Ölige Weihnachten: News, die keiner will

Publishing Kurz vor dem 1. Dezember meldet die Stiftung Warentest, dass in allen 24 von ihr getesteten Schoko-Adventskalendern Öl-Rückstände gefunden wurden, einige davon krebserregend. Der ganz große Aufschrei bleibt aber aus. Der Bild-Zeitung ist der Schoko-Schock vorm Fest keine Seite-1-Meldung wert, Tagesschau und heute berichten in ihren Haupt-Ausgaben nicht. Der Lebensmittel-Skandal scheint Medien und Verbraucher erstaunlich kalt zu lassen.

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Einige Zeitungen, wie etwa die Hamburger Morgenpost, reagieren auf die Erkenntnisse der Stiftung Warentest, wie man es erwarten würde: Große, alarmistische Schlagzeile – “Vorsicht, Gift im Adventskalender!” Bei der Bundesausgabe von Bild schafft es das Öl im Adventskalender dagegen nicht einmal als kleine Meldung auf die Seite 1. Hätte so direkt neben der Lidl-Anzeige (“Weihnachten für die Sinne”) vielleicht auch nicht schön hingepasst. Immerhin waren auch die Schoko-Stückchen des getesteten Lidl-Adventskalenders mit Mineralöl belastet.

Erstaunlich aber auch, dass die ölverseuchten Adventskalender den öffentlich-rechtlichen Nachrichten-Hauptausgaben von “Tagesschau” und “heute” keine Erwähnung wert waren. Die stehen ja nun wirklich nicht im Verdacht, mit der Schoko-Kalender-Industrie unter einer Decke zu stecken. Und auch im notorisch reizbaren Internet hielt sich die Aufregung um das Öl im Adventskalender in Grenzen. Hier und da ein laues Twitter-Witzchen (“Ab dem wievielten Türchen muss man eigentlich mit dem Adventskalender zum Ölwechsel? ” schrieb Twitter-Nutzer @mahatmapech) – das war es auch schon.

Möglicherweise liegen die Medien, die sich in Sachen Öl im Kalender in Zurückhaltung übten, sogar näher beim Konsumenten als man denkt. Denn: Wollen wir das wirklich wissen? Wollen wir wissen, dass wir unsere Kinder krebserregenden Substanzen aussetzen, wenn wir sie ein Stückchen Schokolade aus dem Adventskalender naschen lassen? Müssen wir jetzt unseren Kindern (und uns!) die bereits gekauften Adventskalender wegnehmen und sie in den Mülleimer schmeißen? Tut mir leid, mein Sohn, aber die Schokolade, die wir Dir über Jahre hinweg kurz vor Weihnachten aus dem Adventskalender gegeben haben, die ist leider mit Öl verseucht und krebserregend.” Was denkt denn da das Kind?

Es fällt schwer, sich ein harmloseres und unschuldigeres Produkt vorzustellen, als den Adventskalender. Und auch der hat jetzt seine Unschuld verloren. Schlimm genug, dass urbane Naturburschen erst neulich von Greenpeace erfahren mussten, dass die hübschen, bunten Outdoor-Jacken auch fast alle mit Giftstoffen belastet sind und nicht nur die eigene Gesundheit gefährden, sondern die Natur, durch die man mit ihnen stapft, gleich mit den Bach runtergehen lassen.

Das Schlimme ist: Es hört bei den Outdoor-Jacken und den Adventskalender ja nicht auf. Man liest ein bisschen mehr zur Thematik und lernt schnell, dass auch in Reis-, Nudel- und Haferflocken schon Mineralöl-Rückstände gefunden wurden. Die sind, genau wie bei den Kalendern, von mineralölhaltigen Farben auf den Verpackungen in die Lebensmittel reindiffundiert. Das Zeug ist anscheinend überall, was nützt es da, wenn man sich groß aufregt? Ein Kommentator schreibt im Internet, dass man beim Stehen an einer viel befahrenen Straßenkreuzung mehr krebserzeugende Abgase einatmet, als beim Verzehr von zehn Schoko-Adventskalendern am Stück. Alles eine Frage der Perspektive.

Unterdessen sind die Gegen-PR-Maßnahmen der Adventskalender-Lobby angerollt. Die eine Firma nimmt ihre Produkte vom Markt (die waren anscheinend auch besonders schlimm). Andere zweifeln an den Ergebnissen der Stiftung Warentest und behaupten einfach mal, dass da schon keine Gesundheitsgefährdung sei. Man hat das Zeug ja schon jahrelang gefuttert und was ist passiert – nix. Na bitte! Aber ach, es fehlt der Glaube an die Adventskalender-Industrie. Die Stiftung wird schon Recht haben. Die haben bisher noch jeden Rechtsstreit gewonnen, sogar gegen die Uschi Glas, die wegen ihrer komischen Hautcreme geklagt hatte, von der man fiese Pickel bekam.

Und nun? Die Stiftung Warentest rät, bei den nur so ein bisschen verseuchten Adventskalender den Verzehr auf ein Schokostückchen pro Tag zu begrenzen. Toller Rat! Da fühlt man sich gleich viel besser. Da schmeissen wir doch lieber die gerade gekaufte 600-Euro-Outdoorjacke weg (schlecht für die Umweltbilanz aber was soll man machen) und entsorgen auch den geliebten Industrie-Adventskalender mit der Billig-Schoki im Müll, damit die Kinder wenigstens nicht gleich Krebs kriegen, sondern erst nachher.

Anschließend wird daheim unter viel Gefluche und Zähneknirschen ein Adventskalender selbst gebastelt. Mit Jutesäckchen und von Hand befüllt. Aber Vorsicht! Wer sagt denn, dass das kleine Spielzeug oder der Schoko-Nikolaus, den wir da gerade ins Säckchen stecken vor seiner Formwerdung nicht in derselben Riesen-Schüssel mit Kalender-Schmelzschokolade war, in die das Maschinenöl vom Rührwerk reingetropft ist? Die Stiftung Warentest hat schon Recht, wenn sie kurz vor Weihnachten vor der Öl-Sauerei im Adventskalender warnt. Die Leute von der Stiftung sind ja auch nur die Überbringer der schlechten Nachricht, die uns Weihnachten versaut. Die Schurken sind die Firmen, die Maschinenöl in die Schokolade tropfen lassen und die die lustigen Weihnachtsmarkt-Motive mit giftiger Mineralölfarbe auf die Recycling-Pappe schmieren lassen. Und auf die Reis-Packung. Und auf die Jacken. Und auf weiß Gott noch alles. Man kann darauf vernünftigerweise wahrscheinlich gar nicht anders reagieren, als mit einem Witz, wie dem vom Ölwechsel für den Adventskalender bei Twitter. Insofern haben Bild, “Tagesschau” und “heute” womöglich alles richtig gemacht. Einfach weglassen die Miesmacher-Meldung. Bringt eh nix und sterben müssen wir allen irgendwann an irgendwas. Frohe Weihnachten und guten Appetit.

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