Aufstieg und Fall der Wirtschaftspresse

Publishing Mit dem Ende der Financial Times Deutschland und dem geplanten Verkauf der Magazine Impulse und Börse Online verabschiedet sich Gruner + Jahr fast komplett aus dem Segment der Wirtschaftspresse. Lediglich Capital und das vierteljährliche Business Punk will man weiterführen. Eine Entwicklung, die bezeichnend ist für eine Branche, die im Jahr 2000 durch den Börsen-Hype einen unglaublichen Boom erlebt hat und sich nach dem Absturz nie richtig erholt hat.

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Es waren Monate, die in Romanen oder Hollywood-Filmen nicht anders erzählt worden wären: der Börsenboom der Jahre 1999 und 2000. Leute, die damals nicht schon in einer direkt oder indirekt betroffenen Branche arbeiteten, werden Berichte kaum glauben können. Innerhalb weniger Monate stiegen Börsenkurse insbesondere von Technologieunternehmen in unglaublich unrealistische Höhen, sorgten dafür, dass zahllose Kleinanleger und Laien ihr Hab und Gut in Aktien investierten. Und: Sorgten dafür, dass diese Anleger für Tipps zu Wirtschaftszeitungen und -zeitschriften griffen.

Das Jahr 2000 wurde dadurch für die deutsche Wirtschaftspresse zum erfolgreichsten Jahr ihrer Historie – zu einem Jahr, dass wohl für alle Zeiten einzigartig bleiben wird. Insbesondere das erste Quartal 2000, in dem die Börsenkurse ihr Hoch erreichten und an dessen Ende der Absturz eingeleitet wurde, ließ die Auflagen der Medien unglaubliche Rekordwerte erreichen. Ein Blick zurück auf die IVW-Daten von damals (genannt sind die aktiven Käufer aus den Kategorien Abo und Einzelverkauf):

– Börse Online: 342.154 Abos und Kiosk-Käufer
– Capital: 239.289
– Guter Rat: 196.484
– Euro am Sonntag: 176.889
– DM: 158.352
– Geldidee: 158.015
– Wirtschaftswoche: 152.375
– Der Aktionär: 138.394
– Bizz: 116.894
– Finanzen: 113.045
– Impulse: 103.657
– manager magazin: 94.406

Insgesamt verzeichnete die IVW im ersten Quartal 2000 für die am Kiosk erhältlichen Magazine der Wirtschaftspresse sage und schreibe 2,5 Mio. Käufer pro Ausgabe. Hinzu kamen 152.745 Leute, die täglich per Abo oder am Kiosk mit dem Handelsblatt versorgt wurden. Auch das ein Wert, der nie wieder erreicht werden sollte. Auf genau diesem Höhepunkt des Börsen-Hypes, am 21. Februar 2000, kam die Financial Times Deutschland auf den Markt. Ein Zeitpunkt, der im Nachhinein kaum unglücklicher hätte sein können. Denn: Schon im zweiten Quartal 2000 begann der Zusammenbruch der Auflagen fast aller Titel.

Zwölfeinhalb Jahre später, im dritten Quartal 2012, sieht es bei der IVW mittlerweile so aus:

– Guter Rat: 134.587 Abos und Kiosk-Käufer
– Wirtschaftswoche: 98.906
– manager magazin: 69.442
– Capital: 65.384
– brand eins: 62.682
– Focus Money: 56.354
– Euro: 54.559
– Impulse: 45.010
– Börse Online: 29.290
– Der Aktionär: 21.042
– Euro am Sonntag: 21.033
– Harvard Business Manager: 20.477

Verkauften sich damals noch elf Genre-Vertreter mehr als 100.000 mal per Abo und Kiosk, ist es jetzt nur noch eins – mit Guter Rat auch noch eins, dass eher als Verbrauchermagazin gewertet werden muss und nicht als Wirtschafts- oder Anlegermagazin. Die Zahl der aktiven Käufer ist von den 2,5 Mio. auf 760.000 gefallen. Mehr als 1,7 Mio. Käufer gingen dem Segment verloren. Hinzu kamen im dritten Quartal 2012 noch 86.274 aktive Handelsblatt-Käufer und 44.731 FTD-Käufer. Zusammen also weniger als die 152.745, die das Handelsblatt damals allein erreichte. Vor allem Börse Online, dass nun per Verkauf gerettet werden soll, verlor übrigens dramatisch: Von den damals mehr als 340.000 Käufern ist nicht einmal ein Zehntel übrig geblieben. Zusammen mit den Zahlen von Focus Money, Der Aktionär und Euro am Sonntag zeigt sich, dass es inzwischen wohl eher zu viele als zu wenige Anlegermagazine gibt.

Relativ glimpflich davon gekommen sind hingegen hintergründige Magazine wie die Wirtschaftswoche und das manager magazin. Auch sie verloren zwar deutlich an Zuspruch, kämpften sich durch die größeren Verluste der Konkurrenz allerdings auf die Plätze 2 und 3 des Segments vor. Die erfreuliche Entwicklung von brand eins, das 2001 mit 20.465 Abos und Einzelverkäufen in die IVW gekommen ist und inzwischen bei 62.682 Exemplaren angelangt ist, zeigt zudem, dass Platz ist für Wirtschaftsmagazine. Nur eben nicht mit Massenmarkt-Ansprüchen, sondern für eine kleinere, aber feinere Zielgruppe.

Dass die Probleme, die Gruner + Jahr mit ihren Titeln hatte, glücklicherweise eben nicht auf das komplette Segment übertragbar sind, zeigt sich auch in der kurzfristigen Entwicklung der vergangenen 12 Monate. So büßte Capital zwar seit dem dritten Quartal 2011 8,2% der Abos und Kiosk-Käufer ein, die FTD 8,9%, Impulse 12,9% und Börse Online sogar 19,5%, doch für brand eins ging es im selben Zeitraum um satte 10,5% herauf, für Focus Money um 2,2%, für das Handelsblatt um 2,1% (um die neu zum Verkauf gezählten ePaper bereinigt immerhin um 0,7%) und für die Wirtschaftswoche um 0,4%. Zwar bescheinigt der Werbemarkt den Titeln trotzdem weiterhin rückläufige Zahlen, doch trotz der Misere bei Gruner + Jahr und dem Niedergang seit dem Jahr 2000 ist klar: Am Ende ist die deutsche Wirtschaftspresse eindeutig noch nicht.

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