Es lebe der Journalismus! Aber wie denn?

Die Anteilnahme war riesengroß: Die FTD ist tot, ein Jammer, die Macher haben den Journalismus gerockt, so etwa war es immer wieder zu lesen. Doch es geht natürlich immer weiter. Der Journalismus habe seine besten Tage noch vor sich, lautet die Zukunftsprognose von Springer-Chef Mathias Döpfner. So charmant die These klingt – für Journalisten dürfte sie eher nicht gelten. Die Pleite der FTD dokumentiert eindrucksvoll, wie sehr sich die Rahmenbedindungen für Journalisten verschlechtert haben.

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Die Anteilnahme war riesengroß: Die FTD ist tot, ein Jammer, die Macher haben den Journalismus gerockt, so etwa war es immer wieder zu lesen. Doch es geht natürlich immer weiter. Der Journalismus habe seine besten Tage noch vor sich, lautet die Zukunftsprognose von Springer-Chef Mathias Döpfner. So charmant die These klingt – für Journalisten dürfte sie eher nicht gelten. Die Pleite der FTD dokumentiert eindrucksvoll, wie sehr sich die Rahmenbedindungen für Journalisten verschlechtert haben.

Der Trauerreflex war absehbar: In der Stunde des Endes wird mit Größe kondoliert, von München über Frankfurt, von Düsseldorf über Berlin – das jedoch vor allem aus einer Position der Stärke. Gut, dass der Kelch an uns vorüber gegangen ist, dürfte der unausgeprochene Tenor in den Verlagsetagen der Republik gelautet haben.

Und am Morgen danach folgt der nächste Reflex – der der Aufbruchsstimmung. Die FTD ist tot, es lebe der Journalismus! So geht es eigentlich immer bei Untergängen. Es muss ja weitergehen, und wen es nicht erwischt hat, der schreibt die Geschichte nun eben weiter. Wer schreibt, der bleibt, hurra. Und es trifft in diesen Tagen ja nicht nur die Printleute von der FTD, sondern massenhaft auch die bei der Frankfurter Rundschau, bei Prinz, bei der Nachrichtenagentur dapd oder wie gestern Fernsehjournalisten bei Spiegel TV.

Sterbende Tageszeitungen: Anzeigen-Erlöse auf 60-Jahrestiefs

Das gerne verleugnete Stück Wahrheit sieht indes weit schmerzvoller aus. Der Journalismus, wie ihn die FTD zur Gründung erlebte, aber eben auch der viel zitierte "Qualitätsjournalismus", wie ihn sich die FTD-Macher bis zuletzt auf die Fahnen schrieben, hat in dieser Form keine Existenzberechtigung. Er war in Zeiten der konjunkturellen Dauerkrisen und "lousy Pennies on the web" schlicht nicht finanzierbar, wie die FTD-Führung selbst eingesehen hat.

Natürlich war auch Pech dabei: von der Internet-Blase bis zur Finanzkrise, die in der Medienbranche nie überwunden wurde – die Krise war eigentlich Dauerzustand. In den letzten Wochen hat es nun die FTD und die Frankfurter Rundschau erwischt. Spektakuläre Pleiten wie die von Vanity Fair oder Park Avenue pflasterten in Jahren zuvor den Boulevard der geplatzten Printträume. Und bei der FAZ wird dieses Jahr Geld verloren, bei der SZ ist von großen Einsparungen die Rede.

Wer immer noch an eine große Zukunft des gedruckten Wortes glaubt, kann seine These mit den Anzeigenerlösen der US-Tageszeitungen abgleichen – sie notieren auf einem 60-Jahrestief. Nicht weit davon entfernt liegt der Aktienkurs der New York Times, der vermeintlich besten Zeitung der Welt.

Haben Journalisten wirklich das Beste noch vor sich?

