Brigitte.de im Shitstorm: “Brenn, du Hexe”

Publishing Es sollte eine launige Kolumne zum Erwachsensein werden – so zumindest war Bianka Echtermeyers harmloser Text auf Brigitte.de wohl gedacht. Es wurde ein Shitstorm, wie ihn das deutsche Web selten erlebt hat. Die Brigitte.de-Autorin echauffierte sich über Männer, die jenseits der 25 noch Skateboard fahren. Wütende Leser reagierten mit unzähligen Kommentaren, wüsten Beschimpfungen, teilweise Mordrohungen. Brigitte.de war mit dem Management des Shitstorms überfordert.

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Bianka Echtermeyer knöpfte sich in ihrer Kolumne in launigen 200 Wörtern einen Hipster vor, der nicht erwachsen werden will. Sein Problem in den Augen der Kolumnistin: Er skatet, obwohl er älter als 25 ist, vorzugsweise im "hippen St. Pauli", wohin Echtermeyer – laut Kolumne – "vom schicken Eppendorf" gezogen ist. Warum die Kolumnistin, Jahrgang 1975, das getan und was sie dort erwartet hat, bleibt ihr Geheimnis – zumindest verrät sie Lesern nichts von ihrer Motivation.

Wohl aber von ihren Problemen mit Skatern: "Das sind oft Typen, die eine schräge Pony-Frisur tragen, nie lächeln und nach der Party von letzter Nacht riechen. Am liebsten würde ich die am ergrauten Schopf packen und anschreien: "Hör auf damit! Dafür bist du zu alt."

"Wir sind erschrocken darüber, wie engstirnig so eine Reaktion ist"

Eine klare Ansage. Nun liegt der vermeintliche Reiz von Geschlechterkolumnen – man fühlt sich reflexartig an die "Schmerzensmänner" erinnert – darin, dass sie polarisieren. Vielleicht muss man Journalist oder Autor sein, um zu wissen, dass das geschriebene Ich nicht zwangsläufig den tatsächlichen Ansichten entspricht. Kolumnisten sind journalistische Rampensäue, die die Bühne nicht scheuen – tatsächlich suchen sie sie.

Entsprechend seltsam mutet es da an, wenn mitten in der Vorstellung der Vorhang fällt. Diese Entscheidung traf nämlich die Redaktionsleitung von Brigitte.de, nachdem das Publikum – in Form von wütenden Kommentaren im Rekordtempo (nach 12 Stunden waren es über 1.000) – verbal mit faulen Eiern warf. "Oh mein Gott, ich glaube, das ist der schlechteste Artikel, den ich in den letzten drei Jahren gelesen habe", lautete noch eine der freundlicheren Zuschriften. Die Negativ-Reaktionen gingen von Frotzeleien, normaler Kritik bis hin zu purem Hass, wüsten Beschimpfungen und sogar Todesdrohungen ("Verbrennt die Hexe").

So begründete die Redaktionsleitung von Brigitte.de die Löschung der Kolumne am Donnerstag Nachmittag um 15.30 Uhr mit der extrem negativen Resonanz: "Wir haben den Artikel aus dem Netz genommen. Der Autorin und Brigitte.de wird Engstirnigkeit vorgeworfen. Wir sind erschrocken darüber, wie engstirnig so eine Reaktion ist."

Bianka Echtermeyer-Fangruppen auf Facebook

Das war offenbar nicht die beste Idee. Der Shitstorm wuchs zum Orkan an. Auf Facebook und Twitter kursierte nun nicht mehr nur das Thema, sondern auch die Reaktion der Redaktion – und schnell Screenshots, die den Originaltext zeigten. Man kennt das ja: Was einmal in Internet steht…

Blogs reagierten schnell und nahmen das Thema auf – Satiren entstanden binnen Stunden. Sogar Gruppen bildeten sich auf Facebook: "Skateboarder 1 Bianka Echtermeyer" konnte innerhalb von 12 Stunden 800 Fans um sich scharen, "We love Bianka Echtermeyer" sogar 1.900 Fans – es lebe Social Media. Auf der letzteren Seite wird immerhin von den Machern der Seite angemahnt, auf Mobbing oder beleidigende Hetze gegen die Autorin zu verzichten.

Brigitte.de auf Schlingerkurs: Kolumne raus, Kolumne rein

Dass der Druck des Netzes zu stark ist, erkannte wohl irgendwann auch die Redaktionsleitung von Brigitte.de, die eine Stunde später zurückruderte: "Liebe Userinnen und User,
 unten finden Sie den kritisierten Artikel. So können Sie sich selber ein Bild machen."

Eine weitere Stunde später folgte nach der Rolle rückwärts sogar noch eine Entschuldigung: "Wir möchten uns an dieser Stelle offiziell bei Ihnen entschuldigen. Es war nicht unsere Absicht, Gefühle zu verletzen, jemanden zu beleidigen oder zu diskriminieren." Eine eher schwache Reaktion, die wahrscheinlich nicht dazu angetan ist, solche Massen-Beschimpfung in Zukunft zu vermeiden. Statt die Gelegenheit zu packen und das kontroverse Thema prominent zu diskutieren, versteckt Brigitte.de den Text nun auf einer Unterseite, mittlerweile versehen mit fünf vor- und wieder zurückrudernden Stellungnahmen und Entschuldigungen der Redaktion. Unter dem Text kann weiter kommentiert werden, über 1.400 Kommentare sind dort bisher aufgelaufen.
Liest man die kurze, harmlose Original-Kolumne, fragt man sich tatsächlich wie so ein banaler Text eine derartige Hasswelle im Netz auslösen kann. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass das Social Web auch manchmal asozial sein kann.

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