Die große Sinnkrise des Privatfernsehens

Fernsehen Während die Printmedien mit dem Wandel der Digitalisierung hadern, schien TV hier keine Probleme zu haben. Der Konsum von linearem Fernsehen stieg trotz Internet über Jahre hinweg an. Sender erzielten Quoten-Rekorde und satte Gewinne. Aber dies beginnt sich zu ändern. Die Zuschauerzahlen sinken, neue TV-Trends sind weit und breit nicht erkennbar. Pay-TV entwickelt sich zu ernster Konkurrenz. Das Privatfernsehen stürzt in eine Sinnkrise. Schuld daran ist nicht das Internet, sondern die TV-Macher selbst.

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Im vergangenen Jahr 2011 war alles noch in Butter in der deutschen Privat-TV-Branche. Die Geschäfte liefen wie üblich wie geschmiert. Marktführer RTL schaffte übers Jahr hinweg spitzenmäßige 14,1 Prozent Marktanteil und ließ im Gesamtpublikum ARD und ZDF hinter sich. Sat.1 hielt immerhin sein Vorjahresergebnis von 10,1 Prozent. Am Ende des Jahres legte der damalige RTL-Group-Chef Gerhard Zeiler zu seinem Abschied noch einmal eine glänzende Bilanz vor. Der Umsatz der Gruppe kletterte um 4,2 Prozent auf 5,77 Mrd. Euro, der Netto-Gewinn um 14 Prozent auf 696 Mio. Euro. Formate wie “Supertalent”, “Deutschland sucht den Superstar” und “Bauer sucht Frau” erreichten ihren Zenith. Jetzt, fast ein Jahr später, sieht die Sache anders aus.

Im Saison-Auftakt 2012 (1. September bis 27. November) kam Markführer RTL “nur” noch auf einen Marktanteil im Gesamtpublikum von 12,6 Prozent, im Jahr davor waren das noch 14,5 Prozent. Sat.1 fiel im Saisonauftakt von 10,4 auf 9,1 Prozent und ProSieben von 6,6 auf 5,9 Prozent. Das Erste blieb stabil bei 11,6 Prozent, das ZDF legte von 11,7 auf 11,9 Prozent zu. Noch dramatischer ist die Entwicklung in der gerade für die Privaten so wichtigen, werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Hier fiel Marktführer RTL von 18,6 auf 15,7 Prozent Marktanteil. Marktanteile dazugewinnen konnten bei den Jungen ARD, ZDF, Vox und RTL II. Auch bei einigen der neuen, digitalen Spartensendern ging es teilweise nach oben: ZDFinfo legte bei den 14- bis 49-Jährigen von 0,2 auf 0,6 Prozent zu, der Frauensender Sixx (P7S1) von 0,7 auf 1,0 und RTL Nitro schaffte aus dem Stand 0,6 Prozent.

So sehen die nackten Zahlen aus. Was bedeutet dies für die erfolgsverwöhnte Branche? Zunächst einmal: Die großen, Mainstream Kanäle schwächeln auf breiter Front. Das betrifft sowohl den Marktführer RTL als auch die programmliche Dauerbaustelle Sat.1. Es gewinnen die öffentlich-rechtlichen Kanäle (auch bei den Jungen!), die Trash-Programme wie RTL II und die Spartensender. Der RTL-Ableger Vox pflastert seit einiger zeit sein Vor- und Nachmittags Programm genau wie RTL II mit trashigen Dokusoaps und Reality-Formaten voll. Und wird dafür mit steigenden Quoten belohnt. Kein Zweifel, das TV-Geschäft befindet sich mitten in einem Umbruch.

