“Also obrigkeitshörig war ich nicht“

Fernsehen Sein Facebook-Profil trägt präzise Rollenbeschreibungen: “Niveaubestatter, Cosmoprolet und Zotenorgel“. Micky Beisenherz, 35, ist TV-Autor und Moderator. In Hamburg traf BVB-Fan, “Leute, Leute“-Head-Autor und “Dschungelcamp“-Wortfrickler Beisenherz Christopher Lesko, um in einem zweiteiligen Interview über Leben, Entwicklung und das Fernsehen zu sprechen. Ein Weg von Castrop-Rauxel bis in den RTL-“Dschungel“ Australiens: “Ich bin aufgewachsen wie die Waltons – nur mit besseren Sprüchen.“

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Micky Beisenherz, wir sind ja das, was man Facebook-Freunde nennt. Wir lesen voneinander, finden uns witzig oder nervig, streiten uns über Markus Lanz, und wir duzen uns seit schlappen 2 Jahren, ohne uns wirklich zu kennen. Ich fände es schräg, wenn wir uns im offiziellen Meedia-Interview-Kontext plötzlich siezten.
Das ist richtig, ich bin auch dafür! Ich habe ja indirekt auch schon für Waldis Club gearbeitet, insofern ist mir das Duzen durchaus geläufig. Indirekt. Ich bestehe auf: indirekt!
Matze Knop?
Ja. Atze war auch schon da.
Jetzt sind wir am Anfang unseres Gespräches und mich interessiert, womit genau Du in den nächsten beiden Stunden rechnest.
Oh Gott. Wir sitzen ja hier zunächst draußen bei gefühlten 5 Grad, und ich rechne damit, dass es nicht entscheidend kälter wird. Das könnte sich auf meine Haltung in unserem Interview auswirken. Bitte meine verschränkten Arme nicht als Abwehrgeste deuten, das wird ja auch immer wieder gerne gemacht. Bei diesen Temperaturen ist meine Haltung vorteilhaft. Ich bin ja nur so ein Hemd.
Ach, wahre Kälte kommt doch stets von innen.
Wenn Du dann doch irgendwann mit Markus Lanz zusammen sitzt und der gerade wieder aus Grönland zurückkommt, kannst Du ja mit ihm darüber sprechen.
Ansonsten wird hier mit nichts gerechnet?
Doch! Ich verspreche mir von diesem Interview die unmittelbare Lanz-Nachfolge zur Sendung 3. Ich möchte gerne, dass TV-Produzenten das lesen und mich häufiger in die Green-Box einladen, wo ich dann neben Claudia Effenberg und Ross Anthony die lustigsten Naturkatastrophen Deutschlands kommentiere. Das ist quasi mein Nahziel.
Wer Claudia Effenberg und Ross neben sich weiß, hat einen sehr direkten Kontakt zu Naturkatastrophen.
Das ist allerdings richtig. Sehr schön, Daumen hoch! Ich habe Claudia Effenberg ja unlängst als Facebook-Freundin verloren.
Nein!
Doch! Umso trauriger, das mein Autoren-Kollege und Kumpel Oli Haas sie noch als Freundin hat, obwohl ich gegen seinen Willen in seiner Abwesenheit seinen Account genutzt habe, um bei ihr anzufragen. Er hat sie noch, und ich habe sie verloren! Jetzt kommst Du!
Ich muss erst die Tragik dieses emotionalen Tsunamis bewältigen. Das ist jetzt nicht leicht für mich. Du sitzt nicht in einem schwarzgelben Dress vor mir. Warum?
Schwarzgelb trage ich erst am Wochenende wieder, wenn ich am Sonntag in Altona auf der Wiese Fußball spiele. Du meinst doch als BVB-Anhänger, oder meinst Du, ich würde nebenberuflich bei der Post arbeiten? Als Autor hat man ja doch ein wenig Zeit nebenbei.
Die nehmen ja nur Zuverlässige. Erzähle mir drei doch kurze Geschichten über Dich. Eine davon muss gelogen sein.
Au! Drei? Ach Du Scheiße. Da fängst Du aber gut an, Du. Also die erste Geschichte: Ich bin einmal bei ProSieben zur besten Sendezeit nackt auf einem Pferd durch die Eifel geritten. Die zweite ist, dass mein Bruder und ich uns jahrelang gegenseitig die Pornokiste geklaut haben. Und die dritte: Mein Onkel ist Bürgermeister von Castrop-Rauxel.