Nun erfolgt an dieser Stelle natürlich der Einspruch, dass es eben online weitergehe, das Medium sei egal, eine gute Geschichte sei eine gute Geschichte. Axel Springer-Vorstand Mathias Döpfer hat ihn vergangene Woche in einer kraftstrotzenden Mutmach-Suada formuliert: "Der Journalismus hat das Beste noch vor sich", so der vielsagende Titel. Das mag zwar gemessen an der journalistischen Vielfalt, die dem Leser im Netz geboten wird, künftig vielleicht sogar stimmen – kaum allerdings für den Produzenten dieser Inhalte selbst.

Das Aus der FTD taugt damit auch zum Moment der ehrlichen Bestandsaufnahme: Anders als bei anderen Berufsgruppen, deren Löhne zumindest an die Entwertung der Inflation angepasst werden, liegen die heutigen Journalistengehälter signifikant unter dem, was noch zur Jahrhundertwende gezahlt wurde.

Auf dem Markt für Freie herrscht längst Sozialdarwinismus pur: Wer im Jahr 2000 seine Dienste am Markt angeboten hat, kennt den immensen Preisverfall in der vermeintlich so spannenden Ära der Neuen Medien – es gibt wohl kaum Güter, die im vergangenen Jahrzehnt eine deutlich stärkere Entwertung erfahren haben als Artikel in den Online-Medien.

Alltag eines Journalisten 2012: Mehr schreiben, weniger bekommen

Die gerne verleugnete Wahrheit, die zum Aus der FTD keiner der Verlagschefs der Republik in den Mund nimmt, lautet eigentlich: Das Berufsbild des Journalisten, wie es noch zur Gründung der FTD um die Jahrhundertwende existierte, ist rissig geworden. Natürlich gibt es exotische Ausreißer nach oben wie Landlust. Doch die journalistischen Erfolgsstories der Gegenwart tragen, ob einem das gefällt oder nicht, charakteristischerweise andere Züge: Die Aggregatoren Huffington Post und Business Insider sind die moderne Version der Washington Post und New York Times – nur eben in einer ziemlich gewandelten Angebotsform.

Entsprechend hat sich das Tagesgeschäft des Durchschnittsredakteurs 2012 geändert: Er schreibt heute weitaus mehr als noch vor zehn Jahren, geht aber oft mit weniger Gehalt nach Hause als noch im Vergleich zur Jahrhundertwende. Das sind Aspekte, die in der Debatte um die ach so tolle Zukunft des Journalismus gern unter den Teppich gekehrt werden.

Der Druck nimmt zu

Für erfahrene Redakteure, die seit vielen Jahren dabei sind, nimmt der Druck mit Pleiten wie der FTD, die viele talentierte Kollegen auf den Markt bringt, damit weiter zu: Prestigeprojekte in diesen Dimensionen wird es kaum mehr geben, die gedruckte Tageszeitung stirbt, online geht immer billiger, kleinteiliger und jünger. Die Anzeigenmillionen werden im Print verloren, Online bleiben nur Bruchstücke davon hängen – verdient wird im Internet vor allem im E-Commerce.

Es erscheint dabei nur allzu absehbar, dass nicht alle 364 FTD-Mitarbeiter in der Branche verbleiben werden – und schon gar nicht zu den (ohnehin seit der ersten großen Kündigungswelle 2008 verschlechterten) Konditionen, die ihnen bislang noch gewährt wurden. In nur wenigen Branchen wurde der Rohstoff Arbeit in den vergangenen zehn, zwölf Jahren so stark entwertet wie im Journalismus.
Als Option bleibt etlichen am Ende dann oft nur die Gegenwelt, die im vergangenen Jahrzehnt einen einzigartigen Boom erlebte – die Welt der PR. Das Verhältnis zwischen den beiden inhaltlich verwandten Branchen, zwischen PR-Beratern und Journalisten, gleicht inzwischen der Szenerie, die man aus manchen Qualitätsrestaurant kennt: Es gibt mehr Kellner als Gäste.

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