Gniffkes Häme aus Wolkenkuckucksheim

Fernsehen Ganz Medien-Deutschland scheint in der Krise. Ganz Medien-Deutschland? Nein. Es gibt eine letzte Bastion der Sorglosen. Und die feiern diesen Donnerstag in Hamburg eine schöne Party zum 60. Jubiläum der “Tagesschau”. Vorab hat “Tagesschau”-Chef Kai Gniffke den strauchelnden Verlagen der Republik aus seinem mit Gebühren ausgepolsterten Wolkenkuckucksheim zugerufen, dass ihre Gewinne auch nicht sprudeln würden, gäbe es die "Tagesschau" nicht. Aber hat die “Tagesschau” wirklich allen Grund zum Feiern?

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Die Print-Krise ist das Thema der Stunde. Es wird debattiert über die Zukunft des Journalismus. Eine bedeutsame Stimme fehlte allerdings bisher in der Debatte: die der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Jetzt hat sich “Tagesschau”-Chefredakteur Kai Gniffke kurz vor der großen Jubiläums-Sause der Nachrichtensendung im Medium Magazin zu Wort gemeldet.

"Gäbe es die ‚Tagesschau‘ nicht, würde das Geld bei den Verlagen trotzdem nicht sprudeln", so Gniffke im Medium Magazin. Seine Redaktion sei "nicht Schuld daran, dass es bislang erst wenige funktionierende Erlösmodelle für Qualitätsjournalismus gibt". Er meint damit die von Verlagen beklagte “Tagesschau”-App. Diese sei bis Mitte November 4,8 Millionen mal runtergeladen worden, brüstet sich Gniffke.

"Die ‚Tagesschau‘ wird ihre Stärke nur behalten, wenn wir den Menschen unsere Nachrichten überall dort anbieten, wo sie Informationen von uns erwarten: im TV, Online, als Apps, auf internetfähigen Fernsehgeräten oder auf öffentlichen Plätzen." Gleichzeitig sei von einer Expansion der öffentlich-rechtlichen Inhalte nicht die Rede. Gniffke verweist darauf, dass vor einiger Zeit zahlreiche Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sender aus dem Internet gelöscht werden mussten. Darum, so argumentiert Gniffke, könne von eine Expansion keine Rede sein.

Wie so oft, wenn sich Dr. Kai Gniffke zu Wort meldet, gibt es zu dessen Sichtweisen Einiges anzumerken. Zum Beispiel zur Behauptung, dass das Geld bei den Verlagen auch nicht “sprudeln” würde, wenn es die “Tagesschau” nicht gäbe. Da mag er ja Recht haben. Er blendet allerdings komplett aus, dass es in der Debatte gar nicht um das Hier und Heute geht, sondern um ein wie auch immer geartetes Zukunftsgeschäft. Das wird vor allem Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner nicht müde zu betonen. Döpfner sagte in mehreren Interviews, er hätte weniger mit einer gedruckten “Tagesschau”-Zeitung weniger Probleme als mit der “Tagesschau”-App.

Ob nun digitale Apps oder andere Formen des Paid Content die allein selig machende Vision für wirtschaftlich tragfähigen Journalismus in Zukunft sind oder nicht, sei dahingestellt. Das weiß heute Niemand. Apps und Paid Content sind in Augen der Verlage jedoch mindestens ein Baustein für ihr künftiges Geschäft. Und bevor dieses zarte Pflänzchen auch nur eine Chance bekommt, sich zu entwickeln, wird es von der Finanzkraft der gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Angebote plattgemacht.

Zwischen den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und den Verlagen herrscht alles andere als Chancengleichheit. Die einen, die Verlage, kämpfen mit wegbrechenden Anzeigen- und Vertriebserlösen. Sie müssen schrumpfen, Leute entlassen, Redaktionen schließen oder zusammenlegen. Die anderen, die öffentlich-rechtlichen Sender, haben mit der neuen Haushaltsabgabe gerade eine finanzielle Bestandsgarantie bekommen. Sie müssen sich nicht am Markt beweisen. Und wenn im öffentlich-rechtlichen Sektor vom Sparen die Rede ist, dann bedeutet dies in den allermeisten Fällen: “ein bisschen weniger zusätzlich ausgeben”. Ein Sparbegriff, den öffentlich-rechtliche Sender und der Politikbetrieb durchaus gemeinsam haben.