Die Quotenrückgänge bei den großen Sendern sind vor allem Ausdruck von schwächelnden Top-Formaten. Die Quotenrenner von RTL der vergangenen Jahre zeigen deutliche Ermüdungserscheinungen und neue Trends, die die alten Hüte Casting und Reality ersetzen könnten, sind weit und breit nicht zu sehen. Die Sender reagieren auf die Situation mit immer strikteren Sparprogrammen und hektischeren Programmierungen um auch noch das letzte bisschen Rendite aus den alten Konzepten rauszuquetschen. Wenn eine neue Sendung heute die Erwartungen nicht erfüllt, wird sie sehr schnell abserviert. Imageträger leistet man sich nicht mehr. Bei Sat.1 haben sie Harald Schmidt wegen seiner miesen Quoten schnell vom Hof gejagt. Als jüngst der Auftakt der (zugegebenermaßen unsäglichen) Model-Show “Million Dollar Shootingstar” bei Sat.1 quotenmäßig in die Hose ging, wurde die Sendung sofort ins Nachtprogramm verbannt und durch Spielfilme ersetzt. Überhaupt Sat.1. Bei dem Sender scheint so gut wie gar nichts mehr zu funktionieren. Der letzte Teil der “Wanderhure” blieb weit hinter den Vorgängern zurück und auch der Auftakt des neuen Event-Mehrteilers “Tore der Welt” schwächelte. Was noch funktioniert ist die Castingshow “The Voice of Germany”, die von der Programmfarbe her aber ohnehin eher komplett zu ProSieben gehört. Sat.1 ist verkommen zu einer Abspielstation für Wiederholungen von “Navy CIS”, “Richterin “Barbara Salesch” und “K11”. Wie der Sender mit seinem über Jahre hinweg ramponierten Image und dem nicht mehr vorhandenen Markenkern in Zeiten hoher Rendite-Erwartungen jemals wieder auf die Beine kommen will, bleibt rätselhaft.

Aber auch der Marktführer RTL war schon besser in Form. Die drei Hit-Formate “DSDS”, “Supertalent” und “Bauer sucht Frau” zeigen teils deutliche Ermüdungserscheinungen. Die 2011er Staffel “DSDS” sahen im Durchschnitt noch 6,48 Mio. Zuschauer. 2012 sank die Zahl auf 5,23 Mio. Beim “Supertalent” schalteten 2011 im Schnitt 6,73 Mio. ein, 2012 bisher 5,29 Mio. – und das obwohl RTL mit der Verpflichtung von Thomas Gottschalk einen gewaltigen PR-Wirbel veranstaltet hatte. “Bauer sucht Frau” hält sich noch am besten. Von durchschnittlich 7,70 Mio. 2011 ging es für die Landwirte auf Freiersfüßen von Saison zu Saison runter auf 6,95 Mio. Im Vergleich zum allgemeinen Quotenrückgang sind die Verluste für “Bauer sucht Frau” sogar geringer als der Durchschnitt – aber die Quoten sinken auch hier. Das Ende der Fahnenstange ist überall erreicht, es geht bergab. Ein schwieriger Test für RTL wartet noch im Januar. Dann muss sich zeigen, ob die Dschungel-Show “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!” auch ohne den verstorbenen Moderator Dirk Bach weiter bombastische Quoten schafft. Zweifel sind angebracht.

Dass solche Formate nach vielen Jahren on air Schwächen zeigen, ist nicht weiter verwunderlich. Wäre auch nicht bedenklich, wenn denn etwas Neues nachkäme. Es ist nur so, dass da offenbar nichts kommt. Außerhalb der Primetime herrscht im Privat-TV schon heute eine unfassbare Ödnis. Da werden Wiederholungen und billig produzierte Reality-Soaps hintereinander weggesendet. Die Programmmacher versuchen offenbar in einem Rattenrennen die schmelzenden Daytime-Quoten mit immer billiger produziertem Programm zu kontern.