Haben wir denn gar nichts Gelogenes am Lager?
Ach ja, gelogen.. Ich hab was machen lassen. Mit Mitte Dreißig muss man sich ja ranhalten.
Wir können hier über Penis-Verlängerungen nicht sprechen. MEEDIA ist seriös.
Absolut. Einigen wir doch darauf, dass ich die Lüge noch an anderen Stellen einbaue, wo ich sie dringender brauche.
Micky, beschreibe mir doch in einigen Sätzen, wer genau hier vor mir sitzt.
Vor Dir sitzt jemand, der relativ früh festgestellt hat, dass er mit einer gewissen Verhaltensauffälligkeit immer wieder Szenenapplaus erheischen kann. Und dankenswerter Weise gab es Menschen, die mich dabei unterstützten, diese Fähigkeit zum Beruf zu machen. Wer jemals gesehen hat, was ich im Handwerk anstelle, weiß, dass es niemals für die Miete gereicht hätte. Und sonst bin ich vielleicht jemand, der ganz gut Assoziationsketten bilden kann.
Was noch: Bist Du Autist oder liebevoller Familienvater, konzentriert oder verhuscht, penibel oder von Menschen gelangweilt?
Wenn wir in diesen Dimensionen reden, bin ich wahrscheinlich künftig ein liebevoller Familienvater. Ich bin sozial kompatibel und interessiere mich für meine Mitmenschen. Auch in meiner Ehe. Ich tue viel dafür, dass sich alles in einem vernünftigen Gleichgewicht bewegen kann. Schon in Schulzeugnissen wurde mir früh eine anständige soziale Kompetenz bescheinigt, und ich hoffe sehr, dass sich dies in den nächsten Jahren nicht ändert.
Passt das denn Deiner Meinung nach gut zusammen: TV und soziale Kompetenz?
Ja, das finde ich schon. Entgegen der langläufigen Meinung habe ich bisher mit wahnsinnig vielen, netten Leuten in der Medienbranche zu tun gehabt und habe es noch. Und denjenigen, die ich für Arschlöcher halte, gehe ich aus dem Weg. Meine Frau überrascht das häufig, und sie sagt: “Du findest ja alle immer nett.“ Stimmt gar nicht. Aber die, die ich für bescheuert halte, schließe ich schnell aus und habe fortan nichts mehr mit ihnen zu tun.
Du bist im Pott auf die Welt gekommen. Erzähle mir von Deinem Start ins Leben und Deinem Weg.
Ich wurde in Castrop-Rauxel sozialisiert, einer Stadt mit damals 80.000, jetzt etwa 78.000 Menschen. Die 2.000, sagt mein Onkel, habe er als Bürgermeister schon verbrannt. Das ist ein Aufwachsen im Mikrokosmos der Provinz, wo alles ein wenig näher an Dich heranrückt als in der Großstadt. Es ist ja viel cooler in Großstädten auszuwachsen, in Kleinstädten aber erlebst Du vieles unmittelbarer: Die Oberen, die Unteren, Neureiche und Parallelgesellschaften. Man hat mit allem viel direkter zu tun, und eigentlich ist das auch viel spannender.
Ich bin die ersten 25 Jahre meines Lebens aufgewachsen wie die Waltons – nur mit besseren Sprüchen. Drei Generationen unter einem Dach: Omma, Oppa , Eltern, Bruder. Mittlerweile wohnen sie mit vier Generationen unter einem Dach. Ich bin der einzige, der ausgeschert ist, aber immer wieder gerne zurückkommt. Da hattest Du natürlich jeden Abend schon ein Publikum. Obwohl ich Beachtung nicht hinterherlief, stellte ich fest, immer wenn ich in Ommas altes Korsett etwas aufführte oder alte Lumpen anzog und etwas darstellte, gab es Applaus und alle hatten Spaß. Irgendwie entstand so ein gewisser Mitteilungsdrang. Anders kann ich mir das nicht erklären.
Was haben Deine Eltern denn beruflich gemacht?
Die sind im Handwerk tätig und haben immer noch einen mittelständischen Handwerksbetrieb. Im Grunde genommen komme ich aus einem Klempner-Haushalt.
Gas-Wasser-Scheiße, wie wir Berliner sagen.
