Weisband vs. Spiegel – die neue Offenheit

Publishing Im Zitate-Streit zwischen der Piraten-Politikerin Marina Weisband und dem Spiegel ist unklar, wer die Wahrheit sagt, ob ihre Zitate im aktuellen Spiegel autorisiert waren oder nicht. Allerdings zeigt der Fall, wie Medien durch das Social Web zu einer bisher nicht gekannten Offenheit in der Debatte gezwungen werden. Der aktuelle Fall Marina Weisband ist nicht das erste Mal, dass online die Berichterstattung von Medien in Frage gestellt wird. Der Spiegel hat zumindest begonnen, daraus zu lernen.

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Vor ein paar Jahren noch wäre eine öffentliche Debatte darüber, ob ein paar Zitate in einem Spiegel-Artikel korrekt autorisiert oder aus dem Zusammenhang gerissen wurden, undenkbar gewesen. Das klassische Medium saß am längeren Hebel. Journalisten und Redakteure waren die Kontrolleure der Berichterstattung. Uneingeschränkt. Marina Weisband hätte sich in der alten Medienwelt vielleicht bei der Redaktion beschweren können, wenn sie das Gefühl gehabt hätte, falsch zitiert worden zu sein. Sie hätte eine Gegendarstellung durchsetzen können. Beides hätte relativ lange gedauert – mit ungewissem Ausgang.

Nicht so im Zeitalter von Social Media. In Sachen Aufmerksamkeit und Reichweite hat der große Spiegel in der hier relevanten Zielgruppe (Menschen, die sich dafür interessieren, ob Martina Weisband ein Piraten-Comeback anstrebt oder nicht) ein ebenbürtiges Gegenüber. Marina Weisband hat ihre Sicht der Dinge schnell und ausführlich nach der Veröffentlichung des Spiegel-Artikels und einer Zusammenfassung bei Spiegel Online in ihrem eigenen Weblog “Marinas Lied” dargelegt. Dieser Blog-Artikel wurde dort bisher fast 300 mal kommentiert, 19 mal mit Pingbacks versehen und 61 mal “geflattered”. Flattr ist ein Social-Payment-Tool, mit dem man den Autoren eines Beitrags eine finanzielle Unterstützung zukommen lassen kann. Auch bei Twitter erreichte der Blog-Beitrag eine enorme Reichweite und unzählige Reaktionen und Kommentare. Alleine Marina Weisband hat bei Twitter über 34.000 Follower. Es dauerte nicht lange, bis Online-Medien (u.a. auch MEEDIA) über das Thema berichteten.

Der Rechtsanwalt und Piraten-Mitglied Markus Kompa versammelte in seinem Weblog eine Reihe von Vorfällen, die belegen sollen, dass Merlind Theile schon des öfteren unsauber im Spiegel zitiert hat. Das Onlinejournalismus-Blog erinnert in dem Zusammenhang an einen Bericht des Spiegel über eine Reise der CSU-Abgeordneten Dagmar Wöhrl, der von dieser auf ihrer Website ausführlich konterkariert wurde. Es baute sich eine Welle auf im Web. Auf diese Weise entstand im aktuellen Fall ein öffentlicher Druck auf den Spiegel, zu reagieren.

Am Montagnachmittag dann reagierte die Autorin des Spiegel-Artikels, Merlind Theile, dann auch mit einem umfangreichen Text im Spiegel-Redaktionsblog und wies die Vorwürfe von Marina Weisband von sich. Gleichzeitig setzte Merlind Theile ihren ersten Tweet bei Twitter ab und verwies im Social Web auf ihre Replik. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bei Twitter noch überschaubare 48 Follower. Einen Tag später folgen ihr bereits 320 Menschen. In Sachen Social-Media-Reichweite hinkt die Spiegel-Autorin noch gewaltig hinter Martina Weisband her – aber sie hat zumindest damit begonnen aufzuholen. Unabhängig davon, ob man nun Frau Weisband oder Frau Theile im Zitate-Streit Glauben schenkt (der Spiegel wäre glaubwürdiger gewesen, hätte man den Mailverkehr rund um die Autorisierung mit veröffentlicht). Mit Hilfe des Social Web war der Spiegel gezwungen, sich umfassend zu erklären. Das war noch bis vor kurzem keineswegs selbstverständlich.

Dass man beim Spiegel mittlerweile die Notwendigkeit sieht, sich ausführlich zu solchen Vorwürfen zu äußern, zeigt das noch recht junge Spiegel-Redaktionsblog. Für Fälle wie diesen ist dieses Blog wie geschaffen und dürfte ruhig auch noch ein wenig prominenter auf der Homepage verlinkt werden. Blogs, Twitter und Facebook sorgen so ein Stück weit dafür, dass eine Waffengleichheit zwischen Medien und den Objekten ihrer Berichterstattung hergestellt wird. Das mag anstrengend sein für die Journalisten – ist aber generell eine begrüßenswerte Entwicklung.

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