Der riskante Rettungsplan für dapd

Publishing 100 Stellen sollen bei der zahlungsunfähigen Nachrichtenagentur dapd gestrichen werden. Von insgesamt 300 Stellen bei acht insolventen Firmen. Ein Abbau von einem Drittel ist viel – könnte aber angesichts des harten Marktes für Agenturjournalismus noch zu wenig sein, um den Fortbestand des Dienstes dauerhaft zu sichern. Die Ansage, dapd solle eine Vollagentur bleiben, klingt zudem ambitioniert oder abenteuerlich – je nach Perspektive. Derweil hat mit Michael Cremer ein weiterer Agenturprofi dapd verlassen.

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Vor Bekanntgabe des Sanierungsplans am Montag war unklar, wie die künftige Positionierung der Agentur aussehen sollte. Und Fragen bleiben auch weiterhin. Eine Vollagentur mit 200 Mitarbeitern, die weiterhin das Ziel erfolgt, dpa Konkurrenz zu machen? Theoretisch war und ist dieser Ansatz richtig in einer Zeit, in der vor allem Medienkunden, die noch den Hauptumsatz bringen, sparen und sich auf eine Agentur statt mehrerer konzentrieren müssen. Doch das Beispiel dapd hat gezeigt, dass es allein mit dem Ansatz "Klotzen statt Kleckern" nicht geht – und unter Dumpingpreisen, zu denen dapd teilweise seine Leistungen anbot, der gesamte Markt zu leiden hatte. Stichwort: Abwärtsspirale.

Darum wäre es möglicherweise vernünftiger, dapd wie die Vorgängeragentur ddp oder die Wettbewerber AP (dessen Deutschland-Angebot ddp übernahm und so zu dapd wurde) und AFP komplementär, also ergänzend zu dpa zu positionieren. Gewissermaßen einen Schritt zurück zu nehmen, beziehungsweise zur Seite. Die Lücke in der Kundenachfrage zu finden dürfte nicht leicht sein, ist aber die einzige Überlebenschance für die Agentur. Und auch wenn es hart klingen mag – ein Abbau von 100 Stellen bedeutet im Fall von dapd einen Abbau von nur 100 Stellen. Der Satz aus der Pressemitteilung der vom Insolvenzgeschäftsführer engagierten Kommunikationsagentur Hering Schuppener klingt dagegen viel zu sehr nach "Weiter so, aber irgendwie anders": "Die dapd wird sämtliche Dienste fortführen und diese in Zukunft noch stärker als bisher an die Anforderungen der digitalisierten Nachrichtenwelt anpassen, um ihren Kunden ein attraktives Serviceangebot zu bieten."

Um so fraglicher scheint diese Strategie vor dem Hintergrund, dass eine Reihe von Kunden der dapd von Sonderkündigungsrechten Gebrauch gemacht haben soll. Vor allem die Kündigung der WAZ-Gruppe ist inmitten des Abwärtsstrudels, in den die dapd durch die "Zahlungsunwilligkeit" (taz) der ehemaligen Eigentümer Peter Löw und Martin Vorderwülbecke geraten war, ein schwerer Schlag. Natürlich ist es möglich, dass die Kunden, die der dapd vorsorglich gekündigt haben, nur auf noch bessere Konditionen hoffen. Aber auch das ist freilich keine gute Nachricht für dapd.

Die gute Nachricht in der Pressemitteilung lautete, dass dapd laut Insolvenzgeschäftsführer Wolf von der Fecht – der übrigens in seiner Strategieerklärung noch keinen Nachfolger für die Zeit nach der Restrukturierung verkündete – weiterhin AP-Dienste anbieten werde. Also: den kompletten Text- und Foto-Auslandsdienst der Associated Press. Dem Vernehmen nach soll Fecht mit AP-Chef Gary Pruitt vor kurzem in New York verhandelt haben. Ergebnis unklar. Klar ist indes: Sollte AP – selber schwer in Turbulenzen – zu der Ansicht gelangen, dass eine Pleite-Agentur dem AP-Ruf eher schadet, dann könnte die Agentur ihren Betrieb vermutlich sofort einstellen. Ist der Entzug der Lizenz eine Option für AP? Schwer zu sagen – das hängt davon ab, ob und welche Interessenten es für diese Lizenz sonst noch gibt.

Ein Mann, der mit einigem Aufwand an Bord von dapd geholt wurde und dem Unternehmen eigentlich gute Dienste in einer schweren Lage hätte erweisen können, ist indes nicht mehr dabei: Michael Cremer hat die Agentur Ende Oktober verlassen. Nach nur vier Monaten. Er kam vom Sport-Informationsdienst (SID), den er als Geschäftsführer durch schwere Zeiten geführt hatte. Bei dapd fing er als Chef der Europaexpansion an – nach der Insolvenz wäre er eigentlich ein guter Kandidat für das Sanierungsteam gewesen.

Cremer war offenbar bei der dapd Holding – die sich in HQTA umbenannt hat – angestellt. Wie weitere Spitzenkräfte, die wie Cremer die Agentur verlassen, darunter etwa der Technikchef Stefan Altenkamp. Auch diese Flurbereinigung in der Holding ist ein deutliches Zeichen, dass sich die Investoren Löw und Vorderwülbecke vermutlich komplett vom Agenturgeschäft abwenden wollen. Auch in weiteren, nicht von der Insolvenz betroffenen HQTA-Firmen soll es Kündigungen gegeben haben. Wenn die Gesellschafter auf versierte Leute offenkundig verzichten wollen, die sie zuvor mit großem Tamtam angeworben haben, dann spricht das nicht für ihren Glauben an die Newsbranche. Die bedenkliche Entwicklung bei der französischen Nachrichtenagentur SIPA bestätigt diese Vermutung ebenfalls.

Die französische Zeitung Le Monde enthüllte am Dienstag ein interessantes Detail, was den geplanten Aufbau der AFP-Konkurrenz SIPA durch die dapd-Eigentümer angeht. Wie in Deutschland hatte AP die defizitäre Tochteragentur an die Investoren abgegeben. Nun heißt es in dem Le Monde-Artikel, AP habe zugesichert, über drei Jahre insgesamt drei Millionen Euro für den Aufbau von SIPA Press zu überweisen und damit einen Großteil der Anlaufinvestitionen zu übernehmen. Quasi, um nicht als Totengräber von AP Frankreich dazustehen. Am vergangenen Freitag hieß es nun vom SIPA-Chef, die Eigentümer hätten offenbar die Lust an der Agentur verloren. Unschwer lässt sich daraus ablesen, dass die Franzosen auf der Suche nach Investoren sind – wie die deutschen Kollegen auch. Ob und wann sie die verhandelten Millionen bekommen? Unklar.

Wird bei dapd alles gut ausgehen? Wolf von der Fecht will Optimismus verbreiten, wo intern weitgehend verbrannte Erde hinterlassen wurde. Ein schwerer Job. Nachrichten wie die vom Spiegel verkündete "weitgehende" Einstellung des Sportdienstes, von denen die Mitarbeiter selber noch gar nichts wussten, stärken die Moral nicht. Ebensowenig sind andere Maßnahmen hilfreich: So wurde laut Augenzeugen in der vergangenen Woche ein Plakat mit dem Logo der Agentur abgenommen, das direkt neben dem Büro an einer Brücke zu Imagezwecken befestigt war. Eine wenig verheißungsvolle Symbolik.

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