Genau. Seit ich fünfzehn war, ging es In den Ferien ab auf den Bau. Da habe ich in relativ kurzer Zeit ganz gut Geld verdient und festgestellt: Geld zu verdienen macht aber ganz schön Laune. Es ist schön, wenn man bei Saturn ist und den CD-Stapel, den man sich gerade angehört hat, komplett  mitnehmen kann. Das ist einfach geil.
Was hat Dir denn in das Aufwachsen in Deiner Großfamilie für Dein späteres Leben mitgeben können?
Na ja, als erstes soziale Kompetenzen. Du lernst halt auch Respekt gegenüber älteren Generationen. Wenn Du einen gewissen Familiensinn erlebt hast, lernst Du auch, mit unterschiedlichen Personen, mit Großeltern, Onkels oder Tanten eben auch unterschiedlich zu agieren. Und wenn Du einen sechs Jahre älteren Bruder hast, lernst Du schnell, dass es nicht immer gerecht zugeht und Du auch mal auf die Fresse bekommst. Man lernt, sich auf verschiedenste Charaktere ganz gut einzustellen. Das hat sicher dabei geholfen, mich heute auf verschiedenste Zuschauer, Zuhörer oder Leser möglicherweise ganz gut einstellen zu können.
Was warst Du denn für ein Kind?
Ich war ein ganz lieber Kerl. Allerdings musste man mir im Gegensatz zu meinem älteren Bruder Entscheidungen oder Regeln immer erklären. Ich bin nur gerne gefolgt, wenn ich verstanden habe, wozu. Also obrigkeitshörig war ich nicht.
Warst Du beim Bund?
Nee! Zivildienstleistender. Das war eine fantastische Zeit. Ich habe nicht einen einzigen Tag gefehlt. Das war super, weil Du im Zivildienst, wie in anderen Funktionen Jahre später, erstmalig die Gelegenheit hattest, in andere Lebenswirklichkeiten reinzuschnuppern. Man kümmerte sich um sozial Bedürftige und vermeintlich “Asoziale“, Kranke und Alte. Wir haben Buden entrümpelt von Menschen, die damals noch nicht “Messies“ sondern “Asis“ genannt wurden. Eine Super-Zeit, mit zehn anderen Zivildienstleistenden in Castrop-Rauxel: Das war ’ne Super-Truppe.
Ich habe ja damals viel gezeichnet. Und die Menschen, die wir damals betreut haben, waren in der Kleinstadt quasi die Prominenten des kleinen Mannes. Wenn Du also bei Omma Jaksch warst, wusste jeder von der Truppe, wie sie drauf war. Und wenn Du bei Oppa Dingenskirchen warst, konntest Du von ihm erzählen: Du saßt in Deinem Zivi-Büro mit der Dienststelleleiterin und hast gegeiert. Ich habe dazu den Themen und Begegnungen gezeichnet, und irgendwann hing das ganze Büro voll von Zeichnungen über die Arbeit und die Personen. Als dann der Ober-Bezirksleiter kam, mussten wir sie wieder abhängen. Da gab es Ärger.
Wie ist denn-über Zeichnen hinaus- Dein Zugang zum Umgang mit Sprache gewachsen? Irgendwann ging das ja los.
Ich weiß auch nicht. Wenn ich mit Freunden zusammen war, begann es mit dem klassischen Prinzip der Hitparade. Das taucht ja in der Vita von vielen auf, die in unserem Bereich tätig sind. Zusätzlich hatte ich mit meinen beiden Cousins noch einen “Verlag“: Wir zeichneten Comic-Bücher und Hefte und verkauften sie. Wir nahmen nach Kassensturz damals die stolze Summe von 120 D-Mark ein. Also: Ich war schon sehr früh Publizist, und bin schon mit sechs Jahren mit einem Kassettenrekorder durchs Dorf gelaufen. Man muss wissen; Ich habe ja nicht in Castrop-Rauxel gewohnt, sondern in einem Vorort von Castrop-Rauxel. In der Provinz der Provinz, den Outskirts von Castrop-Rauxel. Dort habe ich also den lokalen Pfarrer in Augstein’scher Mentalität ausgequetscht, ob er einen verurteilten Mörder bei sich wohnen lassen würde. Ich glaube, der hatte auch mit einer anderen Frage gerechnet, als da ein Siebenjähriger mit einem Kassettenrekorder auf ihn zulief. Ich habe ihn zum Aufwärmen zuerst nach dem Wetter gefragt. Aber dann habe ich ihn gegrillt. Wer weiß, was ich ihn mit dem Kenntnisstand von heute noch alles gefragt hätte.
