Frank Schirrmachers Online-Wutanfall

Publishing Frank Schirrmacher holt in der jüngsten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zum großen intellektuellen Aufschlag in Sachen “Zukunft des Journalismus” aus. “Das heilige Versprechen” ist sein Stück überschrieben. Darin rechnet er ab mit den Propheten des Web2.0, mit den Giganten der Internet-Industrie und mit seinem Kollegen Wolfgang Blau, dem Noch-Chefredakteur von Zeit Online. Am Ende bleibt von Schirrmachers Web-Wut nicht viel mehr übrig als Gejammer.

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Der habe bei Zeit Online “niemals auch nur eine halbschwarze Zahl” geschrieben, aber von der Marke gelebt, “deren materiellen Grundlagen er permanent in Frage stellt”, wütet Schirrmacher. Nun reise Blau durch die Lande als “Wiedergeburt des Neoliberalen”. Ein erstaunlicher Vorwurf von einem FAZ-Herausgeber, aber das nur am Rande. Was vor allem verwundert an Schirrmachers wortmächtiger Analyse ist der Fokus aufs Ökonomische. Sein zentraler Vorwurf an die Vordenker des Web ist, dass die versprochenen Segnungen des Mitmach-Internets wirtschaftlich allesamt gescheitert seien, nicht funktionierten. “Wo ist der neue Pulitzer, Augstein, Suhrkamp? Wer hat profitiert? Wo gibt es das Blogger-, Startup-, Nachrichten- oder Kommunikationsmodell, das auch nur ansatzweise funktioniert?” Der Grimme-Online-Preis so Schirrmacher, sei “ein Kataster hochinteressanter, aber meist ökonomisch total erfolgloser geistiger Kleinfabriken.”

Umgekehrt sind dem FAZ-Mann die erfolgreichen Internet-Unternehmen auch nicht Recht: “Unternehmensgiganten, die ungefragt Bücher vom Lesegerät löschen (Amazon), die Buchtitel oder Zeitungsinhalte zensieren (Apple, Facebook) oder in ihren Suchergebnissen die eigenen Produkte bevorzugen, weil sie sich selber als Medien verstehen (Google).” Wobei er gerade im letzten Punkt (Google) für einen publizistischen Großdenker reichlich unreflektiert die Lobby-PR seiner Branche ohne jeden Beleg wiederkäut.

Fassen wir zusammen: Auf der einen Seite haben wir also wirtschaftlich total erfolglose Blogger und Konsorten. Auf der anderen Seite die gnadenlose Großkonzerne, die sich in der Schirrmacher’schen Weltsicht nun auch noch dazu aufschwingen, in die Hoheitsgebiete der Verlage einzufallen: “Ein auf Medienökonomie spezialisiertes Portal findet es mittlerweile nicht schlecht, wenn Konsumhersteller ihre eigenen Nachrichtenseiten produzieren: Dann kenne man wenigstens die Interessenkonflikte. Wir freuen uns schon, wenn Apple über die Arbeitsbedingungen in China berichtet oder Coca-Cola über die Segnungen der Globalisierung.”

Wen oder was er mit “ein auf Medienökonomie spezialisiertes Portal” meint, wird nicht klar – mit Quellenangaben hatte die FAZ es noch nie. Mit dem “Konsumhersteller” meint Schirrmacher wahrscheinlich Coca Cola. Der Brause-Fabrikant hat seine internationale Firmen-Website zu einem Entertainment- und Lifestyle-Portal umgebaut. Da schwingt schon wieder der Untergang des publizistischen Abendlandes mit: kleine Blogger bemühen sich zwar, sind jedoch nicht relevant und können von ihrem Geschreibsel nicht leben. Die bösen Großkonzerne killen mit ihrem Kommerzjournalismus die unabhängige Berichterstattung. Aber abgesehen davon, dass Apple nirgendwo Ambitionen zeigt, ins Mediengeschäft einzusteigen (genausowenig wie Google im übrigen) – wie ist es denn mit der unabhängigen Berichterstattung der FAZ bestellt? Da hat die Welt ja gerade jüngst enthüllt, wie sich ein Wirtschafts-Redakteur der FAZ vom Stahlkonzern ThyssenKrupp Fünf-Sterne-mäßig hofieren und kutschieren ließ, um anschließend watteweiche Lobhudel-Berichte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu schreiben.

