Bertelsmann-Story: das verräterische Fax

Publishing Die Frankfurter Rundschau hat am heutigen Mittwoch unter der Überschrift “Schlechte Zeiten, gute Zeiten” ein Stück veröffentlicht, das die Affäre um den zurückgetretenen G+J-Chef Bernd Buchholz in einem neuen Licht erscheinen lässt. Ganz offenbar waren Bertelsmann-Patriarchin Liz Mohn und die oberste Bertelsmann-Führungsebene vorab via Fax über den Artikel und die Enthüllungen des manager magazins informiert, der zu Buchholz’ Rücktritt führte.

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Der Autor des FR-Stücks ist Thomas Schuler. Der freie Journalist und Autor hat bereits zwei Bücher über den Medienkonzern aus Gütersloh geschrieben (“Die Mohns” 2004, “Bertelsmannrepublik Deutschland” 2010) und gilt als intimer Kenner des Hauses. Offenbar hat Schuler ein Fax vorliegen, das von Karin Schlautmann, der Bertelsmann-Kommunikationschefin, an Liz Mohn, Aufsichtsratschef Gunter Thielen, seinen Nachfolger Christoph Mohn und Vorstandschef Thomas Rabe adressiert war.

In dem zweiseitigen Fax beschreibt Schlautmann offenbar detailliert die Aufmachung und den Inhalt jener manager-magazin-Story, die zu großen Verwerfungen bei Gruner + Jahr und letztlich dem Rücktritt von Bernd Buchholz als Bertelsmann-Vorstand und G+J-Chef führte. Im Fax von Karin Schlautmann wurden offenbar auch explizit jene Stellen des mm-Artikels angesprochen, bei denen Buchholz besonders hart kritisiert wird. D.h., Rabe, Liz Mohn, ihr Sohn Christoph, Thomas Rabe und Gunter Thielen ließen Bernd Buchholz kommunikativ ins offene Messer laufen. Schuler schreibt in der FR: “Das zweiseitige Fax gibt Einblick, wie Bertelsmann seinem Zeitschriftenvorstand Buchholz Informationen vorenthielt, weil es den eigenen Interessen diente. Und auch die Jahrs ließen ihn im Dunkeln. In diesem doppelten Verrat liegt der Grund für den Abgang von Gruner + Jahr Chef Bernd Buchholz.”
Bernd Buchholz erfuhr dem Vernehmen nach erst am Donnerstag, dem 23. August, aus der E-Paper-Ausgabe des manager magazins von den Übernahme-Absichten Bertelsmanns und der Kritik an seiner Person. Die Bertelsmann-Führungsriege hatte es offensichtlich nicht für nötig befunden, ihren Informations-Vorsprung mit ihrem Top-Manager zu teilen.  
Aber wie kamen die Top-Bertelsmänner- und -frauen überhaupt vor Veröffentlichung an den manager-magazin-Artikel? Immerhin wusste die Bertelsmann-Kommunikationschefin alle wesentlichen Details und war sogar über die optische Aufmachung des mm-Artikels im Bilde. Ein Vorgang, der zumindest ungewöhnlich wirkt. Nun, das manager magazin (das ja über den Spiegel-Verlag über Ecken auch zum Bertelsmann-Reich gehört) wird bei der Bertelsmann-Tochter Mohn Media in Gütersloh gedruckt. Die Bertelsmänner saßen sozusagen direkt an der Quelle. Allerdings wäre es ein eklatanter Vertrauensbruch, hätte das Druckhaus, die Holding vor dem Erstverkaufstag mit den Inhalten des brisanten Artikels versorgt.
Bertelsmann und das manager magazin haben sich bislang zu den in der Frankfurter Rundschau geschilderten Vorgängen noch nicht geäußert.
Die FR spekuliert auch, dass die Interna, über die das manager magazin berichtete, von Bertelsmann selbst durchgestochen worden sein könnten, um den Marktwert von G+J zu drücken und die damals noch laufenden Verhandlungen mit den Jahrs zu beschleunigen. Schuler schreibt: “Diese Vermutung liegt nahe, ist aber nicht bewiesen.” Diese Spekulation veröffentlichte Thomas Schuler vor dem FR-Artikel bereits in der jüngsten Ausgabe des medium magazins. Dort schrieb er unter der Überschrift “Das Schachern am Baumwall”, dass es naheliegend sei, dass das manager magazin bewusst von Bertelsmann genutzt worden sei, um den Verlag G+J schlecht zu reden. Auch MEEDIA hatte die Rolle des manager magazins bei seiner jüngsten Enthüllungsgeschichte bereits kritisch hinterfragt.

Die vollständige Wahrheit wird vermutlich im Dunkeln bleiben. Über den Führungs- und Kommunikationsstil der Gütersloher darf man nach Sicht der Sachlage aber durchaus geteilter Meinung sein – vorsichtig formuliert. Sollten die Vermutung Thomas Schulers stimmen, und die Bertelsmänner hätten den Artikel im manager magazin tatsächlich lanciert, um möglichst schnell und billig die Alleinherrschaft bei Gruner + Jahr zu erhalten, so ist dies jedenfalls krachend gescheitert. Die Verhandlungen mit der Jahr-Familie über eine Komplett-Übernahme wurden kurze Zeit nach Ende der selbstfabrizierten Führungskrise abgebrochen. G+J hat mit der Jahr-Familie und Bertelsmann weiter zwei Herren. Für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Beteiligten untereinander waren die Vorgänge rund um das Gruner+Jahr Sommertheater freilich wenig förderlich.

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