Dann hast Du Abi gemacht?
Mit einem Jahr Verzögerung ja.
Und, wie man Deiner Vita entnehmen darf, nach einem Jahr “erfolgreich das Studium abgebrochen“.
Ja. Nach einem Semester.
Das allerdings hast Du durchgezogen ohne Pause.
Ja! Ich habe exakt so lange studiert, bis ich mit meiner damaligen Freundin und Fahrgemeinschaft zusammenkam: Ich habe sie so häufig zur Uni gefahren, bis ich fest mit ihr zusammen war. Danach konnte ich mich aus dem Studium zurückziehen. Ich hatte ja Sozialwissenschaften studiert, insofern habe ich quasi an ihr meinen Schein gemacht und konnte sie danach wieder alleine zur Uni fahren lassen.
Dein Start in die putzige Welt der Medien begann dann im Radio.
Ja. Nachdem ich das eine Semester Sozialwissenschaften zumindest zur Hälfte hinter mich brachte, musste ich dann irgendwann einmal Farbe bekennen und mir selbst eingestehen, dass ich doch auch eines dieser oberflächlichen Medien-Arschlöchern werden wollte. Wenn man aus einem Handwerker-Haushalt kommt, begegnet man diesem Berufsfeld ja doch gleichzeitig mit einer gewissen Scheu und Abscheu: Alles wirkte dubios oder irgendwie habschwul. Irgendwann war mir klar, wie stark meine Grund-Affinität war. Also schnappte ich mir das Medien-Handbuch, diesen dicken Wälzer, und ich schrieb endlos Bewerbungen. Das dauerte alles ewig, also arbeitete ich ein ganzes Jahr auf dem Bau. Da zu sitzen und gar nichts zu tun kam überhaupt nicht in Frage.
Anfang 2000 ging ich einfach zum lokalen Radiosender in Herne, um ein Praktikum zu machen. Das Irre ist: Um ein Praktikum zu bekommen, musst Du erst einmal ein Praktikum vorweisen. Komplett behämmert: Ohne Praktikum bekommst Du kein Praktikum. So also wollte ich eigentlich das Lokalradio-Praktikum nur machen, um woanders ein Praktikum vorweisen zu können. Im besten Falle natürlich beim Fernsehen. Dann hat das so einen Spaß gemacht, so gut gewuppt und gefluppt, dass ich ein ganzes Jahr geblieben bin. Die damalige Unterhaltungschefin vom Mutterschiff, Radio NRW, hatte mich dann dorthin gezogen. Glücksache, sie wohnte damals in Herne und hatte mich gehört. Vielleicht wäre ich ohne diesen Zufall immer noch glücklicher Lokalradio-Moderator. Oder auch Ballermann-Sänger.
Bist Du es denn jetzt: glücklich?
Wie klügere Menschen es ja schon formuliert haben: Glücklich zu sein, ist ja eher jene Spitze, die ab und zu aus der Zufriedenheit herausragt. Und zufrieden bin ich auf jeden Fall. Und glücklich bin ich häufig genug. Mehr vielleicht als so manch anderer.
Du verleihst  ja vielen Comedians Sprache…
…das klingt so nach Augsburger Puppenkiste…
…ich baggere mich schnell noch zur eigentlichen Frage vor: Die Liste ist lang und reicht von Atze Schröder über Dieter Nuhr, Hans Werner Olm, Rüdiger Hoffmann, Oliver Polak bis zu Monika Gruber oder Matze Knop. Wie genau näherst Du Dich denn den jeweiligen Aufgaben?
Das hängt natürlich stark davon ab, für welche Produktion ich arbeite. Bei Dieter Nuhr und dem Comedy Preis gerade etwa gab es gar keine großen Berührungspunkte. Man trifft sich zwei-, dreimal und Björn Mannel, der andere Autor des Comedy-Preises und ich liefern zu allen Themenkomplexen lines. Dieter nimmt dann im besten Fall ein paar lines, steuert seine Dinge bei und macht ansonsten vieles einfach aus dem Programm. Wenn wir etwa für Atzes Bühnenprogramm schreiben, dann sind wir wie eine Band. Und Atze ist unser Lead-Sänger. Wir sitzen zusammen, spinnen einfach rum, unterhalten uns über Gott und die Welt und hauen raus. Arbeite ich für Rüdiger Hoffmann, ist es so: Ich telefoniere mit ihm, frage, zu welchem Thema er gerne etwas erzählen würde, schreibe etwas und schicke es ihm.
