WAZ leakt geheime Bundeswehr-Dokumente

Publishing Die WAZ hat nach eigener Angabe "hunderte" geheime Papiere zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr veröffentlicht, die ihr zugespielt wurden. Bei den Dokumenten handelt es sich um so genannte "Unterrichtungen des Parlamentes", welche der Verteidigungsausschuss des Bundestages jede Woche vom Verteidigungsministerium erhält. Die Unterlagen unterliegen der untersten Geheimhaltungsstufe "VS – Nur für den Dienstgebrauch". Die WAZ ruft ihre Leser auf, bei der Sichtung der Dokumente zu helfen.

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"Die Originaldokumente erlauben erstmals einen ungefilterten Blick auf den Kriegsverlauf im deutsch kontrollierten Gebiet am Hindukusch", schreibt WAZ-Recherche-Chef David Schaven. Allerdings seien die Dokumente, die den Zeitraum 2005-2012 umfassen, zum Teil kaum lesbar. Schraven: "Trotzdem zeigen die Papiere die weitgehende Wirkungslosigkeit der bisherigen ISAF-Strategien – enthalten aber keine Informationen über ‚Einsatzverfahren und Einsatztechniken‘ der Bundeswehr, wie von der Bundeswehr behauptet."
In den geheimen Unterlagen werden auch Opferzahlen genannt, schreibt der WAZ-Journalist. Zahlen, die in den öffentlichen Berichten nicht enthalten seien. Einem Dokument zufolge seien in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 3099 Zivilisten verletzt oder getötet worden, 1145 seien gestorben. Laut UNO seien für 80 Prozent der Opfer die Aufständischen verantwortlich. ISAF-Soldaten und afghanische Sicherheitsdienste hätten etwa 310 Opfer verschuldet. "In den öffentlichen Berichten der Bundeswehr fehlen diese Zahlen. Dabei sind auch diese Angaben nicht geheim. Die UNO veröffentlicht sie im Internet", kritisiert David Schraven. Ein weiteres Recherche-Ergebnis: "Von 2007 bis 2012 verdreifachte sich die Zahl der Angriffe auf Angehörige der Koalitionstruppen."
Für die Aufbereitung der Dokumente hat sich die WAZ Hilfe von der Berliner Datenjournalismus-Agentur OpenDataCity geholt. In Zusammenarbeit entstand ein Reader, der die – teils qualitativ schlechten – Scans der Originaldokumente enthält, eine Kommentar-Funktion, sowie Transkripte der Scans. Diese wurden offenbar maschinell erstellt, enthalten zum Teil Lücken oder Textfetzen. Der Reader enthält deshalb auch eine Funktion die es den Lesern ermöglichen soll, die Transkripte zu verbessern und Orte oder Personennamen zu kennzeichnen. Dadurch soll die Recherche mit und in den Dokumenten einfacher werden.
Das WAZ-Recherche-Team setzt also auf Crowdsourcing. Das kann funktionieren, muss es aber nicht. Die Frage, wozu es ein Recherche-Team gibt, wenn die Leser die Recherche betreiben sollen, muss erlaubt sein. Vor einiger Zeit veröffentlichte die taz einen Parteispendenwatch. Auch da wurden die Leser aufgerufen, Ungereihmtheiten zu melden. Der Rücklauf war jedoch eher gering.
Vielleicht wollte die WAZ aber auch nicht zu lange warten: Heute wurde im Bundestag über das Afghanistan-Mandat abgestimmt. Die Veröffentlichung der Dokumente ist vor diesem Hintergrund ein kleiner Scoop für die Journalisten aus dem Westen der Republik. Für das erste konzentrieren sie sich daher auf das große Ganze. Ob das Recherche-Team der WAZ noch weitere Geschichten folgen lassen kann, muss sich zeigen. Derzeit nimmt man was das angeht erst einmal Wind aus den Segeln. Im Leitbeitrag zu den Dokumenten heißt es, sie enthielten "kaum unbekannte Einzelvorfälle."

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