In der Debatte um die Zukunft des Journalismus, die nichts anderes ist als eine Debatte um die künftige Finanzierbarkeit von gutem Journalismus, befinden sich ARD und ZDF in einer über Gebühr gepolsterten Parallelwelt. In dieser Welt gibt es keine wirklichen Geldsorgen, keinen Marktdruck und dementsprechend keinen Zwang zur Veränderung. Zumindest bei der föderalen ARD regiert scheinbar ein immer währendes “Weiter so!”. Dafür ist die journalistische ARD-Hauptmarke, die “Tagesschau”, das beste Beispiel. Die Sendung ist in Ritualen erstarrt und pflegt eine Form von Behördenjournalismus, der im freien Markt keine Minute überlebensfähig wäre.

Man braucht sich nur eine x-beliebige Ausgabe des ARD-Nachrichten-Flaggschiffs um 20 Uhr zu Gemüte zu führen. Eine überkomplizierte, Substantiv-getränkte Sprache (“Die Bundesländer steuern auf einen neuen Anlauf für ein NPD-Verbotsverfahren zu.”). Hohle Rituale wie das Weiterlegen der Blätter, obwohl die Sprecher doch längst von Telepromptern ablesen. Komplizierte Begriffe und gestanzte Aussagen von Parteipolitikern ohne jede Einordnung. Und immer wieder gewohnheitsmäßige Pseudo-Nachrichten, wie jüngst der Start der adventlichen Sammel-Aktionen der katholischen und evangelischen Kirche, was in etwa soviel Nachrichtenwert hatte wie die Jahr für Jahr wiederholte Berichterstattung zu den immer bedeutungsloser gewordenen Ostermärschen.

Hier wird deutlich, dass man es bei der ARD mit einem Gebilde zu tun hat, bei dem Vertreter von Politik und Amtskirche in den wichtigen Aufsichtsgremien sitzen. Ist doch prima, könnte man da zynischerweise denken: Wenn die “Tagesschau” so mies ist, dann ist sie doch gar keine Konkurrenz für private Medien. So einfach ist es eben nicht. Egal wie staatstragend und muffig altbacken die “Tagesschau” daherkommt – durch die ihre bloße Existenz und ihre Erweiterungen im Web und auf Tablets wird den Bürgern suggeriert, dass man sich um die viel zitierte journalistische Grundversorgung hierzulande keine Sorgen machen muss. Dass sich die Privatmedien aktuell in der Streitfrage um das unsägliche Leistungsschutzrecht auch nicht mit Ruhm bekleckern – vorsichtig gesagt – steht auf einem anderen Blatt.

Medien und der Journalismus haben sich seit Gründung der Bundesrepublik glücklicherweise weiterentwickelt. Die “Tagesschau” ist stehen geblieben. Wenn sie bei der “Tagesschau” auch nur die Begrüßungs- und Abschiedsfloskel minimal ändern, feiern sie sich dafür als Fürsten der Lockerheit. Beim ZDF wurden die “heute”-Nachrichten kontinuierlich und konsequent modernisiert, ohne dass sich die Sendung dabei in eine quotengeilen Boulevardshow verwandelt hätte. Die “Tagesschau” wird am 26 Dezember 60 Jahre alt. Ein Jubiläum, das die ARD und “Tagesschau”-Chef wahrscheinlich mit routiniert satter Selbstzufriedenheit zelebrieren werden. Dafür besteht nicht der geringste Anlass.
Nachtrag: In einer früheren Version des Textes stand, dass Kai Gniffke den Verlagen vorgeworfen habe, ihre Probleme seien hausgemacht. Dies bezog sich auf eine Vorabmeldung des medium magazins zum dem Interview mit Kai Gniffke. Dies war allerdings eine Interpretation der Redaktion des Medium Magazins. Gniffke selbst sagte im Interview wörtlich: 
"Wir haben vor nicht allzu langer Zeit drei Viertel unserer Inhalte aus dem Netz nehmen müssen.Wer kann da von Expansion sprechen? Zugleich verstehen wir die Sorge der Verlage angesichts der Herausforderungen einer sich rasant verändernden Medienwelt. Aber die Tagesschau ist nicht Schuld daran, dass es bislang erst wenige funktionierende Erlösmodelle für Qualitätsjournalismus gibt. Gäbe es die Tagesschau nicht, würde das Geld bei den Verlagen trotzdem nicht sprudeln. Gerade in der Flut digitaler Nachrichtenangebote ist es wichtig, dass es auch öffentlich-rechtliche Angebote gibt. Wir wollen, dass sich junge Menschen für Politik interessieren. Dafür braucht es gerade im Internet einer starken Nachrichtenmarke wie die Tagesschau. Das ist unser Auftrag und bedeutet zugleich eine sehr große Verantwortung."
Wir haben die Formulierung, dass Gniffke wörtlich behauptet hätte, die Probleme der Verlage seien "hausgemacht" aus dem Text entfernt und bitten um Entschuldigung für das Missverständnis. Sinngemäß ändert dies freilich nichts an unserer Darstellung.

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