Mit wieder anderen wie Olli Polack sitze ich zusammen, wir unterhalten uns über Themen und schauen, was dabei rauskommt. Also, es ist bei allen unterschiedlich.

Wie wichtig oder nebensächlich ist die Qualität von Beziehung zu den Künstlern?
Ich halte die für sehr wichtig, weil ich keine Lust habe, mit Arschlöchern zusammen zu arbeiten. Und, wenn ich -über Arschlöcher hinaus- die Person zwar für ganz nett halte, aber die Zusammenarbeit fürchterlich zäh wird, ist das auch nicht lustig. Ich habe schon mit Humoristen oder Humoristinnen zusammen gesessen, die überhaupt nicht wussten, was sie erzählen wollten. Das finde ich dann so zäh, dass ich denke: An dem Tag kannst Du auch besser etwas anderes machen. Dann lasse ich es lieber. Ich möchte schon mit Menschen zusammen arbeiten, die auch wissen, was sie erzählen wollen. Gerade aufgrund der Tatsache, dass zwei, drei Leute mit ihren Fähigkeiten Stadien füllten, schießen plötzlich alle möglichen Leute wie Pilze aus dem Boden und  sagen: Du bist doch Autor, schreib mir doch mal was. Sie erwarten, dass ich ihnen dabei helfe, in ein paar Tagen vor 10.000 Menschen auftreten. Schräg! Ich muss doch als Künstler selber das Gefühl haben, Zuschauern etwas so zu erzählen, dass sie sagen: Deubelschlag, so hat mir das aber noch keiner erzählt! Aber bei einigen scheint irgendwie inzwischen der Geschäftssinn mehr im Vordergrund zu stehen, als Fähigkeiten und Inhalte. Ich bin jetzt etwas abgeschweift.
Da kommt uns ein wenig zugute, dass ich mich noch an meine Frage erinnere. Der eine Pol des Spektrums verbände Deine Fähigkeiten mit Deiner Beziehung zum Künstler. Der gegenüberliegende Pol sähe Dich zu Themen schreiben – annähernd unabhängig von der Frage, für wen Du schriebest: Content-Haus Beisenherz quasi.
Theoretisch könnte ich auch jemanden für einen Idioten halten und könnte trotzdem ein Stand Up für eine Sendung schreiben. Ich muss auch zugeben: Ich habe auch schon mal jemanden für einen Idioten gehalten und dennoch mit ihm zusammen gearbeitet. Es ist ja auch Handwerk, bei dem Du möglichst kunstfertig von A über B nach C leitest. Da könnte derjenige, der es auf Bühnen oder in TV-Sendungen erzählt, ein Trottel oder ein totaler Honk sein: Man könnte trotzdem für ihn arbeiten. Ich arbeite lieber mit jemandem, als für jemanden arbeiten zu dürfen. Vielleicht ein männliches Attribut, dieser Wunsch danach, wirkliche Augenhöhe zueinander zu haben. Dass jemand Hof hält, und Du darfst ihm ein paar Pointen anreichen, die er Dir im Zweifel in bester Kinski-Manier um die Ohren haut, das macht man wahrscheinlich eher am Anfang einer Karriere als in der Mitte.  Das hat viel mit Selbstachtung zu tun, und die andere Variante macht auch einfach mehr Spaß.
Du bist in der Mitte jetzt? In Deiner und in der Deiner Karriere?
(Lachend) Ja, ich bin in der Mitte.
Wenn wir schnell mal über ein paar Medienfiguren lästern wollten, was wir ja keinesfalls wollen: Welche Figuren wären das, über die wir keinesfalls lästern wollen?
Ich werde bestimmt keine Namen nennen.
Ach?
Das mache ich nur bei Facebook.
Und welche Namen sind das, die Du nicht nennen wirst?