Aber egal. Schwamm drüber. All dies sind nur kleinen Ungereimtheiten und Auslassungen im großen und schiefen Bild, das Frank Schirrmacher da zeichnet. Das Grundproblem seiner Analyse ist die Perspektive. Schirrmacher analysiert als FAZ-Herausgeber im wahrsten Wortsinne von oben herab, in selbstherrlicher Manier auf dem Thron des Print-Journalisten sitzend. Online-Medien wie Zeit Online (die sich wirtschaftlich nach allem, was man weiß auf ordentlichem Kurs befinden und gar nicht weit weg sind von schwarzen Zahlen) spricht er mal eben das wirtschaftliche Existenzrecht ab. Profitable Online-Medien wie Spiegel Online oder Bild.de erwähnt er gar nicht. Ebenso unerwähnt bleibt, dass es durchaus Formen der Internet-Publikation gibt, die es qualitativ mit Print-Journalismus aufnehmen können, diesen bisweilen sogar ausstechen. Beispielhaft seien hier das politische Blog Sprengsatz von Michael Spreng erwähnt oder das Wirtschaftsblog "Die wunderbare Welt der Wirtschaft" von Egghat. Die Texte dort sind oft tiefgehender, pointierter und vor allem viel verständlicher, als so manches im Politik- oder Wirtschaftsteil der FAZ. Womit nicht gesagt sein soll, dass im Umkehrschluss zu Schirrmachers Thesen gilt, dass alles im Web toll ist und alles in der FAZ Mist.

In der FAZ gibt es gleichermaßen tolle Texte und Blödsinn, genauso im Web. Die FAZ hat nur den Vorteil, dass sie eine alte Zeitung ist. Mit Abonnenten, die viel Geld bezahlen, auch wenn sie die Zeitung über viele Ausgaben aus Zeitmangel hinweg gar nicht lesen. Mit teuren Anzeigen, von denen die werbetreibende Industrie nicht genau weiß, wen sie damit eigentlich exakt erreicht und was das am Ende bringt.

Fluch und Segen des Internets ist die gnadenlose Messbarkeit sowohl der Inhalte als auch der Werbung. Im Internet weiß jeder Autor, wie viele Leute seinen Text angeschaut haben. Im Internet weiß der Werber, wer seine Anzeige angeklickt hat und im Zweifel auch noch, wer dann bei ihm tatsächlich was gekauft hat.

Das ist einer der Haupt-Gründe der Zeitungskrise: Die Anzeigen im Internet sind messbar, haben eine echte Qualitätskontrolle eingebaut. Und die Industrie ist in zunehmendem Maße nicht länger bereit die vielfach hohen (überhöhten?) Preise für Print-Anzeigen zu zahlen. Laut Zeit wird die FAZ in diesem Jahr wieder einmal rote Zahlen schreiben. Die Erkenntnis hinter dem wutschnaubenden Gejammer des Frank Schirrmacher lautet: Die Online-Medien sind heute schon da, wo die Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen in ein paar Jahren auch sein werden.

Was wirklich hilfreich wäre für den mittlerweile schon fast zu Tode debattierten “Journalismus der Zukunft”: Statt wirrer, wütender Worte ein paar interessante Initiativen oder Projekte zum Beispiel auch der Frankfurter Allgemeinen Zeitungen zu neuen Formen des Journalismus. Vielleicht wäre es ein klitzekleiner Anfang, wenn die FAZ es mal hinbekommen würde, dass man das Kreuzworträtsel in ihrer iPad-App benutzen kann. Im Zweifel wird die “Zukunft des Journalismus” nämlich durch Taten bestimmt. Und nicht durch Sonntagsreden.

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