Was immer noch gut läuft, sind große Sport-Events. Aber die können sich die Privatsender nicht mehr leisten. Zuletzt schnappte das ZDF dem schwindsüchtigen Sat.1 mit der Champions League noch eines der letzten verbliebenen Highlights weg. Die privaten TV-Sender stehen massiv unter Druck und ihr Konkurrenz ist in doppelter Hinsicht das Pay-TV. Einmal das gebührenfinanzierte Zwangs-Pay-TV von ARD und ZDF. Die beiden öffentlichen Kanäle haben sich mittlerweile fast alle großen Sport-Events gesichert – mit Ausnahme von Klitschko-Boxkämpfen und Formel 1 (beide noch bei RTL). ARD und ZDF leiden zudem eher an einem Programm-Überschuss. Während es den Privaten an attraktiven Programmen außerhalb der Primetime ganz offensichtlich mangelt, versenden ARD und ZDF ohne mit der Wimper zu zucken Top-Filme und hochwertige Dokus mitten in der Nacht. Vor allem das ZDF hat mit ZDFneo ZDFinfo und ZDFkultur zudem gleich drei attraktive, mit hochwertigen Programmen gespickte Digitalkanäle. Formate wie “Roche & Böhmermann” (ZDFkultur) oder “neoParadise” (ZDFneo) vermitteln eine Ahnung davon, wie anspruchsvolles und unterhaltsames Fernsehen für eine junge Zielgruppe aussehen kann.

Die andere große Konkurrenz für die angestammten großen Privatsender ist kommerzielles Pay-TV. Ex-RTL-Group-Chef Gerhard Zeiler hat jüngst verkündet, dass der Siegeszug des Pay-TV bevorstehe. Das mag zwar einerseits damit zu tun haben, dass er in seinem neuen Job bei Turner auch für Pay-TV-Kanäle verantwortlich ist – aber er hat damit womöglich auch ganz generell Recht. Sogar in Deutschland sieht es so aus, als würde Sky als große Pay-TV-Plattform dauerhaft auf die Füße kommen. Das Wachstum dort ist jedenfalls erstaunlich und stabil. Fans von Sport, Filmen und anspruchsvollen Serien wenden sich immer stärker dem Bezahlfernsehen zu. Erstens weil Filme und Serien dort ohne Unterbrecher-Werbung zu sehen sind, zweitens weil die immer abstrusere Programmierung von Privatsendern das Verfolgen einer Serie dort mittlerweile fast unmöglich macht. Die zweite Staffel der US-Hitserie “The Walking Dead” wurde beispielsweise an vier Nächten hintereinander weggesendet – natürlich massiv geschnitten. Wer sich für solche Serien interessiert, der braucht das deutsche Free-TV nicht mehr.

Eine wachsende Konkurrenz für das kommerzielle Fernsehen erwächst dann doch auch noch aus dem Internet. Angebote wie iTunes oder Amazon Lovefilm stecken derzeit noch in den Kinderschuhen, wachsen aber schnell und zählen ebenfalls zur Kategorie Pay-TV in einem weiter gefassten Sinne. Derzeit besteht das Hauptgeschäft von Lovefilm noch im postalischen Versenden von BluRays und DVDs und die Preisgestaltung von Filmen und Serien bei Apples iTunes ist nicht wirklich konkurrenzfähig. Aber dies kann sich schnell ändern. Dann werden Filme und Serien bei solchen Anbietern zu günstigen Preisen über breitbandige Internet-Leitungen gestreamt. Auch die Telekom mischt hier mit. Wenigstens hat ProSiebenSat.1 in diesem Zukunftsmarkt mit Maxdome auch ein Angebot, wenn auch eines mit sehr beschränkten Inhalten und – sagen wir mal – überdenkenswerter Nutzerführung.

Für das gute alte Free-TV bleibt nach dem derzeitigen Stand der Dinge nur noch der Reality-Trash. Harald Schmidt hat während seinem ersten Durchlauf bei Sat.1 das Wort vom “Unterschichtenfernsehen” als Synonym fürs krawallige Privat-TV populär gemacht. Wenn die Free-TV-Kanäle nicht bald ihre Programm-Probleme lösen, wird der Spruch schon bald Realität.

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