Sagen wir es so: Das sind exakt die Figuren, bei denen man sich die Frage stellt: Waren das schon arrogante Pfeifen, bevor sie erfolgreich geworden sind, oder sind sie es erst durch ihren Erfolg geworden. Von diesen Typen gibt es ja zwei, drei. Die typischen, unzuverlässigen, grenzschizophrenen Figuren, die auch in ihrem privaten und erweiterten Bekanntenkreis nur noch ihre Jubelperser dulden und Lichttechniker, Tontechniker oder Maskenbildner wie Dreck behandeln. Da muss man sich die Frage stellen, ob man in diesen Zusammenhängen arbeiten will. Ein paar Menschen tun dies. Und, wenn ich das jetzt so offen sage, mache ich dies auch aus der Arroganz heraus, dass ich es mir zumindest bis zu einem gewissen Grad aussuchen kann, mit wem ich arbeite. Und ich bin halt sehr dankbar, dass es in der Branche -komisches Wort eigentlich: Branche- viele Leute gibt, mit denen es Spaß macht zu arbeiten, und mit denen man ein ganzes Jahr füllen kann.
Branche klingt immer ein wenig nach Rotlicht und Milieu.
Finde ich auch. Nach Halbwelt und Rotlicht.

Bissige Autoren können ja aus der Distanz aggressive Impulse ironisch platzieren, ohne sich wirklich der Gefahr eines ernsten Konfliktes aussetzen zu müssen.
Mit dieser Formulierung versuchst Du doch, mich aufs Glatteies zu führen!
Ich will ja nicht unangemessen stören, könnte aber theoretisch meine belanglose Frage noch anschließen.
Um Gotteswillen – jederzeit.
Welchen Zugang hast Du denn zur eigenen Aggressivität?
Du meinst zu dem Furor, der in mir wütet?
Ich fühle mich verstanden.
Ach, ich lasse das schon raus. Diejenigen, die es angeht, bekommen dies schon zu hören oder zu lesen. Ich neige nicht dazu, mich einerseits über andere aufzuregen und es ihnen andererseits nicht zu sagen. Und sonst rege ich mich über Bahnverspätungen ebenso auf wie über andere Dinge, über die sich Menschen aufregen. Beruflich regt es mich manchmal auf, wenn 60er-Jahre-Sachen als preiswürdige Oberknaller betrachtet werden, ich daneben sitze und denke: wow! Ich will nicht sagen, dass mich da die blanke Wut packt, aber zumindest spüre ich ein gewisses Unverständnis. Es nerven auch Situationen, in denen, was Du geschrieben hast, mit abenteuerlichen Begründungen von der Produktionsleitung, Redaktion oder Sender nicht umgesetzt wird. Das ist so die Nummer “Das versteht der Zuschauer nicht“. Manchmal entstehen solche Begründungen auch, weil man vielleicht nicht so viel Geld in die Hand nehmen möchte, um umzusetzen, wie es gedacht war. Das ist dann schon ärgerlich, und manchmal bekomme ich das Kotzen. Das allerdings kann ich auch nur deshalb bekommen, weil ich sehr gerne mache, was ist gut finde. Das letzte, was ich will ist, etwas zu schreiben, es dann auf dem Schirm zu sehen und den Menschen die es gucken sagen zu müssen: Freunde, das war ursprünglich ja ganz anders geschrieben. Alle Bekannten schön zur Sendezeit zum Essen einzuladen, wenn der Sendetermin bevorsteht – Hauptsache sie sehen diese Sendung nie – ist ja auch keine Lösung. Das ist ja nicht mein Ansinnen, wenn ich an einer Sendung beteiligt bin. Ich möchte ein gutes und präsentables Ergebnis und ärgere mich natürlich, wenn es am Ende die totale Scheiße wird, obwohl es eigentlich besser hätte werden können.
Das kommt schon vor?
Ja, das kommt schon vor: dankenswerterweise immer weniger, weil es immer mehr Sender und Redakteure gibt, die sich mehr trauen, die Humor mehr zulassen und dem Zuschauer auch mehr zumuten. Insgesamt wird meines Erachtens die Situation für Autoren besser. Dass heute bei Sendern mehr möglich ist, sieht man etwa beim ZDF mit der “heute show“ oder “Leute, Leute“ oder auch bei RTL mit dem Dschungel. Der Dschungel ist eben auch deshalb so viel gefeiert, weil wir im Dschungel mit Markus Küttner, RTL, zusammensitzen und der  sagt: Macht Ihr mal! Und bei Stephan Denzer im ZDF ist es genauso.
Lesen Sie auch Teil 2 des MEEDIA-Interviews mit Micky Beisenherz. 
Mehr über den Autor Christopher Lesko unter www.leadership-academy.de.

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