Keese und Oberbeck aber kaum noch bei.

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